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Das Mazerat - von Sophie Perken

Harte Fakten

Titel Das Mazerat
Autorin Sophie Perken
Seitenzahl 324
Erscheinungsjahr 2020
Rezensionsexemplar Ja

Inhalt: Uriel - Opfer oder Täter? Beides?

Der Protagonist des Romans, Uriel, trägt einiges mit sich herum. Als Kind durfte er im Bad nie Lärm machen. Er lernte, sich geräuschlos die Zähne zu putzen und seine Toilette zu erledigen. Träumt davon, sich unbesorgt und lärmend bewegen zu können, später, wenn er groß ist und er nicht mehr beim Vater wohnen muss.

Doch bis es soweit ist, hat sich die Gewohnheit schon eingebrannt und lässt sich nicht mehr verändern, oder, mehr noch, es bedeutet ihm nichts mehr.

 

Solche Details bringen mir Uriel nah, sehr nah. Vor allem, weil die Autorin es sehr beherrscht, nicht einfach zu behaupten. Ich erlebe als Leserin selber, darf eigene Schlüsse ziehen. Mal hier mal da gibt es vielleicht eine etwas zu lange Reflektion, aber nie so, dass ich abdrifte.

 

Verstörend: Uriel wird nicht nur von seinem Vater missbraucht, auch andere ältere Herren tun ihm dies an. Warum, fragt er sich, auch, und vor allem, Jahre später. Hat er das etwa irgendwie angezogen? Der Gedanke ist schrecklich. Außerdem kommt ihm langsam der Verdacht, dass seine eigene Sexualität nicht so ist, wie er sie gern hätte und sein Traum davon, eine Familie zu gründen und ein besserer Vater zu werden als sein eigener in weite Ferne rückt.

 

Dann gibt es da noch Ingrid, die nur wenige Kapitel beansprucht, aber dennoch eine Schlüsselfigur im Roman ist. Manchmal habe ich die Kapitel mit Ingrid genutzt, um Atem zu holen von Uriels Kindheitsrückblicken, die sehr beklemmend werden können, wenn man zu viele Kapitel hintereinander verschlingt. Während ich anfangs noch häppchenweise gelesen habe, habe ich ab Kapitel 5 dann entschieden, den Rest des Romans in einem Haps zu verschlingen und die zweite Hälfte dann in nur wenigen Stunden quasi eingeatmet.

 

Denn während anfangs der Spannungsbogen noch eher flach ist und der Roman mehr von Subtilität, Andeutungen und Atmosphäre lebt, spitzt er sich irgendwann doch sehr zu und liest sich spannender als so mancher Roman, der das Etikett Thriller trägt.

 

Das Thema hingegen, ist grenzwertig, so sehr, dass ich - obwohl ich den Roman für qualitativ sehr gut halte - ein wenig zögerte, überhaupt eine Rezension zu verfassen. Kindesmissbrauch, das ist eine Sache. Pädophilie aus der Sicht des Täters jedoch eine andere. Da gab es mal was, große Literatur, ich erinnere mich aber, dass selbst da die Veröffentlichung mehrfach abgelehnt worden war und der Roman auch heute noch polarisiert.

 

Würde ich Inhaltswarnungen oder auch Inhaltsberuhigungen aussprechen, ich würde von der Spannung nehmen und spoilern. Ich persönlich finde die Perspektive des Romans fair und richtig. Zumal er keine klare Stellung bezieht, da auch andere Sichtweisen ihre Stimme bekommen und sich hier mit einem abschließenden Urteil eher zurückgehalten wird und es mir überlassen bleibt, wie ich urteile oder verurteile.

 

Das Thema ist heikel, ja, allerdings finde ich die Herangehensweise hier respektvoll und vorsichtig genug. Wenn mir auch einige Dinge aus Uriels Vergangenheit zu dick sind und es mir auch weniger krass genügt hätte, einige Dinge hätten auch ruhig noch subtiler oder andeutungsvoller bleiben können. Ich hätte mir dann schon ein Bild gemacht.

Aufbau und Stil: Verwebung der Gegenwart mit der Vergangenheit

Sehr szenisch ist es nicht, es gibt sehr viele Rückblicke. Der Roman wäre nicht ohne Rückblicke ausgekommen, doch hätte es vielleicht anders funktioniert? Abwechselnde Kapitel, damit es klarer wird und eine szenischere Schreibweise ermöglicht wird?

 

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich ist es eher einer dieser Romane, deren Gegenwart so sehr mit der Vergangenheit verstrickt ist, dass man seine Geschichte nur so und nicht anders erzählen kann.

 

Es fehlen alle Anführungszeichen, was mich persönlich irritiert. Dann aber werden manchmal Dinge laut gesagt, manchmal nicht, so dass diese Unklarheit den Roman bereichert und Anführungszeichen würden das verderben, indem eine Entscheidung getroffen werden muss. Hier hat es tatsächlich einen Sinn, dass Anführungszeichen fehlen.

 

Es hat auch einen Sinn, dass gewisse Dinge zu Beginn, wenn ich Ingrid kennenlerne, eben nicht szenisch gezeigt werden, sondern eher in Ingrids Kopf wüten.

 

Ja, es gibt ein paar Regeln über das Schreiben. Aber selbst die hartnäckigsten Gurus sagen, dass diese nicht in Stein gemeißelt sind. Nur wenn wir uns beim Lesen langweilen, die Qualität uns nicht befriedigt, dann suchen wir Heil in dem, was normalerweise am Besten funktioniert.

 

Wenn es aber spannend ist, uns fesselt und berührt, dann gibt es nichts zu ändern. Genau das sage ich über diesen Roman: Der funktioniert genauso wie er ist.

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