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Es hört sich an wie eine Melodie - Anthologie über Behinderungen

Harte Fakten

Titel Es hört sich an wie eine Melodie
Herausgeber/Verlag Geest-Verlag
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 342
Preis 14 Euro
ISBN 978-3-86685-757-5
Link zur Webseite http://geest-verlag.de/

Inhalt

In der 66. Ausgabe des Veilchens, also genau vor einem Jahr, erschien eine Ausschreibung des Geest-Verlags für die Anthologie „Es hört sich an wie eine Melodie“. Aufgerufen waren Menschen mit Behinderung, Texte beliebigen Genres zu diesem Thema einzureichen. Nun sind die Siegertexte und weitere aus den über 600 eingereichten Beiträgen in einer Anthologie erschienen. Lyrik und Prosa berichten vom Leben mit verschiedensten Behinderungen. Angelika Schranz und Karl Farr, beide treue Stammautoren des Veilchens, sind in dem Buch vertreten.

 

Um es gleich vorne weg zu sagen: Höhere Literatur ist bei diesem Projekt kaum herausgekommen. Die Sprache ist selten poetisch, meist eher schlicht. Aber hier findet die Leserin das pralle Leben, ungeschminkte Authentizität. Echte Menschen schreiben über echtes Leid und echte Freude. Es geht um den Schmerz als den Dirigenten eines Lebens, um Schmerzgesänge und um „der Sehnenscheiden Nachtgesang“. Es geht um Leben und Tod. Die engagierte Sportlerin ist sehr tapfer, aber sie stirbt am Krebs. Bis hin zu Selbstmordgedanken ist nichts ein Tabu: „Der Schmerz, mein letzter Freund, er übertönt die wahren Wunden.“, „Ich will nicht tot sein, ich will nur sterben.“, „Nur noch einmal einschlafen, dann ist es vorbei.“ Aber auch um das Leben außerhalb, trotz und mit der Krankheit. Eine Rollstuhlfahrerin geht auf Konzerte, es fließt „nacktes Blut“, die Obdachlose gibt im Kaufhaus spontan ein Klavierkonzert und eine andere Rollstuhlfahrerin hört so lange hilfreiche Geistermusik, bis sie bei ihrem Traummann einzieht.

Leseprobe:

Es sind die leisen
Es sind die leisen, schüchternen Gesänge,
die Zeiten überdauern, in uns weben,
und die gewichtslos mit den Wolken schweben,
auf dass ein gutes Leben uns gelänge:
Es sind die leisen, schüchternen Gesänge.

Besonders gut gefallen hat mir der „Brief an meinen Körper“, den die Seele schreibt. Darin geht es um das Duett von Seele und Körper, um zerstörte Tasten und das verstimmte Klavier. Die herrlichen und unbeschwerten Melodien von früher sind für immer dahin. Der neue Ton klingt dumpfer, leiser und immer noch fremd.
Dieses Buch ist prallvoll mit Leben, Leiden und Freude. Voll Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Ungesagtes wird endlich gesagt. Eine intensive Leseerfahrung.

 

Gastrezension von Andrea Herrman,  zuerst veröffentlicht in der Juli-Ausgabe 2020 des Veilchens.

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