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Klassiker lesen Teil 3: Das tote Brügge von Georges Rodenbach

Titel Das tote Brügge
Autor Georges Rodenbach
Erscheinungsjahr 1892
Jahr der Übersetzung 1902
Seitenzahl 96

Klassiker-Reihe: Ich habe einiges nachzuholen

Das hier ist keine Rezension, sondern eine persönliche Betrachtung, die hemmungslos spoilert. Schließlich sind die Geschichten, die in dieser Reihe betrachtet werden, alle mindestens hundert Jahre alt, im Falle der Science Fiction reichen mir auch fünfzig Jahre.

Zu meiner Ausgabe

Ich habe die Übersetzung von 1902 von Friedrich von Oppeln-Bronikowski mit den 35 Brügge-Fotos der Originalausgabe. In meiner Ausgabe heißt der Protagonist also noch Hugo Viane und nicht Hugues wie im französischen Original und der Neuübersetzung von Dirk Hemjeoltmann 2003.

Inhalt: Düsteres Fin-de-siecle Material

Das ist nicht unbedingt eine Horrorgeschichte, im klassischen Sinne gruselig ist es auch nicht, aber definitiv düster.

 

Der Protagonist Hugo wird mir auch nicht wirklich sympathisch oder geht mir besonders nah, interessanterweise bleibe ich trotzdem leicht an der Stange und bin interessiert am Fortgang. Wäre ich das auch, wenn mich der Artikel über das Buch in der Quarber Merkur nicht gespoilert hätte, was das Ende betrifft? Wahrscheinlich.

 

Die 96 Seiten lesen sich auch leicht weg, zumal sowieso alle paar Seiten ein verdammt schickes halbseitiges Foto von Brügge zu der Zeit kommt. Die Fotos machen einen großen Reiz aus. Alte Häuser, hübsche Brücken, Boote und Gebäude spiegeln sich im Wasser. Nirgendwo Menschen, nur die nackte Stadt. Brügge, die tote Stadt, tot wie die Frau des Protagonisten Hugo, tot, wie er sich irgendwie auch fühlt.

 

Seine Ehe war harmonisch, ohne irgendeinen Konflikt, ohne ein Abflachen der Leidenschaft. Zehn Jahre Flitterwochen sozusagen. Ein wenig argwöhnisch bin ich da schon. Zehn Jahre lang nur Harmonie? Ist das überhaupt realistisch? Nun, das nehme ich mal so hin. Er war also zehn Jahre in Himmel sieben, dann starb sie recht plötzlich und rasch. Das einzige, das ihm bleibt, sind ihre Haare, die er aus dem Grab gerettet hat und lauter Fotos. Er hat so eine Art Schrein gebaut, um ihr zu gedenken.

 

Seine Haushälterin Barbe kümmert sich um ihn und den Haushalt. Als Hugo dann Jane begegnet, die ein Ebenbild seiner verstorbenen Frau ist, ist er fasziniert. Schon bald knüpft er Kontakt und beginnt eine wilde Ehe mit ihr. Er besorgt ihr eine Wohnung, in der er sie besucht. Ein wenig trübt es sein Glück, als er erfährt, dass Janes Haar gefärbt ist. Er besteht darauf, dass es stets in diesem Ton bleibt, damit sie seiner Frau weiterhin ähnlich sieht. Sogar die Stimme passt.

 

Doch dann geht er einen Schritt zu weit. Er bringt Jane zwei Kleider der Verstorbenen und lässt sie sie anprobieren. Aber dieser Versuch der Verschmelzung bringt nur die Unterschiede zur Geltung, die ihm jetzt mehr und mehr auffallen.

 

Dann ändert sich unvermittelt die Perspektive zu Barbe, seiner Haushälterin, die seit fünf Jahren bei ihm arbeitet. Barbe hat ein ganz klares Ziel, ihren Lebensabend möchte sie im Kloster als Nonne begehen. Eine Verwandte von ihr ist bereits dort, sie besucht sie häufiger im Kloster. Dafür jedoch braucht sie eine Mitgift. Bei der guten Anstellung bei Hugo Viante ist es kein Problem für sie zu sparen. Doch nun erfährt sie von ihrer Verwandten, die im Kloster lebt, dass Hugo einen unchristlichen Lebensstil pflegt. Die halbe Stadt wisse, dass er sich mit dieser ehemaligen Tänzerin träfe. Barbe müsse sich also baldigst eine neue Anstellung suchen.

 

Barbe hat nun einen klassischen Konflikt: Sie ist überzeugt, dass ihre Verwandte im Recht ist. Sie weiß aber auch, wenn sie die Anstellung verlässt, findet sie nicht wieder so eine gute und bequeme und kann ihren Lebensabend im Kloster vergessen - stattdessen winkt das Hospiz. Ein Gespräch mit ihren Beichtvater zur Beratung bringt erst einmal Aufschub. Laut ihm muss sie erst kündigen, wenn der unchristliche Lebensstil unter ihrem Dach stattfindet. Solange Hugo die Tänzerin nur außerhalb trifft, muss sie nicht tätig werden. Nun, das entbehrt nicht einer gewissen Logik.

 

Heute ist ja wilde Ehe zumindest hierzulande kein Problem mehr. Zumal ja keiner der beiden anderweitig liiert sind, beide volljährig und auch sonst nichts gegen eine Verbindung spricht. Dann ist natürlich fraglich, warum die Haushälterin gleich kündigen muss. Nun, vermutlich möchte man heutzutage beispielsweise nicht für einen Kriminellen arbeiten und, auch wenn man nicht unbedingt im Detail als Mitwisserin belangt werden könnte, würde das als gute Christin auch heute wohl ablehnen.

 

Dann wird auch Hugo klar, dass er in Sünde lebt. Und, ganz in der damaligen christlichen Logik, er deswegen verdammt ist und auch nach dem Tode von seiner geliebten verstorbenen Frau getrennt sein wird. Plastische Idee, sein Tod wird ihre Trennung nur verewigen. Für eine Atheistin 2020 schwer nachvollziehbar, doch ganz in der Logik der damaligen Zeit und somit wird sein Konflikt und sein Entsetzen nachvollziehbar.

 

Damit noch nicht genug, bekommt er mit, dass Jane ihn betrügt. Sie gibt sein Geld überall in der Stadt aus, geht aber ohne ihn aus, verschwindet tagelang. Als er sie zur Rede stellt, rudert sie zurück. Sie merkt, dass sie ihn verlieren könnte, ist aber scharf auf sein Geld. Sie möchte sich zu ihm einladen lassen, um zu prüfen, wie es um seinen Reichtum steht. Also, sonderlich sympatisch ist die Dame nicht.

 

Es gelingt ihr, sich zu ihm einzuladen, um von dort eine Prozession durch die Stadt vom Balkon aus anzusehen. Als Barbe mitbekommt, wen Hugo zu Besuch erwartet, kündigt sie. Hugo entlässt sie auch, schweren Herzens. Inzwischen hat er festgestellt, dass er Jane liebt, unabhängig von ihrer Ähnlichkeit zu seiner verstorbenen Frau.

 

Als Jane aber kommt, dringt sie in das Zimmer ein, in dem er die Andenken seiner Frau aufbewahrt. Sie findet es interessant, wie ähnlich sie der Frau auf dem Foto sieht. Dann entweiht sie das Haar, indem sie es einfach an sich nimmt, spielt Fangen mit dem entsetzten Hugo, legt sich den Zopf um den Hals.

Er will eigentlich nur das Haar wieder haben und sie dann loswerden, doch im Eifer des Gefechts erwürgt er sie mit dem Zopg seiner verstorbenen Frau.

 

Da steht er nun, mit der toten Jane im Zimmer voller Andenken an seine Frau. Im Tode nun sehen sie sich wieder ähnlich. Nun wird Brügge wieder zu dem, das es anfangs für ihn war, zum toten Brügge

Reflektion: Sehr düster, interessant

Mannomann, was für eine Geschichte! Seinerzeit ein klarer Bestseller, traf genau den Nerv der Zeit. Heute sind einige (christliche und moralische) Aspekte mir zwar fremd, aber schlüssig.

 

Es gibt zwar wenig Dialog und ein bisschen viel Reflektion, dennoch rennt die Handlung stellenweise einfach so davon. Immer tiefer gerät Hugo in Schwierigkeiten, bis zu dem unausweichlich erscheinenden Ende.

 

Diese Geschichte wird in Erinnerung bleiben. Der Plot ist ungewöhnlich, das Setting erst recht, die Fotos beeindrucken und alles ist herrlich düster und wenig alltäglich. Fremd in seiner Fernheit, so vergangen, dadurch fast exotisch in seiner Andersartigkeit.

Trivia: Symbolisten unter sich

Rodenbach gehörte zu den Symbolisten wie auch Baudelaire (Les Fleures du mal) und Rimbaud.

 

Der Roman war seinerzeit ein Bestseller und verhalf der Stadt Brügge zu neuer Popularität. Anhand der tollen Fotos auch kein Wunder.

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Kommentare: 2
  • #1

    Klaus N. Frick (Donnerstag, 09 Juli 2020 09:22)

    Im Verlauf der Jahre war ich einige Male in Brügge – also musste ich auch dieses Buch einmal lesen. Ich fand es eindrucksvoll, es vermittelt eine Stimmung, die man nur als düster bezeichnen kann. Vielleicht nehme ich es mir vor der nächsten Reise nach Belgien wieder vor.

  • #2

    Yvonne (Donnerstag, 09 Juli 2020 09:27)

    Ich war noch nie dort, höchstens in Leuven. Näher bin ich noch nicht rangekommen.
    Danke für dein Feedback!