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Morgenmuffel Anthologie der Textgemeinschaft.de

Über die Textgemeinschaft

Die Textgemeinschaft hat eine Ausschreibung pro Monat. Auf ihrer Webseite gibt es alle aktuellen Ausschreibungen für 2020 und auch schon jene für das gesamte Jahr 2021.

 

Bei Veröffentlichung winken Belegexemplare oder auch wertige Preise von @wandklex.

 

Ich bin über Twitter auf sie gestoßen und wollte sie erst in einen meiner Blogposts über "Wo Kurzgeschichten veröffentlichen" mit aufnehmen, habe mich dann aber entschieden, einen eigenen Blogpost über sie zu machen, schließlich sind das ziemlich umfangreiche Projekte.

 

Von meiner üblichen Vorgehensweise bin ich nicht abgewichen: Erstmal reinlesen, wie ist denn das Niveau so? Glücklich stellte ich fest, dass ich eine große Auswahl an Themen habe und habe mir daher die Anthologie zum Thema "Morgenmuffel" angeschafft. Es gibt nicht nur Taschenbücher, sondern auch eBooks.

 

Zum Thema Morgenmuffel hätte ich gern selber etwas eingereicht, aber die Deadline war schon am 15. Januar 2020.

 

In nicht allzu ferner Zukunft gibt es aber beispielsweise eine Ausschreibung über Kurschatten-Horror (12-20 Seiten) und Cockpit-Gespräche (2-6 Seiten).  Vermutlich sagt nicht jede Ausschreibung jedem zu, aber ein paarmal im Jahr wird ein*e Autor*in mit Vorliebe zu Kurzgeschichten sicher fündig. Wenn ich mir die Themen für 2021 so anschaue, sprechen mich spontan etwa die Hälfte der Themen an. Von Humor bis Krimi über Grusel, sogar Lyrik, da sollte doch für jeden etwas dabei sein.

 

Die Jury besteht aus bis zu 15 sehr unterschiedlichen Personen, die ein breites Spektrum literarischen Geschmacks abdecken, was man der Auswahl in der von mir gelesenen Anthologie auch positiv anmerkt.

Morgenmuffel-Anthologie

Ich nehme mir mal heraus, jede Geschichte einzeln zu betrachten, das freut dann sicher auch die Autor*innen.

 

Gestern und Morgen - Jonte Lublow

Das ist eine Geschichte sehr aus dem Alltag, aus einem sehr anstrengenden Alltag sogar. Die Ich-Erzählerin Bianka (interessant, Bianka mit k) pflegt ihre Tante Hedwig, die jüngere Schwester ihrer Mutter. Hedwig ist dement und erkennt sie nicht immer. Biankas Mann und ihre Kinder fühlen sich vernachlässigt. Zu Recht. Offenbar hat Bianka vorher schon ihren Vater, dann ihre Mutter und nun Hedwig gepflegt. Ist das nicht ein bisschen dick? Nun, es ist sicher dick, aber vermutlich gibt es genügend Beispiele für solche Lebenswege.

Dann kommt der Pastor mit einer Idee, wie Bianka entlastet werden kann und doch mal Urlaub mit der Familie machen kann.

Das Thema der Geschichte sagt mir sehr zu. Alles ist szenisch erzählt und es gibt viel Dialog, dafür ein dickes Plus.

Mir geht es nur etwas zu schnell am Ende. Das Gewöhnen Tante Hedwigs an fremde Leute hätte ein wenig langsamer gezeigt werden können und gern hätte ich mir auch noch ein Detail aus dem Urlaub gewünscht. Das Thema "Morgenmuffel" wirkt etwas konstruiert. Ich habe großes Verständnis dafür und habe das wahrscheinlich auch schon gemacht. Man hat eine Kurzgeschichte, die man gern in die große weite Welt schicken möchte und die passt aber noch nicht so ganz zur Ausschreibung. Es geht nicht um Morgenmuffelei in der Geschichte. Das sind nur zwei Nebensätze. Dabei hätte man das Thema durchaus geschickt einbauen können, indem man entweder Hedwig oder die Ich-Erzählerin zu einer Morgenmufflerin gemacht hätte, das wäre dann mit Show-don't-Tell vermutlich sogar gegangen, ohne das Wort "Morgenmuffel" überhaupt in der Geschichte vorkommen zu lassen.

 

Agent 11 - Fenja Harbke

Nun, die Geschichte ist definitiv lebendig, und die Idee mit dem Musikwechsel bei der Party ist ganz nett. Ganz begriffen habe ich sie aber nicht. Ich hätte die Pointe mehr beim Auftrag erwartet. Was ist denn auf der Party noch passiert, nachdem die Musik endlich etwas schmissiger wurde?

Meiner Meinung nach ist das eine gelungene Kurzgeschichte mit ein paar mehr Leerstellen als mir persönlich lieb ist. Zum Thema "Morgenmuffel" passt es aber nicht wirklich. Der Protagonist verschläft gern und kommt zu Terminen am Vormittag oft zu spät. Morgenmuffel, das verbinde ich mit einer Person, die morgens wortkarg und mürrisch ist. Natürlich kann das zusammenfallen mit der Situation, zu wenig Schlaf gehabt zu haben oder generell jemand zu sein, der eher eine Nachteule ist.

Zukünftig werde ich hier aber nicht mehr meckern, wenn ich finde, dass das Thema nicht ganz getroffen ist, vermutlich hätte ich zehn Stories mit mürrischen Protagonisten auch gar nicht durchgehalten.

 

Veränderungen - Alicia Kiesel

Das ist eine  authentische, lebensechte Geschichte mit einigen extrem guten Sätzen.  Wenn ich überhaupt meckern will, dann eher über den Titel. "Veränderungen", das ist sehr allgemein. Hätte die Story da nicht etwas konkreteres hergegeben?

Die Protagonistin hat sich kürzlich einvernehmlich aber dennoch traurig, von ihrem langjährigen Lebenspartner getrennt und beschreibt ihren Alltag, der sich seitdem sehr verändert hat, auch die Morgenroutinen.

Es gibt einige sehr schöne Details, so wie dass sie sich konzentrieren muss, nicht automatisch zwei Kaffees zu kochen statt einem.

Hier gibt es eine überraschende Wendung eher im letzten Drittel der Geschichte, die mir gut gefällt und die die Ich-Erzählerin dazu bringt, ihre Situation noch einmal in einem anderen Licht zu betrachten.

Ich mag auch einige der gewagten Vergleiche wie:

"Mit dem Herzschmerz ist es so wie mit einer verstopften Nase."

Sehr identifizieren kann ich mich mit dem Ärgernis, dass einem alle immer gute Ratschläge und Tipps geben wollen.

Eine sympathische Erzählerin, mit der ich gern mehr Zeit verbracht hätte. Alicia, sag Bescheid, wenn du einen Roman hast, ich lese den dann.

 

Was wäre, wenn ... Melanie Samouaire

Das ist ein recht interessanter Plot und auch eine abenteuerliche Art ihn zu schildern. Der viele Konjunktiv dabei (fast jeder Satz hat ein "hätte" oder ein "wäre") ist für mich persönlich etwas anstrengend. Dafür ist die Geschichte aber pointiert, nicht zu lang und arbeitet sich zielsicher auf die Pointe hin.

 

Das Wochenticket - Uwe Berger

Vom Plot her die wohl beste Geschichte der Anthologie. Es macht auch Spaß, weil ich kurz vor der Auflösung schon ahne, worauf es hinausläuft (weil mir etwas ähnliches selber schon passiert ist und zwar bereits dreimal in diesem Leben in unterschiedlichen Farben). Es gibt hier sowohl eine erahnte, bereits angedeutete Wendung im letzten Drittel als auch eine (etwas schwächere, aber durchaus nette) Pointe am Ende. Zusätzlich zu ein paar anderen Ärgernissen, die dem Protagonisten den Morgen verhageln. Der bekommt in der Kürze ganz schon viele Steine in den Weg gelegt und das in ganz alltäglichen Situationen.

Außerdem gibt es einige sehr nette Show-don't-Tell-Szenen, der Ich-Erzähler ist verpeilt und zerstreut und das wird sehr gut beschrieben. Die Sprache ist ebenfalls sehr authentisch.

 

Das Geschenk - Claudia Dvoracek-Iby

Konsequenterweise muss ich diese Story für die gute Pointe loben. Da arbeitet seit Beginn alles drauf hin und die Story ist dadurch fast so gut wie ein etwas längerer Witz. Außerdem bleibt man etwas grinsend zurück, na, was passiert denn einige Stunden nachdem diese Dinge passiert sind? Uff. Das bleibt offen. Hoffen wir mal das Beste für den Mann der Protagonistin.

 

Das Pfeifen der Vögel - A. Föhn

Das muss hart sein. Einen Rhythmus zu haben, der völlig verquer geht zu den Rhythmen der Gesellschaft, der Umgebung und der eigenen Partnerin. Ein bisschen kenne ich das auch. Ich muss auch früher ins Bett als die meisten hier (eigentlich auch früher als unsere vierjährige Tochter), während es für mich meistens okay ist, etwas früher aufzustehen.

Der Protagonist dieser Geschichte hat es da noch ein wenig schwieriger und ist daher ständig müde. Ich frage mich, warum lässt man ihn nicht einfach? Dann guckt die Freundin abends halt alleine einen Film und er hat morgens ein bisschen Zeit für sich?

Kann man die innere Uhr umgewöhnen? Vermutlich bis zu einem gewissen Punkt, aber die Erfahrung mit zwei Nachteulen hier in der Familie sagt mir, dass es so komplett gegen die Biologie nicht geht.

Jedenfalls habe ich hier sehr mitgefühlt, vielen Dank für die Geschichte.

 

Sieh mich an - Elisa Klass

Erst dachte ich: Oh Schreck, nicht schon wieder zweite Person Singular Präsenz als Zeitform. Das hatte ich letztens erst in einer Literaturzeitschrift (Edit, siehe hier).

Aber nach einigen Seiten wurde mir klar: Ah, das hat hier einen echten Sinn.

Das Thema (abgelenkt sein vom Handy und co.) ist nicht neu. Diejenige, die es bemängelt, ist aber eine Perspektive, die ich selten (nie?) als Perspektive angeboten bekomme. Das ist sehr interessant. Ganz sicher bin ich nicht, ob das so funktioniert (nunja, vermutlich schon, die Form ist ja Präsenz hier, hier würde ich sogar sagen, es muss das Präsenz sein), doch es ist definitiv eine frische Sicht auf das Thema.

 

Urlaubsmorgen - Sabine Brandl

Jau, hier hätte ich fast mit einer Mordspointe gerechnet, aber die Autorin schießt keinen Ball in dieses Tor. Das macht aber nichts, als Leserin hatte ich viel Spaß und es ist fast sympatischer, dass am Ende eben nicht das gesagt wird, das passiert, womit ich gerechnet habe, das macht den Protagonisten noch sympathischer.

Außerdem ist diese Geschichte die mit dem höchsten und besten Spannungsbogen der Anthologie.

 

Der Spätzünder - Kenzo Fukai

Hier mag ich am liebsten den Rückblick auf seine Schulzeit. Das war für mich szenischer, weniger reflektiert als der Rest. Dieser Rückblick macht auch einen guten Teil der Story aus. Die Entwicklung der Figur wird dadurch gut erklärt, auch der Schluss ist nett.

Ich hätte wohl vorgeschlagen, die Geschichte noch ein wenig zu kürzen und zu straffen, um sie noch stärker zu machen, da doch einige Reflektionen darin sind, die nicht unbedingt benötigt werden, um zu erzählen was zu erzählen ist.

Oh Punchline, where are thou?

Zu einem Witz gehört zwingend die Pointe.

Zu einer Kurzgeschichte auch?

Da scheiden sich die Geister.

 

Ich habe eine Twitter-Umfrage gemacht und da ist man durchaus nicht der Meinung, dass eine Wendung oder eine Pointe immer zwingend erforderlich ist:

 

Ich weiß noch, dass ich vor fast zwanzig Jahren mal an einem Wettbewerb teilnahm und meine Kurzgeschichte dort nicht ausgewählt worden war. Später hieß es, die meisten Geschichten, die nicht ausgwählt worden waren, waren deshalb nicht genommen worden, weil sie keinen Schluss hatten. Ich hatte das so verstanden, dass die Kurzgeschichten einfach im Nichts endeten, so wie Popsongs aus den Achtzigern, die einfach nur immer leiser wurden und dann einfach irgendwie verebbten, ohne einen klaren Schluss zu haben.

Mein Fazit: Ja, da werde ich etwas einreichen und das auch weiterempfehlen

Bei den Anthologien herrscht Platzmangel, daher sind z. B. bei den Einreichungen auch keine Leerstellen gewünscht. Ich nehme an, deswegen folgen die Kurzgeschichten auch gern direkt aufeinander und beginnen nicht jedes Mal auf einer neuen Seite. Das hat mich etwas gestört.

 

Der Jury ist es gelungen, zehn sehr wertige Geschichten auszuwählen. Wenn ich Anthologien oder Zeitschriften lese, um zu schauen, ob ich da etwas einreichen möchte, stelle ich mir ja zwei Fragen:

  • Passt mein Zeug her vom Stil?
  • Sind die veröffentlichten Kurzgeschichten auch gut genug?

Vor ca. fünfzehn Jahren hatte ich mal eine Kurzgeschichte in einer Anthologie, deren andere Stories so übel waren, dass ich sie nicht lesen wollte. Das möchte ich nicht wieder haben.

 

Hier aber kann ich guten Gewissens sagen: Ja, da kann ich was hinschicken. Das wird wahrscheinlich nicht jedes Mal etwas werden, aber es gibt ja genügend Ausschreibungen, das kann durchaus mal klappen.

 

 

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