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Klassiker lesen Teil 2: Solaris von Stanislaw Lem

Harte Fakten

Titel Solaris
Autor*in Stanislav Lem
Erscheinungsjahr 1961
Seitenanzahl ~288
Anzahl Stunden Hörbuch 8:42
Sprecher Detlef Bierstedt
Erscheinungsjahr Hörbuch 2014

Inhalt: Krimi, Philosophie, Liebe

Klar, kürzlich erst habe ich Frankenstein gelesen, die "Mutter" aller SF-Romane. Sonst allerdings lese ich äußerst selten SF (Der Schwarm von Schätzing wird von einigen als SF empfunden) und wirklich absolut nie etwas mit Raumschiffen, Raumstationen oder fernen Planeten. Höchstens als Film. Absolut niemals als Buch.

 

Solaris ist also definitiv das erste Buch dieser Art, das ich mir reingezogen habe. Übrigens als Hörbuch von George Clooneys Synchronstimme. Von dem Film mit Clooney habe ich ja nichts gutes gehört, über Detlef Bierstedt kann ich jedenfalls sagen, dass er das sehr gut vorliest, einfach passend.

 

Solaris ist sicherlich eine gute Wahl für den Einstieg in SF-Literatur und auch ordentlich alt, von 1961.  Von Lem kannte ich bisher nur eine ziemlich seltsame Kurzgeschichte und Teile seiner Biographie "Das hohe Schloß".

 

Der Anfang des Romans ist spannend mit einem Hang zum Grusel. Der Protagonist Kris Kelvin taucht auf der Solaris-Station auf und trifft zuerst auf den Kybernetiker Snaut. Der wird übrigens sehr blumig beschrieben mit weißen Brusthaaren, die aus Maschen herausschauen, sehr bildlich. Gelesen wird der Dialog auch herrlich.

"Wer sind Sie, was wollen Sie, ich kenne Sie nicht?"

Kelvin braucht eine Weile, um zu Snaut durchzudringen. Eigentlich will er zu Gibarian, mit dem er früher schon zusammengearbeitet hat, aber der hat sich tags zuvor umgebracht. Ein Rätsel.

Aus Snaut kriegt er nicht viel heraus. Sartorius, der andere Forscher an Bord, benimmt sich sogar noch seltsamer und lässt ihn nicht in sein Zimmer.

 

Der Planet Solaris hat zwei Sonnen unterschiedlicher Lichtfärbung und nahezu seine gesamte Oberfläche besteht aus einem Ozean. Dieser hat die Konsistenz von Sirup und bildet verschiedene Formationen. Offenbar eine Lebensform. Allerdings keine dem Menschen auch nur irgendwie ähnliche.

 

Snaut spricht von "Gästen" und deutet an, auch Kelvin werde früher oder später noch einen Gast bekommen. Dies geschieht auch. Kris' Frau Harey, seit zehn Jahren tot, taucht plötzlich in Kelvins Zimmer auf. Es ist mitten in der Nacht, er wähnt sich erst träumend. Doch Harey verschwindet nicht. Als er sie mittels einer Rakete loswird, kommt sie nach einer kleinen Weile wieder.

 

Spannend, wie Kelvin ganz wissenschaftlich versucht herauszufinden, ob er wahnsinnig ist und dann zu dem Schluss kommt, er sei es nicht. Snaut und Sartorius auch nicht, aber mit den Nerven am Ende sind sie allemal. Auch an Kelvins Nerven nagt die Anwesenheit Hareys - jedenfalls anfänglich.

Eigene Überlegungen

Also wer ist jetzt die große Schwarze Frau, der Kelvin anfänglich begegnet und die er dann im Kühlraum wiedersieht, als er die Leiche Gibarians begutachtet? Gibarians Gast? Sinn würde das ergeben, warum sollte sie sonst bei seiner Leiche bleiben. Offenbar überleben dann die Gäste den Tod desjenigen, den sie besuchen? Nun, das ist hart, oder?

 

An dem Verhältnis zur vom Ozean erzeugten Harey und dem Protagonisten fand ich nun mehrere Dinge interessant. Erstens, Harey bekommt selber heraus, dass sie nicht die echte, ursprüngliche Harey ist, sondern neu erschaffen wurde und zum Teil einfach aus Kelvins Erinnerungen besteht, aber immer "echter" wird, je länger sie bei Kelvin bleibt. Sie wird sich also ihrer Nichtmenschlichkeit bewusst, gerade das macht sie irgendwie menschlicher.

Zweitens verliebt sich Kelvin nach einer Weile in diese Version von Harey und macht Zukunftspläne mit ihr. Er weiß, sie ist nicht seine verstorbene Frau. Er sagt sogar, er würde sie eben nicht lieben, wenn sie es wäre.

Sie machen Pläne außerhalb der Raumstation, die natürlich scheitern müssen. Abgesehen davon, dass unklar ist, ob sie außerhalb von Solaris Bestand haben würde, wissen sie, dass sie es nur schwerlich in seiner Abwesenheit aushält. Da sie keine Papiere hat, würden sie sofort beim Versuch die Station gemeinsam zu verlassen, getrennt, und Hareys Identität würde untersucht werden.

 

Auch Harey liebt Kelvin, so habe ich es jedenfalls empfunden. Aus Liebe beschließt sie, Snaut und Sartorius zu helfen, ihr und den anderen Gästen ein Ende zu machen. Harey ist am Ende unwiederbringlich fort. Kelvin leidet. Doch verbleibt er auf der Station, mit einem Rest von Hoffnung. Hoffnung worauf? Auf eine weitere Version von Harey? Nicht unbedingt. Aber darauf, dass etwas passiert.

 

Sartorius scheint ein Kind bei sich zu haben, ganz genau wird das nie beschrieben. Er hält seinen Gast sehr geheim. Snaut ebenfalls. Nun, wenn es ebenfalls Verstorbene sind, vielleicht sogar verstorben zum Teil durch ihre Mitschuld, ist das ja auch verständlich. Kelvin fühlt sich schuldig am Selbstmord seiner Frau Harey, da er sie wenige Tage vorher verließ und sie sich mit einem Gift umbrachte, dass er in ihrer gemeinsamen Wohnung vergessen hatte. Es wäre doch aber ein enormer Zufall, wenn alle vier Wissenschaftler an Bord der Solaris-Station sich schuldig fühlen würden am Tod eines geliebten Menschen?

 

Nun, es bleibt im Dunkeln, wer die anderen Gäste waren und das hat einen hohen Reiz, eine schöne Leerstelle für uns Leser*innen, die mit eigenen Ideen und Phantasie gefüllt werden darf. Ich stelle mir die Frage: Wer würde mich besuchen?

 

Eine Zusammenfassung wird dem auch nicht gerecht. Es ist einfach so gut geschrieben und zieht mich total hinein in die Raumstation, in den Kopf. Ich bin mit Kelvin in der Bibliothek und wühle mich durch Bücher der Solaristik, interessiere mich plötzlich für diese total fiktive Wissenschaft, ich sehe die blauen und die roten Tage (denn Solaris hat zwei verschiedenfarbige Sonnen). Ich höre Snaut Stimme. Ich sehe Harey, ich fühle mit ihr, als ihr klar wird, wer oder was sie ist. Ich fühle mit Kelvin, obwohl der sich doch sehr oft sehr bedeckt hält, vor allem für einen Ich-Erzähler.

Rezeption, Filme, Lem

Lem passte die Verfilmung von 1972 schon nicht so recht. Mit der George-Clooney-Verfilmung von 2020 war er absolut nicht einverstanden.

 

Der Regisseur Soderbergh hat eher auf die tragische Liebesgeschichte zwischen Kris Kelvin und Harey fokussiert. Laut Lem ginge es "seines Wissens" jedoch in seinem Roman "nicht die erotischen Probleme der Menschen im Weltraum" (Quelle).

Nun ist es eine faszinierende Frage, inwieweit der Autor sich selbst mit seinem Werk unbedingt besser auskennt als der/die Leser*in. Gibt es nicht so viele Interpretationen wie Leser*innen? Von erotischen Problemen habe ich in der Tat auch nichts gelesen, aber von zwischenmenschlichen Problemen durchaus. Es ging um Liebe. Das steht doch sogar im Text. "Sag das anders." fordert Harey ihn auf und er antwortet "Ich liebe dich". Hat er nicht durchaus Liebeskummer am Ende des Buches und ist verzweifelt, diese Version von Harey verloren zu haben?

 

Weiter heißt es, Lem verzichte größtenteils auf Erotik und Sex. Wahrlich wahr, aber ich habe auch gelesen (bzw. gehört) "Sein Körper bekannte sich zu ihr". Das ist nun ein weites Feld, ich würde darunter aber mindestens eine Errektion verstehen, wenn nicht sogar einen vollzogenen Akt. Mehr Erotik brauche ich persönlich auch nicht, das hätte gar nicht zum Stil des Romans gepasst. Aber frei von Sex ist somit der Roman für mich nicht. Nun habe ich Soderberghs Film bisher nicht gesehen, wer weiß was da so abgeht.

 

Lem hat aber auch eingeräumt: "Es ist eine harte Nuss, den Stoff meines Buches für die Masse verständlich zu machen."

 

Das stelle ich mir allerdings auch so vor. Bei Solaris passiert ja so viel im Kopf. Wie will man das filmen? Ich schaue mir die beiden Filme mal an und bin gespannt, wie das umgesetzt wurde.

Persönliches Fazit

Nachdem es nun eine Woche her ist, dass ich das Buch vollendet habe und einige Podcasts und Analysen angeschaut und Artikel gelesen habe, bin ich davon überzeugt, dass ich das Buch anders verstanden habe als Lem. Für Lem ist es eine Geschichte des außerirdischen Ozeans, der von den Menschen erforscht werden soll, aber stattdessen sind diese nur mit sich selber beschäftigt.

 

Für mich ist der wissenschaftliche Aspekt zwar faszinierend, vor allem anfangs, als es darum geht, das Rätsel zu lösen, was denn hier passiert ist. Das eigentlich spannende ist doch aber der so unterschiedliche Umgang der vier verschiedenen Forscher mit ihren Gästen. Gibarian tötet sich. Snaut hält seinen Gast versteckt. Sartorius schottet sich mehr ab als Snaut, hat da offenbar ein Kind und will ebenfalls nicht, dass jemand dieses sieht. Sowohl Snaut als auch Sartorius wollen ihre Gäste nachhaltig loswerden und es gelingt ihnen am Ende auch. Der Protagonist Kelvin ändert seine Meinung und verliebt sich in seinen Gast, macht Zukunftspläne.

 

In einigen Rezensionen lese ich, dass Kelvin sich das alles nur vormacht und keine echten Gefühle für diese Version von Harey entwickelt. Ich habe das anders gelesen (gehört). Es ist ein sehr großer Teil des Reizes des Roman, dass es zwar ein Ich-Erzähler ist, man aber trotzdem viel auf Interpretation angewiesen ist. Wer weiß, wenn ich das Buch zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben erneut lese, dann lese ich ein völlig neues Buch.

 

Genau das, diese Tiefe, diese Möglichkeit der Interpretationen, diese unterschiedlichen Lesarten, die alle ihre Gültigkeit und Berechtigung haben, macht dieses Werk zu einem ganz großen, zu einem der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Kaum habe ich es vollendet, könnte ich wieder von Neuem beginnen. Es spielt in einer Liga mit den allerbesten, vielleicht sogar in seiner eigenen Liga. Ich frage mich, ob die anderen Romane von Lem auch so gut sind.

Einige Links zu Interpretationen und Informationen

Film von 1972

Buchbesprechung (Die interpretieren das irgendwie ein wenig anders als ich)

CineCouch Podcast zu dem Film von 1972 (Die haben allerdings das Buch nicht gelesen)

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