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Die linke Hand der Dunkelheit von Ursula le Guin

Harte Fakten

Titel Die linke Hand der Dunkelheit
Autor*in Ursula le Guin
Erscheinungsjahr 1969
Seitenzahl 285

Inhalt

Auf dem Planeten Winter ist es kalt. Der Besucher Genre Ai (eigentlich Genle, aber ein "l" können die auf Winter nicht aussprechen) ist als eine Art Botschafter dort. Er entstammt einem Volk mit Geschlechtern, ist selber männlich. Für ihn ist die Angrogynität der Bewohner*innen von Winter also genauso fremd wie für uns. Seine Aufgabe ist es, die Bewohner*innen dazu zu bringen, Teil des Kollektivs zu werden, dem auch er und ca. achtzig andere Welten angehören.

 

Auf Winter gibt es keine Geschlechter. Alle sind quasi neutral, nutzen das männliche Personalpronom. Sie sind ambisexuell, also asexuell bis auf die kurze Phase der Kemmer - die nur einmal im Jahr vorkommt und genauso lang ist wie die fruchtbare Phase der Frau. Dann können sie Sex haben und empfangen. Gemeinsam mit jemand anderem, der ebenfalls in der Kemmer ist. Während der Kemmer wird dann einer der beiden Partner weiblich oder eben männlich. Wer weiblich ist, kann ein Kind empfangen. Schwanger und stillend bleibt das Geschöpf dann weiblich bis zum Ende der Stillzeit. Ansonsten werden sie nach Abschluss der Kemmer wieder neutral. Man muss nicht immer weiblich oder immer männlich sein während der Kemmer. Jeder hat das Potenzial für beides. Kann im Leben mehrmals Mutter werden und auch Vater. Kindererziehung über 1-2 Jahren ist eh Sache der Gemeinschaft. Dass jede*r plötzlich schwanger werden kann, nicht nur die Hälfte der Bevölkerung, hat eine Art Gleichberechtigung erzeugt, von der wir hier nur träumen können. Schwangerschaft und gebunden an ein Baby: es kann tatsächlich jeden treffen. Das ist mal ein netter Gedanke!

 

Dadurch allerdings, dass in dem Roman das Pronomen "er" benutzt wird, kommt es mir eher so vor, als würde ich einen Roman lesen, in dem lauter Männer mitspielen. Da muss ich mir immer wieder bewusst sagen: Das sind keine Männer. Das sind Winterahner, das ist etwas völlig anderes.

 

Vielleicht nicht nur aufgrund ihrer Androgynität verhalten sich die Leute auf Winter nicht unbedingt so, wie ich es von Menschen in Romane oder meiner Umgebung gewohnt bin. Sie sind speziell. Das ist ziemlich gut gemacht. Sie sind anders, ein fremdes Volk. Der Botschafter Genly ist mir etwas näher, auch wenn er natürlich ebenfalls fremd ist - aber immerhin scheint er körperlich dem zu entsprechen, das ich als Mann kenne.

 

Es ist aufgrund der vielen Namen und Orte oft schwierig für mich, mich zurechtzufinden. Ich erkenne Genly und Estraven, die beiden Hauptfiguren, die auch beide als Ich-Erzähler fungieren. Zwischendurch werden auch Sagen und Geschichten erzählt, die der Vergangenheit von Winter entstammen, die zwar die Haupthandlung nicht voranbringen, aber tieferes Wissen über diese Welt vermitteln, das ich dankbar aufnehme.

 

Der Plot ist zum Teil politisch und die Politik und das soziale Gefüge dieser fremden Welt bleiben mir zunächst fremd. Ich kann nur Sprache und Phantasie bewundern. Nach ein paar Kapiteln finde ich mich aber besser zurecht, auch wenn die Namen der Regionen und deren doch bedeutsame Unterschiede und die vielen Nebenfiguren mir nie komplett klar werden, verfolge ich die Handlung doch mit Spannung. Sowohl der Botschafter Genly als auch Estraven, der ehemalige Premierminister, der des Verrats bezichtigt wird, kommen mir schnell nahe. Als Genly in ernste Schwierigkeiten gerät und Estraven - der ja eigentlich selber genügend Ärger hat - ihm zur Hilfe kommt, bin ich längst Feuer und Flamme für die Handlung.

 

Als nächstes lese ich die "freien Geister" von ihr. Aber vorher mal ein bisschen etwas leichtfüßigeres. Sowohl Le Guin als auch Kate Wilhelm sind nicht wirklich Autorinnen, die ich mal schnell nebenher weglesen kann.

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