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Wittgenstein von Raouf Khanfir

Inhalt

Der Protagonist Marco H. lebt anfänglich in Kanada. Er erbt ein Haus seiner Tante Emma in einem winzigen Dorf mit drei Straßen im Landkreis Wittgenstein. Prompt gibt er sein Leben in Kanada auf und zieht um. Bemerkenswert ist noch, dass sein Nachbar (der kaum die Wohnung verlässt) ihm kurz vor seinem Weggang noch schreibt, dass er ihn die ganze Zeit mit Wanzen und Kameras überwacht hat. Ein sehr schräger Brief von einem sehr schrägen Typen. Verständlich, dass Marco H. keine Ahnung hat, wie er darauf reagieren soll.

 

Er zieht das Haus seiner verstorbenen Großtante, renoviert das Erdgeschoss, lernt vereinzelt mal einen Nachbarn kennen und beginnt einen Job in der Taxizentrale im nächsten größeren Ort. 

 

Zwischendurch sind immer mal Kapitel aus einer anderen Perspektive eingeschoben. Darin geht es um Mordfälle, die in der Gegend Wittgenstein geschehen. Diese werden mit einem Auto - einem Mercedes - begangen. Da hören die Gemeinsamkeiten mit "Mr. Mercedes" auch schon auf. Sogar aus der Sicht des Mordenden wird geschrieben, allerdings in der Du-Perspektive. Ich genieße es nicht, wenn etwas in der zweiten Person Singular geschrieben ist, hier hat es allerdings einen Zweck und die Kapitel sind in der Regel auch nicht sehr lang. Als Marco H. bei der Taxizentrale beginnt, sind bereits drei Morde geschehen. 

 

Interessant ist die Figur der Teenagerin Monika, die als Kind angefahren wurde und seitdem auf eine sehr spezielle Art und Weise spricht. Etwas flach bleiben die meisten Figuren, so wie Anne, mit der Marco H. eine Beziehung eingeht, die meisten Taxifahrer der Zentrale und die beiden Nachbarn, die Marco im Laufe der Zeit kennenlernt. Die interessanteste Figur war eigentlich Marcos Nachbar in Kanada, der ihn professionell überwachte und auch später erneut eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. 

 

Der Krimi ist rund: Wir können mitraten und es ist auch nicht ganz schwierig zu ermitteln, wer der serienmördende Fahrer ist. Das Motiv bleibt ein wenig im Dunkeln, meiner Meinung nach, aber das macht nichts. Dieser Krimi ist sowieso ein wenig schräg und der Schreibstil ist auch nicht unbedingt das, was ich täglich lese. Ein bisschen Abwechslung ist manchmal nicht übel. 

 

Gelesen habe ich das Buch, weil es im Science Fiction Jahr 2012 rezensiert war. Es hat nur 152 Seiten und ist außerdem via Kindle Unlimited verfügbar, also habe ich reingelesen und was ausreichend interessiert, um es zu Ende zu lesen. Die phantastische Komponente ist allerdings sehr subtil und besteht mehr oder minder nur aus Dialogen zwischen dem Protagonisten Marco H. und dem Geist seiner verstorbenen Tante, die irgendwie auch tot noch ganz gut auf Zack ist. Außerdem hat die Story laut der Rezension im Science Fiction Jahr etwas schauriges. 

 

Andere Rezensionen findet man kaum. Immerhin eine habe ich bei Lovelybooks gefunden, dort findet der Rezensent Parallelen zwischen Marco H. und K. aus Kafkas "Das Schloss". Zum Glück ist Wittgenstein nicht unvollendet. Witzig ist, dass der Rezensent genau das Gegenteil von dem schreibt, was in der Rezension des Science Fiction Jahres gesagt wird: Die Schilderung der Wittgensteiner sei eine der Stärken des Buchs. Im SF Jahr wurde bemängelt, dass die Figuren dort alle gar keine richtigen Menschen seien. Vielleicht ist beides wahr, die Darstellung ist jedenfalls für mich überzeugend gewesen, auch wenn man fast nichts über die Leute erfährt. Aber das Handeln in kleinen Details, wie der Genuss eines selbstgebackenen Schwarzwälder-Kirsch-Kuchen sagt manchmal mehr über einen Menschen als tausend Worte.

 

Der Autor hat noch genau ein anderes Buch, "Abgeknickt" ist 2020 erschienen und ebenfalls via Kindle Unlimited verfügbar. Der Klappentext klingt witzig. Wieso nicht? Es ist sogar noch kürzer, könnte Spaß machen. 

Harte Fakten

Titel Wittgenstein 
Autor*in Raouf Khanfir 
Erscheinungsjahr 2011 
Seitenzahl 152 
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