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Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro

Harte Fakten

Titel Was vom Tage übrig blieb 
Autor*in Kazuo Ishiguro 
Erscheinungsjahr 1994 
Seitenzahl 288 

Inhalt

Nachdem ich bereits "Der begrabene Riese" gelesen (bzw. gehört) hatte, wollte ich gern mehr von diesem Autor lesen. 

 

Der Stil ist komplett anders. Der Protagonist, Butler Stevens, fungiert hier als Ich-Erzähler. Dieser hat einen Stil, der zwar sehr gut zu seiner Zeit und seiner Position passt, jedoch nicht ganz einfach zu lesen ist. Ein Satz hat durchschnittlich locker vier Kommata. Darüber hinaus drückt er sich oft sehr umständlich aus, so dass ich einigen Sätzen schon eine Weile nachblicken muss, bis ich sie verstanden habe.

 

Hier ein Beispiel:

"Als sein Blick auf mich fiel, nahm er die Gelegenheit wahr, mich davon zu unterrichten, dass er gerade endgültig beschlossen habe, im August und September für einen Zeitraum von fünf Wochen in die Vereinigten Staaten zurückzukehren."

 

Ich hätte vermutlich geschrieben: Sein Blick fiel auf mich. "Hey, da ich Sie gerade sehe: Ich fahre im August und September für fünf Wochen in die USA."

 

Dann wäre das Buch deutlich kürzer gewesen. Allerdings hätte das kein Stück zum Erzähler gepasst und das Buch ist sowieso schon sehr, sehr kurz.

 

Insgesamt passiert eigentlich nicht viel. Das kenne ich ja schon von "Der begrabene Riese". Da passiert auch nicht viel, oder jedenfalls passieren die Dinge sehr langsam. 

 

Der Ich-Erzähler, der Butler Stevens begibt sich auf eine Reise mit dem Automobil seines neuen Chefs, Farraday, einem Amerikaner. Farraday geht übrigens ganz anders mit Stevens um, als dieser es von seinem vorherigen Herrn gewohnt ist. So lernt Stevens nun, auf scherzhafte Erwiderungen zu kontern - er übt das tatsächlich aktiv anhand einer Radiosendung und indem er sich pro Tag zwei witzige Bemerkungen überlegt. Sehr schönes Detail! Für mich als Leserin ist es sehr interessant, wie umständlich Stevens überlegt, wie er auf den einen oder anderen Witz reagieren soll. Manche seiner Ideen sind sehr professionell und er verlässt dabei nie das Korsett des Butlers, wobei auch mal eine Erwiderung einfach über Farradays Kopf geht. Nicht, weil dieser dumm ist, sondern eher, weil er fremd und neu ist und ihm Hintergrundwissen fehlt.

 

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kommen dann mal ein paar längere Dialoge - die übrigens sehr spannend sind, vor allem jene zwischen dem Ich-Erzähler, dem Butler Stevens, und der Haushälterin Miss Kenton. Erst ab der Hälfte kommen dann richtig gute Passagen. Hier verstehe ich dann auch endlich, was mit "unzuverlässiger Erzähler" gemeint ist. Obwohl wir durch Stevens' Augen sehen und nur von ihm Informationen erhalten, sehen und verstehen wir doch mehr als er. Sehr gelungen. Typisch für Ishiguro (soweit ich das nach zwei Büchern beurteilen kann), wird man hier als Leserin belohnt, wenn man Geduld mitbringt.

 

Sehr spannend sind hier vor allem zwei Fragen:

Stevens ist auf dem Weg zu Miss Kenton (die mittlerweile geheiratet hat, aber eine Trennung erwägt). Er würde sie gern wieder als Haushälterin gewinnen und glaubt, aus ihrem Brief herauszulesen, dass sie dem nicht abgeneigt wäre. Ich als Leserin frage mich, wie diese Begegnung ausgehen wird. Vor allem, da das Verhältnis zwischen den beiden, wie in Rückblenden dargelegt wird, nicht ganz ohne Reibung war.

 

Der frühere Herr von Stevens, Darlington, scheint politisch etwas zweifelhaft gewesen zu sein, mit Nazi-Nähe. Stevens dementiert das zwar vehement und nimmt Darlington außerordentlich loyal in Schutz, wir Lesenden können es aber trotzdem schaffen, uns da eine eigene Meinung zu bilden. Erst am Ende erfährt man, was aus Darlington geworden ist.

 

Die Entwicklung Stevens ist sehr subtil, aber dennoch wahrnehmbar. Ein Butler, in den Fünfziger Jahren eigentlich schon aus der Zeit gefallen, der in den Zwanzigern und Dreißigern gelernt hat. Sein Vater war schon Butler. Laut Stevens kann man dieses Gesicht nur ablegen, wenn man wirklich und vollkommen allein ist. Da steht ganz schön viel in diesem kurzen Buch, das sich nicht sofort erschließt. Es eines Tages erneut zu lesen wird sich für mich lohnen.

 

Wer mit dem Stil kein Problem hat und gern ein wenig mehr Zeit mit einzelnen Passagen verbringt, der kann an dem Buch viel Freude haben. Ich kann so etwas nicht ständig lesen, aber immer gern mal wieder. Als nächstes genehmige ich mir von diesem Autor wohl "Was wir geben mussten", das hat eine Science-Fiction-Komponente.

 

Die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson habe ich noch nicht gesehen. Wird nachgeholt.

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