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Die Leiden des jungen Werther von J. W. von Goethe

Harte Fakten

Titel  Die Leiden des jungen Werther
Autor*in  Johann Wolfgang von Goethe
Erscheinungsjahr  1774
Seitenzahl  132

Inhalt

In der Schule hatte ich ihn gelesen, zwölfte Klasse, im Deutsch Leistungskurs. Von uns mochte den Roman niemand. Ganz besonders abscheulich fanden besonders meine männlichen Klassenkameraden, dass der Selbstmord nicht sauber über die Bühne ging und er noch ewig vor sich hin litt.

 

2020 nahm ich mir den Roman wieder vor, weil ich insgesamt mehr Klassiker lesen wollte. Sprachlich sorgte das teilweise für Entzücken, und auch für Befremden. Der Roman ist ja nochmal locker hundert Jahre älter als die anderen Klassiker, die ich in deutscher Übersetzung gelesen habe wie Frankenstein und die Schatzinsel.

 

Immerhin ist der Werther zumindest anfangs noch glücklich und optimistisch, die Atmosphäre ist nett, die Bilder rund um seine Angebetete und ihre acht (!) Geschwister sind süß und liebenswert. Langweilig, hätte ich mit siebzehn gesagt. Mit zweiundvierzig sehe ich die Arbeit der vielen kleinen Kinder ein wenig anders und bin beeindruckt, wie leichtfüßig und liebevoll das beschrieben wird. Überhaupt hatten die Leute damals so viel Muße, jedenfalls in dieser Gesellschaftsklasse.

 

Der erste der beiden Teile ist auch einigermaßen heiter. Werther fühlt sich wohl, ist verliebt. Zwar ist es für ihn natürlich tragisch, dass eine Angebetete Charlotte bereits mit Albert verlobt ist, jedoch genießt er dennoch die Zeit mir ihr und ist eher frohen Herzens.

 

Das ändert sich im zweiten Teil. Charlotte und Albert sind verheiratet und Werthers Gedanken und Leben verdüstern sich. Er kann sich nicht so recht vorstellen, dass Albert seine Lotte so liebt wie er selber. Dann denkt er laut darüber nach, was wohl wäre, wenn Albert stürbe. Der Liebeskummer ist offensichtlich und das Leiden des Titels wird gut beschrieben. Für mich liest sich das immer noch zäh, ich kann mir aber vorstellen, dass die Leser*innen dieser Zeit ganz begeistert von der offenen Empfindsamkeit waren. Immerhin lässt hier der Ich-Erzähler ganz schön die Hosen herunter. Goethe hatte ja eine ganz ähnliche Geschichte selber erlebt, nur dass er sich davon auch wieder erholt hat.

 

Der letzte Teil besteht dann nicht ausschließlich nur aus Briefen (Verletzte und Tote können ja schwerlich Briefe schreiben), sondern enthält Anmerkungen des Herausgebers, die unter anderem den Selbstmord und die Geschehnisse nach dem Selbstmord schildern. Für mich persönlich ist dieser letzte Teil nicht einfach zu ertragen. Mit dem Thema Suizid habe ich ein Problem. Ich habe da eher die Krankheiten rund um Depressionen im Kopf und denke: Warum hat da niemand geholfen? Suizid rein aus Liebeskummer ist für mich schwer nachvollziehbar. Hatte der Werter Depressionen?

 

Lottes Standpunkt war wohl auch eher schwierig. Zwar liebte sie den Werther nicht, schätzte ihn aber und gönnte ihn auch irgendwie ihren Freundinnen nicht. Das lese ich so im Zwischentext heraus. Sie bekommt ja seine Liebe mit und weiß nicht so recht damit umzugehen. Kontakt abbrechen? Flirten? Ihn schnell in einen Bruder verwandeln?

 

Für mich liest sich der Selbstmord auch irgendwie, als würde er Lotte ein wenig damit strafen wollen. Ja, er möchte ihre Ehre und Ehe nicht gefährden und daher den Kontakt abbrechen. So weit so gut. Aber sich töten? Und dann noch einen letzten Brief an sie schreiben, damit sie auch sicher sein kann, dass es aufgrund seiner Gefühle ist? Ich zweifle nicht daran, dass Lotte sich schuldig fühlen wird.

 

Liest man den Werther im Kontext seiner Zeit und Goethes Biographie, wird es etwas erträglicher. Dass Goethe seine unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff literarisch verarbeitete, anstatt sich selber die Kugel zu geben, ist zu begrüßen. Dass ein Freund Goethes sich selber tötete, aus unerfüllter Liebe heraus, wollte sicher auch verarbeitet sein.

 

Unterhaltsam ist, dass das Buch schon damals kontrovers war. Laut Studien gab es nach dem Buch ein knappes Dutzend Selbstmorde, es gab also den Vorwurf, der Roman würde dazu verführen. Werther wurde außerdem als Störenfried für die Ehe angesehen.

 

Als ich das Buch vor fünfunzwanzig Jahren zuerst las, konnte ich damit nichts anfangen, weil ich zu jung war. Nun lese ich es als Frau, gefestigt in Liebe und Leben und kann wiederum kaum etwas damit anfangen. Ja, den Werther zu kennen, weil es ein wichtiges Stück Literaturgeschichte ist, das sehe ich ein. Aber ein drittes Mal werde ich ihn wohl nicht lesen.

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