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Gastrezension: Die verlorene Zukunft von Pepperharrow von Natasha Pulley

Natasha Pulley: Die verlorene Zukunft von Pepperharrow

Orig.: The Lost Future of Pepperharrow, 2020

Klett-Cotta, Stuttgart, 10/2023, Hardcover, ISBN 978-3-608-98729-4

 

In „Die verlorene Zukunft von Pepperharrow“ kehrt Natasha Pulley in die Welt des Uhrmachers in der Filigree Street zurück. Wieder steht Keito Mori, Angehöriger einer mächtigen Samurai-Familie, der in London eine Uhrmacherwerkstatt betreibt, im Zentrum der Ereignisse. Doch diesmal spielt der Roman fast ausschließlich in Moris Heimat Japan. Fünf Jahre sind seit den Ereignissen des ersten Bandes vergangen. Man schreibt das Jahr 1888. Die Lage in Japan ist angespannt. Russische Kriegsschiffe liegen vor der Küste und Kuroda, der japanische Premierminister, hat Panzerschiffe in Großbritannien bestellt, die in Bälde geliefert werden sollen. Ein falscher Schritt könnte einen Krieg auslösen. Mori, gerade erst von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Russland zurückgekehrt, reist auf Betreiben Kurodas nach Japan. Die beiden Männer teilen eine gemeinsame Vergangenheit. Kuroda kennt Moris Fähigkeit, sich an mögliche Zukünfte zu erinnern, und will sie für die bevorstehende kriegerische Auseinandersetzung nutzen. 

Thaniel, Moris Geliebter, der noch immer im britischen Außenministerium beschäftigt ist, begleitet Mori. Er ist nach Tokyo beordert worden, um in der dortigen britischen Gesandtschaft herauszufinden, warum das japanische Dienstpersonal dort angeblich Geister sieht. Tatsächlich ist Thaniels Vorgesetzter der Ansicht, dass der britische Gesandte der Situation vor Ort nicht gewachsen ist. 

Und auch Grace Carrow, promovierte Physikerin und Thaniels geschiedene Frau, lebt mit ihrem zweiten Mann inzwischen in Japan und lehrt an der Universität von Tokyo. Sie erhält durch einen Handlanger Kurodas das verlockende Angebot, Feldforschung zu ihrem Spezialgebiet, der Äthertheorie, zu betreiben – und verschwindet kurz darauf spurlos.

Als Mori und Thaniel mit ihrer kleinen Adoptivtochter Six Moris luxuriösen Landsitz erreichen, ist Thaniel schockiert zu erfahren, dass Mori seit Jahren verheiratet ist. Takiko Pepperharrow ist die Tochter einer Japanerin und eines Engländers und Leiterin eines berühmten Kabuki-Theaters. Schon gleich zu Anfang des Romans zeigt sich, dass sie sich mit Kuroda verschworen hat, um Mori eine Falle zu stellen, und dass der Tod von Kurodas Frau der Grund dafür ist, auch wenn die Hintergründe erst später enthüllt werden. Es ist Takikos verlorene Zukunft, auf die der Titel des Romans Bezug nimmt, aber erst ganz zum Schluss erfährt man, was damit gemeint ist.

Nachdem im ersten Akt alle Hauptpersonen vorgestellt wurden, folgt der Roman dem klassischen Aufbau eines Kabuki-Theaterstücks mit seinen fünf Akten. Und wie ein Zuschauer im Theater muss man über das hinaus sehen, was auf der offenen Bühne präsentiert wird. Im Spiel der Zufälle und Wahrscheinlichkeiten, der Realitäten und Möglichkeiten darf man sich nicht von Masken und Posen in die Irre leiten lassen. 

Bald schon häufen sich die Geistererscheinungen – nicht nur in der Gesandtschaft, sondern in ganz Tokyo und Umgebung, begleitet von ungewöhnlichen elektrischen Phänomenen, die schließlich zu Bränden und Todesfällen führen. Auch Thaniel hat „Erscheinungen“, erkennt aber bald, dass Menschenwerk dahintersteckt und begibt sich auf die Suche nach der Ursache. Derweil wird Takiko von Mori mit einem rätselhaften Auftrag in ein abgelegenes Straflager im Norden Japans geschickt. Aber ist Mori, dessen Landsitz von Kurodas Leuten abgeschirmt wird, überhaupt noch in der Lage, vorauszusehen, was geschehen wird?

All das wird ruhig und zurückhaltend erzählt. Selbst gestorben wird still und meist abseits der Szene, das Blut wie hingetupft, die toten Körper von Schnee überhaucht. Es sind Bilder wie aus japanischen Holzschnitten: ein schwimmender Markt, ein einsamer Schrein im Wald, ein Wanderer im Schnee – und über allem der Fujiyama, der heilige Berg.

Der Roman zeigt eine Kultur im Umbruch. Es ist die Zeit kurz vor der Verabschiedung der japanischen Verfassung von 1889, die Japan von einer absoluten in eine konstitutionelle Monarchie verwandeln wird. Auf der einen Seite gibt es westliche Einflüsse, Elektrizität, Technik und moderne Waffen, auf der anderen Seite eine föderale Gesellschaft, gelebte uralte Traditionen, Samuraischwerter und Geisteraustreiber. Und auch Kuroda muss feststellen, dass die Macht eines Samuraifürsten noch immer größer ist als die jedes Staatsbediensteten.  Selbst Mori, der jahrelang im Ausland gelebt hat, kann sich diesen Traditionen nicht entziehen, wird vom „einfachen“ Uhrmachermeister wieder zum mächtigen Baron, angetan mit Schwert und Rüstung. Und so tritt der Steampunk-Charakter des ersten Bandes hier auch deutlich in den Hintergrund zugunsten einer eher mystischen Ausrichtung voller Geister und Legenden.

Als Gegenstück zum ersten Band sind es nun die Briten und anderen Europäer, die von den Japanern als unzivilisierte Barbaren betrachtet werden, als Gaijin, was Thaniel auf Schritt und Tritt zu spüren bekommt, selbst in Moris Haus, wo dessen Diener an seinen „schlechten“ Manieren schier verzweifeln. Auch die Vorbehalte eines Teils der japanischen Bevölkerung gegen Europäer und Amerikaner, die in ihr Land drängen und sich den Zugang zu den japanischen Häfen und Märkten teils gewaltsam erstritten haben, werden thematisiert. Die Briten andererseits sind weiterhin von ihrer Überlegenheit gegenüber den Japanern überzeugt, lernen die fremde Sprache nicht und schätzen die japanischen Sitten und Gebräuche gering, was für das britische Personal der Gesandtschaft letztlich fast katastrophale Folgen hat. 

Weit mehr noch als im ersten Band der Reihe gewinnt man einen faszinierenden Einblick in die Art und Weise, in der Mori die Welt sieht, sich an Dinge erinnert, die noch nicht geschehen sind. Mit einem Trick macht Pulley all die möglichen Zukünfte wunderbar anschaulich. Was wäre, wenn man den Schmetterlingseffekt bis in seine feinsten Verästelungen voraussehen könnte? Wenn man ein Geschehen über Monate und Jahre hinweg planen könnte, weil man genau weiß, welche Faktoren man beeinflussen muss, damit aus der gewünschten Zukunft Realität wird. Wenn man auf der Klaviatur der möglichen Zukünfte spielen könnte wie ein Pianist auf seinem Klavier. „Ich schenke dir meinen Tod“, heißt es in der Schlüsselszene des Buches. „Was könntest du damit anfangen?“

Aber diese Macht ist auch erschreckend. Selbst seine eigene Familie fürchtet Moris Fähigkeit. Denn sie beinhaltet auch, Dinge geschehen zu lassen, die man verhindern könnte - Todesfälle, Katastrophen. Und er ist nicht der Erste mit dieser Gabe. Es gab schon andere wie ihn in seiner Familie, um die sich düstere Legenden ranken. Ist Mori also der von seinen Erinnerungen an die Zukunft geplagte Mann, als den Thaniel ihn sieht, oder doch der König der nützlichen Todesfälle, für den Takiko ihn hält? Ist er der Held in diesem Stück oder der Schurke? 

Wie leicht kann aber auch eine einzige ungeplante Abweichung alles verändern und die gerade noch wahrscheinliche Zukunft auslöschen, sinnfällig dadurch ausgedrückt, dass Mori alles, was zu dieser Zukunft geführt hat, vergisst. So ist es auch sehr passend, dass sich die militärische Konfrontation mit Russland, die den Hintergrund der Handlung bildet, so nicht zugetragen hat, angesichts der japanischen und russischen Expansionbestrebungen sich aber hätte zutragen können. 1904 kam es schließlich zum japanisch-russischen Krieg.

Und Takiko Pepperharrow? Mehr und mehr entwickelt sie sich zum Dreh-und Angelpunkt der Geschichte. Am Ende ihrer Reise ist es ihre Entscheidung, die den Ausgang des Geschehens bestimmt und den Kreis schließt. 

„Die verlorene Zukunft von Pepperharrow“ ist eine wunderbare Erzählung darüber, wie eine einzige Tat den Lauf der Geschichte beeinflussen kann, aber auch das Leben der Menschen, die Geschichte letztlich ausmachen.

 

Christine (Chris) Witt

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