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Exodus 43

Inhalt

Auf die neue Exodus warte ich zweimal im Jahr sehr sehnsüchtig.

Diese Ausgabe beinhalte einige Kurzgeschichten mit besonders hohem Niveau.

 

Rund um die neue Exodus gibt es übrigens hier ein paar versammelte Links, auch u. a. zu Sekundärartikeln von zwei der abgedruckten Kurzgeschichten.

 

Für einige Kurzgeschichten ist allerdings etwas mehr Flexibilität vonnöten, da sie nicht direkt SF sind, sondern meinem Gefühl nach etwas näher an der Fantasy sind.

 

Außerdem wäre es hilfreicher, wenn man sich mit Vernes und Lovecraft besser auskennte (von denen habe ich jeweils nur einen Roman/Geschichte gelesen). Daher würde ich bei Christian Endres: "Cthulhu Lucha Libre" und 

Willem Kucharzik: "Das verlorene Kapitel - Aus dem Tagebuch des Schiffsjungen" gern auf eine ausführliche Rezension verzichten. Zumal ich auch nicht 20.000 Meilen unter dem Meer von Vernes gelesen habe, sondern Reise zum Mittelpunkt der Erde. Für Endres' Story muss man sich mit dem Cthulhu Mythos nicht unbedingt auskennen, doch es hilft bei der Schlusspointe.

 

Aiki Mira: "Vorsicht synthetisches Leben"

Ich-Erzähler Tom bekommt an seinem 40. Geburtstag von seiner Frau Claire einen Biosenti geschenkt - synthetisches Leben. Ein Biosenti hat zunächst kein Gesicht (wobei angedeutet wird, dass sich das ändert, wenn man ihn eine Weile pflegt und liebt) und muss zur Prägung die ersten fünf Tage am Körper getragen werden. 

Das Original stammt aus Japan - wobei es auch welche bei Amazon gibt, aber da besteht die Gefahr eines Fakes.

Während Claire dienstlich verreist ist, gewöhnt Tom sich an den Biosenti, integriert ihn in sein Leben und knüpft erneut Freundschaft mit der Nachbarin Elvira, zu der er den Kontakt verloren hatte, seit sie vor einiger Zeit einen Biosenti erworben hat.

Aber geht es in der Geschichte wirklich um den Biosenti oder zumindest um Toms Verhältnis zu seinem Geschenk?

Und, was genau hat ihm seine Frau da eigentlich geschenkt?

Zunächst zur zweiten Frage - ein Biosenti erinnert ein wenig an ein Baby, zumal die Gefahr des plötzlichen Kindstods bzw. der Sterblichkeit eines Biosentis in Tom Panik aufsteigen lässt, die durchaus an das Gefühl frischgebackener Eltern erinnert, die nachts immer mal wieder prüfen, ob ihr Baby noch atmet. Doch ein Baby wächst auf und zieht eines Tages aus. Ein Biosenti hat eine Lebenserwartung von fünf bis acht Jahren, ist also diesbezüglich eher wie ein Haustier. Plus, was macht ein Biosenti denn eigentlich? Von den Fähigkeiten her hat es dann doch mehr Ähnlichkeit mit einem wenige Tage alten Baby als mit einem Haustier. Einiges am Alltag erinnert mich auch an den Alltag mit Baby, so muss Tom den Biosenti ständig tragen und lernen, alles mit einer Hand zu erledigen. Beim Arbeiten hingegen erinnert das Wesen mehr an meinen Kater, der sich dabei auch gern auf meinem Schoß zusammenrollte. Es bleibt doch angenehm vage, womit wir es hier genau zu tun haben.

Der Biosenti gibt Tom durchaus etwas, aber was genau das ist, liegt doch eher in der Rezeption von mir als Leserin. Ich lese heraus, dass es Tom die Möglichkeit gibt, sich um etwas kleines, niedliches zu kümmern, wonach er offenbar ein Bedürfnis hat. Plus, es liest sich eine leichte Einsamkeit in seinem Leben heraus, da seine Frau Claire so viel arbeitet und er hingegen eher wenig zu tun hat und Tom offenbar auch keine Hobbies hat, die ihn sehr in Anspruch nehmen. Auch körperlich scheint der Biosenti einiges an Einfluss auf ihn zu haben, so passt sich sein Herzschlag dem von Tom an und es verspricht, sich auf eine Art und Weise zu verändern, die das Band zwischen den beiden verdeutlicht. Plus, vermutlich nicht von Claire vorausgesehen, es sorgt dafür, dass er sich mit der Nachbar Elvira (erneut) anfreundet.

Doch es geht nicht um den Biosenti oder um Toms Verhältnis zu dem Biosenti.

Nicht wirklich.

Der Biosenti mag eine Veränderung in Tom oder in der Beziehung von Tom und Claire vorantreiben, aber eigentlich ist die Geschichte mehr über die Beziehung zwischen Tom und Claire als über den Biosenti, so interessant dieser auch sein mag (und ich finde ihn verdammt interessant). Der Alltag mit dem Biosenti mag die A-Story sein, aber in der B-Story geht es um Claire bzw. Toms Sicht auf Claire.

Beim ersten Lesen mag es einem so vorkommen, als würde dieses Thema erst sehr spät auftauchen, da Claire nur in den Anfangsszenen eine Rolle spielt, dann tagelang (seitenlang) nicht auf der Bühne steht und erst ganz am Ende wieder auftaucht. Doch eigentlich ist sie immer da, in Toms Gedanken, in seinem Leben. Plus, sie spielt eine wichtige Rolle. Es wird immer mal wieder in Nebensätzen fallengelassen, was für eine Persönlichkeit Claire ist. So reagiert die Haus-KI gar nicht auf Tom, wenn Claire auch daheim ist. Für ihn bleiben die Räume dunkel und kalt (was für ein Bild!). Erst, wenn sie das Haus verlässt, ist Tom für die KI wieder wahrnehmbar.

Und passt das Geschenk, das Claire für Tom erwählt hat, überhaupt zu ihm? Er selber reflektiert, dass er die Angebote auf seinem Smartphone zum Thema Biosenti "bisher immer ignoriert" habe. Das zeigt eher, dass er sich gar nicht dafür interessiert hat. Er nimmt das Geschenk aber dennoch pflichtschuldig entgegen und lässt sich auch voll drauf ein, so dass Claire am Ende urteilt, ihr Geschenk sei ein voller Erfolg. Und in der Tat, so wirkt es auf mich auch. Wusste Claire am Ende besser als Tom, was dieser sich wünscht? Oder hatte sie nur Glück?

Claire wird auch ausführlich von Tom beschrieben, beispielsweise ihre "unglaublichen Energien" und was diese für sie, für ihn und für die Beziehung bedeuten (wobei das beileibe nicht so klar im Text steht, wie es hier wirken mag, es bleibt angenehm viel meiner Interpretation überlassen).

Gegen Ende der Geschichte spielt der Biosenti eher eine untermalende Rolle, wobei ich das als durchaus wichtig für die Schlussszene betrachte. Doch eigentlich geht es um Claire und Toms Sicht auf Claire. Die Botschaft ist hochgradig feministisch und ziemlich ungewöhnlich, selbst für heutige Verhältnisse. Da steht wieder viel zwischen den Zeilen und es bleibt einiges, das für mich als Leserin zum Nachdenken bleibt - vermutlich noch Tage, Wochen, Monate nach dem Lesen. Es steht etwas drin übers Frau sein, über die Akzeptanz eines Partners. Die Beziehung von Claire und Tom wird nicht als perfekt dargestellt, ganz und gar nicht, aber die Akzeptanz, die Tom ihr entgegen bringt, sucht schon seinesgleichen. 

Die Geschichte ist so vielschichtig und toll, dass ich nicht glaube, in diesem Jahr noch auf eine bessere zu stoßen.

Plus, sprachlich und stilistisch ist diese Autor:in ein Genuss. Da schieben sich "schwere Regenwolken [...] als bauchige Raumschiffe an der Glasfront" entlang. Mehr davon. Aber zum Glück gibt es ja in 2021 von Aiki Mira schon fünf Kurzgeschichten, wenn ich persönlich auch diese hier für deutlich die beste halte, gefolgt von "Universum ohne Eisbärin", die in der ct' veröffentlicht wurde.

  

Norbert Stöbe: "Das Ding"

Die Geschichte beginnt eher witzig und unterhaltsam, wartet aber am Ende doch mit einer bemerkenswerten Botschaft und Prämisse auf und ist meines Erachtens die zweitbeste Story der Ausgabe. 

Erwin, die KI der Hauptfigur Karlo, hat ein Ding bestellt. Was das so genau ist, wird auch nicht bis ins Detail ausgeleuchtet, aber es geht Karlo zunächst ganz schön auf die Nerven. Und man kann es nicht zurückgeben. Mich erinnert es stellenweise an das Sams - das Ding kann nämlich reden und ist frech. 

Karlo wohnt in einer Wohnung in "Modern Living", via virtueller Realität hat er da alles, was er braucht. Und er hat einen ziemlich miesen Job (so meine Auffassung von dem, was er da so stupides, natürlich vom Home Office aus, tun muss). Er hat seit Jahren das Haus nicht verlassen, mit niemandem gesprochen, der echt ist. Da kommt das Ding schon nah heran an echte Gesellschaft, da die KI Erwin doch eher primitiv ist. Es kommt zu einer Art Freundschaft. Das Ende hat mich dann vollends mitgenommen, zumal ich es nicht habe kommen sehen, es aber rückblickend für das bestmögliche Ende halte. 

 

Elena L. Knödler: "Der lange Weg zur Schöpfung"

Twitter: @infernalbard

"Vergiss das Schwimmbad, Sirius. Lass und in der Ursuppe baden gehen."

Die Geschichte ist deutlich ruhiger und abstrakter als die beiden vorherigen. Es erzählt von einer Reise (man möchte meinen, in mehr als einer Hinsicht) und einer Liebe. Was mich daran besonders interessiert hat, ist eher das, was die Figuren über ihre Gegenüber denken, was sie beobachten. Einige Sätze sind einfach toll, hier ein Beispiel:

"Es gibt so viel, was ich über xien lernen kann. Ein einziger Mensch wirkt plötzlich wie eine ganze Galaxie."

Das ist doch ein Gedanke, den man ruhig mal über jemanden denken kann. 

 

Roman Schleifer: "IQ 187"

Das ist ein kleiner SF-Krimi und der Autor versteht es, das Rätsel alsbald interessant zu machen und gekonnt Spannung zu erzeugen. Ich bin sofort dabei. Umso ärgerlicher ist dann die Auflösung. Dabei bin ich von diesem Autor sonst herrliche, unerwartete Pointen gewohnt - siehe beispielsweise seine Geschichte in der Mars-Exodus (#40, Titel: "Der letzte Tag" - großartige Geschichte!) oder auch eine, die ich mal aus der ct' von ihm gelesen habe.

Nichtsdestotrotz ist die Geschichte stilistisch und sprachlich auf einem gewohnt hohen Niveau. Auch der Weltenbau ist mindestens nett. Eingestreute Sätze wie:

"Heute hatte er auf die Google Lenses verzichtet und für alle Fälle die fast schon anachronistische Google-Glas-Brille mitgenommen."

Oder, noch beeindruckender (und beängstigender, auch angesichts der Pandemie) - eigentlich genießen die Kinder "Cyberteaching", nur die Reichen zahlen für Retro-Schulen. Und auf eben einer solchen Schule ist ein Mädchen aus dem Fenster gesprungen, nachdem ein Junge ihr etwas zugeflüstert hat. Aufgrund einiger politischer Zusammenhänge darf die Polizei diesen Jungen aber nur sechs Stunden lang festhalten, bis dahin muss sie seine Schuld entweder bewiesen haben (oder er gesteht), oder sie müssen ihn gehen lassen. 

Die Figuren sind trotz der Kürze allesamt überzeugend und haben eine Vergangenheit (vor allem die Hauptfigur), die auch eine Rolle in der Geschichte spielt. 

Auch eine Vergangenheit sozusagen zwischen heute und dem Start der Geschichte hat der Autor erdacht, so hat ein gewisser Elmar Finx als Zehnjähriger im Jahr 2042 fünfzehn Menschen ermordet.

Meiner Meinung nach ist der Autor ein sehr fähiger Verfasser von SF, extrem routiniert und originell, nur dass mich persönlich die Pointe diesmal eben gar nicht mitgenommen hat.

 

Emil Kaschka: "Das Labyrinth"

Gern würde ich den Ball so hoch halten und weiterhin jede Geschichte so ausführlich und begeistert rezensieren - bei dieser Geschichte bin ich aber nicht sicher, ob ich sie komplett verstanden habe. Ein bisschen musste ich an "Vor dem Gesetz" von Kafka denken, was ich auch nie verstanden habe, aber irgendwie immer gut fand.

Hier würde ich gern nur einen Satz herausgreifen:

"Wer aus dem Labyrinth findet, ist unsterblich ... schreibt er in sein Buch. Es ist Nacht und sein Mantel zu dünn ... oder bereit zu sterben. Aber das ist dasselbe."

Das Labyrinth scheint eine Allegorie zu sein. Was mir ganz gut gefallen hat, ist außerdem, das oft andere Sinne angesprochen wurden, wie Geruch oder Geschmack. Auch wenn die Dinge manchmal nach Dingen riechen oder schmecken, die ich mir nicht ganz vorstellen kann. Was vermutlich Absicht ist.

 

Rolf Krohn: "Ganz am Rande"

Hier sind jene im Vorteil, die eher Augentiere sind (ich bin eher auditiv). Der Ich-Erzähler ist ein Künstler und was so visuell beschrieben wird hier in bemerkenswerten Details, war an mich ein bisschen verschwendet. Ich habe mich dann an Ausdrücken wie "Farbrezept für mein Bild" erfreut.

 

Moni Schubert: "Department for Special Purposes"

Oft schon habe ich (auch öffentlich) in Frage gestellt, ob es eine gute Idee ist, in Kurzgeschichten lange Zeitspannen zu behandeln. Ein bisschen aufs Dach bekommen habe ich da durchaus auch schon, weil mir Autor:innen versicherten, das sei schon in Ordnung, es gäbe ja auch die eher weiter gefasste Erzählung, in der man das dürfe. Nun, dann sagen wir mal, das hier ist eine Erzählung, die sich von 1941 bis 2023 erstreckt.  Ich sehe auch ein, dass es für die Geschichte und die durchaus beachtenswerte Pointe notwendig war, das genauso zu erzählen. Es führt nur (zumindest in diesem Fall für mich dazu), dass ich immer wieder aus dem Erzählfluss herausgerissen werde.

 

Thomas Grüter: "Meine künstlichen Kinder"

 Die Story hat mich wieder voll mitgenommen. Sie war leicht gruselig, was wohl an den beiden künstlichen Kindern liegt, die mir eben aufgrund jener Künstlichkeit etwas suspekt waren. Auch wenn es um diese Kinder primär wohl gar nicht geht, sondern mehr um die Beziehung der Hauptfigur zu Susan, die einst seine Partnerin war. Der Schluss war böse und gut erzählt.

 

Andreas Debray: "Copycabana"

Phantasievoll, originell und sehr überzeugend im ersten Drittel - und schwerer zu folgen gegen Ende hin. Ich finde diese "Service-Center"-Situation des Ich-Erzählers zu Beginn der Geschichte sehr unterhaltsam und die Ideen bezüglich Rechenaufwand der sogenannten "Open World" (die weniger offen ist, als man meinen möge), sowie die Überlegungen dazu, warum die Zeit als älterer Mensch scheinbar so schnell vergeht, hochinteressant. Dann wird die Story allerdings recht abgefahren. Trotzdem, gute Story, ich habe einige neue Ideen zur SF herausgelesen, oder zumindest neue Teil-Ideen oder eine neue Art, damit umzugehen. Ein neuerliches Lesen würde sich auch hier lohnen. (Die Story von Aiki habe ich zweimal gelesen.)

Alle Beteiligten

Storys:

 

Aiki Mira: "Vorsicht synthetisches Leben"

Norbert Stöbe: "Das Ding"

Elena L. Knödler: "Der lange Weg zur Schöpfung"

Roman Schleifer: "IQ 187"

Christian Endres: "Cthulu Lucha Libre"

Willem Kucharzik: "Das verlorene Kapitel - Aus dem Tagebuch des Schiffsjungen"

Emil Kaschka: "Das Labyrinth"

Rolf Krohn: "Ganz am Rande"

Moni Schubert: "Department for Special Purposes"

Thomas Grüter: "Meine künstlichen Kinder"

Andreas Debray: "Copycabana"

 

Micro-SF-Stories von Volker Dornemann

 

Lyrik: Section:

Manfred Borchard, Volker Dornemann, Hans Jürgen Kugler, Simon & Garfunkel

 

Galerie:

Hubert Schweizer: Chronist der Unendlichkeit (mit einer Einleitung von Christian Seipp)

 

Comic:

Kostas Koufogiorgos: "Gegen die Barbaren"

 

Illustrationen:

Frauke Berger, Oliver Engelhard, Nicole Erxleben, Mario Franke, Kostas Koufogiorgos,Jaana Redflower, Stas Rosin, Hubert Schweizer, David Staege, Michael Vogt

 

Harte Fakten

Titel Exodus 43 
herausgegeben von René Moreau, Hein Wipperfürth, Hans Jürgen Kugler 
Verlag Eigenverlag
Erscheinungsjahr 2021 
Seitenzahl 116 
Anzahl Geschichten 11 
Original Twitter Tweet https://twitter.com/Rezensionsnerd1/status/1464192587900895263 

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