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Über das Schreiben von Sol Stein für Autor*innen

Harte Fakten

Titel Stein on Writing
Titel der Übersetzung  Über das Schreiben
Seitenanzahl 320
Jahr der Erstveröffentlichung 1995

Das bisher beste Buch über das Schreiben

Vorher hatte ich (in den Neunzigern) mal James N. Frey gelesen, fand ich damals gut, konnte das nur irgendwie nicht umsetzen.

Circa zehn Jahre später las ich Lajos Egri, der mich mit seiner "Sie brauchen eine Prämisse, sonst haben Sie nichts"-These zur Verzweiflung brachte und mir sehr unerbittlich vorkam, auch wenn er vermutlich Recht hat.

 

In diesem Jahr habe ich ziemlich viele Schreibratgeber von Hans-Peter Roentgen verschlungen. Er ist sehr praktisch veranlagt und ich kannte ihn schon, da ich von ihm vor 10-20 Jahren mal den Autor*innen-Newsletter "The Tempest" abonniert hatte. Roentgen zitiert oft Sol Stein, daher kaufte ich mir das Buch.

 

Dies ist meiner persönlichen Meinung nach das beste Buch zu dem Thema, das ich bisher gelesen habe.

 

Sol Stein ist leider 2019 gestorben, sonst käme ich in Versuchung, ihm einen Fanbrief zu schreiben. Der hätte ihn aber ja vermutlich auch zu Lebzeiten schwerlich erreicht.

Aufbau des Ratgebers

Ich habe die englische Version gelesen, da es die deutsche nicht als eBook gibt. Das hat den Vorteil, dass ich die Textauszüge im Original genießen kann und den Nachteil, dass ich Übersetzungsarbeit leisten muss, denn ich schreibe ja schließlich auf Deutsch, zumindest wenn ich Fiction schreibe.

 

Ich belasse also die Überschriften im Original und kommentiere auf Deutsch.

 

Part I: The Essentials

Part II: Fiction

Part III: Fiction and Nonfiction

Part IV: Nonfiction

Part V: Literary Values in Fiction and Nonfiction

Part VI: Revision

Part VII: Where to Get Help

 

Sol Stein hat zwar ein paar eigene Romane veröffentlicht, seine Hauptarbeit bestand aber darin, mit anderen Autor*innen zu arbeiten, seien es Anfänger*innen oder Profis. Das merkt man ihm auch an. Er kann nicht nur schreiben (ich lese gerade sein Debut "The Magician"), sondern das auch vermitteln.

 

In diesem Buch geht es nicht nur um Fiction, auch Nonfiction hat seinen Platz. Das ist für mich nützlich, da ich in den letzten 10 Jahren viel mehr Nonfiction (Paper, Blogposts rund um das Thema Digitale Langzeitarchivierung, Dateiformaterkennung, Dateivalidierung, Zeug für die Arbeit eben) geschrieben habe und während meiner Studentinnenzeit auch als Redaktionsassistentin geschuftet habe. Ich kann mich also noch gut erinnern an die Schwierigkeiten des journalistischen Schreibens. Zum Thema journalistisches Schreiben hatte ich auch mal einen umfangreichen Workshop, den damals meine Schule bezahlt hatte, aufgrund meiner Aktivität in der Schülerzeitung.

 

Auch wenn also mein Fokus beim Lesen dieses Sachbuchs auf Fiction lag, konnte ich den anderen Beispielen auch etwas abgewinnen. Wem das gar nicht schmeckt, der kann entsprechende Kapitel dazu auch leicht überblättern.

 

Laut Sol muss man ziemlich zu Anfang, am besten im ersten Paragraphen, gut in die Geschichte einsteigen. Es sollte gleich etwas interessantes passieren oder ein bemerkenswertes Detail beschrieben werden.

 

Ziemlich bald sollte dann der "Haken" kommen, der den/die Leser*in ködert und zum Weiterlesen bringt. Von heute aus gesehen würde ich sagen: Das muss innerhalb der Leseprobe geschehen.

 

Er legt einen großen Fokus darauf, dass die Charaktere gut und tiefgründig sein müssen und klare Ziele verfolgen. Und ja, beim Verfolgen dieser Ziele werden ihnen viele Steine in den Weg gelegt. Niemand darf es seinen Figuren zu leicht machen. Der/die Leser*in muss auf die Folter gespannt werden.

 

Gut ist, wenn jede Szene einen Konflikt birgt. Wenn es einen Dialog zwischen Charakteren gibt, hat jede*r davon sein/ihr eigenes Drehbuch. Beispielsweise ein Schuldirektor, der den Jungen dringend suspendieren will und davon nicht abweicht und die Mutter des Schülers, die dies unbedingt verhindern will. So eine Szene wird konfliktbehaftet sein und das ist, was der/die Leser*in lesen will.

 

Wenn ich mir da "The Magician" anschaue (bin zu etwa einem Viertel durch), dann sehe ich, dass es ihm gelingt, sogar die Nebenfiguren teilweise in einem Nebensatz mit einem griffigen Detail zu charakterisieren. Das ist großartig. Da kann ich mir viel abgucken.

 

Auch die Antagonisten brauchen Tiefe und nachvollziehbare Motive. Über die dürfen wir auch gern mehr erfahren. Beim "Magician" ist das mit dem Antagonisten Stanley Urek gut umgesetzt. Der ist definitiv plastisch und vielschichtig, wenn auch ganz klar der Böse.

 

Dann gibt es zwei Dinge, die mir vor allem in Erinnerung geblieben sind, die ich (vielleicht zum Leidwesen einiger Autor*innen) nur auch in Rezensionen immer stark anprangere:

  • Wenn statt szenischem Erzählen Infodump oder narratives Zusammenfassen erfolgt
  • Labelnde Adjekte, stattdessen lieber "Show don't tell"

Laut Stein ist in früheren Romanen das narrative Zusammenfassen eher üblich gewesen und das szenische Erzählen nun in den letzten siebzig Jahren dank Kino und Fernsehen für die heutige Leserschaft besser geeignet. Wenn du die Szene nicht so verfilmen kannst, ist sie nicht szenisch, schreibt er.

 

Das ist natürlich ziemlich streng.

 

Erstens muss ich sagen, ich habe kürzlich Frankenstein gelesen und das meiste dort war schon eher szenisch, gleiches gilt für das tote Brügge.

 

Zweitens bin ich unsicher, ob man wirklich sooo streng sein muss. Wenn ich jetzt etwas lese, achte ich sehr darauf. Es kommt ganz darauf an, wie es gemacht ist. Im Zweifel ist szenisch allemal besser. Bei mir selber setze ich darauf jetzt recht streng (wenn ich auch Testleser*innen brauche, die mir das ggf. ankreiden), aber wie streng ich bei Rezensionen wirklich sein will ist mir noch nicht ganz klar.

 

Labelnde Adjektive: Ja, das ist in der Tat etwas, das mich schon seit Jahrzehnten stört.

Das Extrem wäre "Leck mich!" schrie sie wütend. Das wäre dann doppelt und dreifach, dass sie wütend ist, steckt sowohl in dem was sie sagt als auch in dem "schrie sie".

Mich stören diese Adverbien und Adjektive aber auch, vor allem wenn sie unnötig sind oder ich das Gefühl habe, man hätte das auch zeigen statt sagen können. Bei Harry Potter kam das auch echt oft, finde ich, das war aber insgesamt so spannend, dass ich darüber wegsehen konnte.

 

Er legt ebenfalls einen Fokus auf "Particularity". Anstatt eine Person ausgiebig zu beschreiben, sollte man sich auf Details oder sogar nur ein Detail konzentrieren, dass die Person gut charakterisiert. Er hat das Beispiel gebracht von der akribisch angezogenen älteren Dame, perfekt geschminkt, die dasitzt und sich in der Nase bohrt. Dieser Gegensatz ist interessant und bemerkenswert. Bei "The Magician" macht er das auch sehr gut.

 

Viel sagt er zu Dialogen, auch dass diese nicht grammatikalisch korrekt und umgangssprachlich sein müssen und auch nicht immer sollten. Meiner Beobachtung nach klingt das im Englischen aber besser bzw. sieht besser aus, z. B. "Whatcha mean?", im Deutschen sieht ähnliches komisch und gewollt aus, oder "Was meinsdu?".

 

Zum Thema Überarbeitung: Was ich immer vermutet habe, hier aber deutlich gesagt wird: Wenn ich mein Manuskript zu oft lesen, kann ich es irgendwann nicht mehr sehen. Er nennt es "grow cold". Daher empfiehlt er besondere Schritte beim Überarbeiten, um den Fokus klar zu haben und nicht zu oft lesen zu müssen.

 

Mir hat das Buch so gut gefallen, dass ich gleich "How to grow a novel" dazu gekauft und gelesen habe. Da steht inhaltlich eigentlich dasselbe drin, nur mit anderen Beispielen, anderen Anekdoten, vertieft das Thema nur und hat keinen Nonfiction-Part.

 

Im Moment ist Sol Stein mein Schreib-Guru, vermutlich dauert es noch einige Monate, bis ich als Testleserin und Rezensentin damit nicht allen anderen Autor*innen auf den Geist gehe.

 

Übrigens: Einen Preis für das beste Cover bekommt er aber nicht.

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