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The Magician - von Sol Stein

Harte Fakten

Titel The Magician
Autor*in Sol Stein
Erscheinungsjahr 1971
Seitenzahl 278

Inhalt: Schulhofrivalität auf Leben und Tod

Ed Japhet war schon als Kleinkind pfiffig, ist nun ein guter Schüler, hat eine Freundin und tritt bei der Prom in der Schule mit seinen Zaubertricks auf. Sein Vater ist Lehrer an der Schule, darf aber nicht zuschauen, obwohl er gern möchte. Das ist allerdings nur eine kleine Kerbe in dem ansonsten offenbar perfekten Sohn.

 

Urek ist ebenfalls 16 und ein ausgemachter Schulhofbully. Er und seine Freunde tyrannisieren den Schulhof, lassen sich Schutzgeld bezahlen, sonst brechen sie die Schulfächer auf. Ed weigert sich, dabei mitzumachen und kauft ein bruchsicheres Schloß. Urek fühlt sich provoziert, war das Schloß ja teurer als die Jahresgebühr des Schutzgelds. Dazu kommt, dass Ed seine Zaubertricks nicht verrät, wieder fühlt Urek sich provoziert und geht gemeinsam mit drei Freunden nach der Prom auf Ed, seine Freundin und Eds Vater los, verletzt Ed bei einer Würge-Attacke gefährlich am Hals, so dass dieser ein paar Tage auf der Intensivstation verbringt.

 

Es folgt ein Gerichtsprozess, Urek wird von dem gewieften Anwalt Thomassy vertreten. Dieser will aus der gefährlichen Körperverletzung eine Schulhofrauferei machen. Entgegen kommt ihm, dass Ed Japhet nicht aussagen will. Er hat im Laufe des Prozesses den Glauben an das amerikanische Gerichssystem verloren. Aber was, wenn Urek freikommt und ihn wiederum angreift? Ed meldet sich für einen teuren Karate-Intensivkurs an.

Reflektion: Am Ende die Luft ausgegangen?

Die Dialoge sind Schlagbtausche. Es gibt nicht mal ein "er sagt", "sie sagt", geschweige denn, dass die Dialoge groß unterbrochen werden von "Sie kratzte sich am Kopf", es sei denn, das tut irgendwas zur Sache. Das liest sich angenehm und dynamisch, außerdem weiß ich immer wer spricht, da alle ihre eigene Sprache haben.

 

Sehr gut recherchiert sind die Szenen auf der Intensivstation und die Gerichtsszenen. Auch Nebenfiguren bekommen ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Antrieb, teilweise durch wenige Worte erreicht.

 

Nebenfiguren werden ebenfalls sehr gezielt und mit wenigen Worten charakterisiert. Er wendet an, was er selber in seinen Schreibratgebern lehrt.

 

Wozu wir jetzt unbedingt diese deutschen Psychologen brauchten, weiß ich nicht. Um zu erklären, dass es drei Typen Menschen gibt? Auch das hat mir nicht nahegebracht, warum Urek sich von Ed so wahnsinnig provoziert fühlt. So ganz habe ich das nicht abgekauft, deutlich weniger jedenfalls als beispielsweise bei "Christine" von King, da greift Buddy Repperton das Auto (Christine) von Arnie an, irgendwie war das deutlich besser nachvollziehbar. Urek scheint ein wenig zu heftig auszuholen, ist das denn wirklich möglich? Ich fand es nicht wirklich glaubwürdig. Ebenfalls nicht sehr gut nachvollziehbar, diese Mafia-Schutzgeld-Nummer, die Urek in der Schule mit Wissen der Lehrer durchziehen kann. Würde man da nicht ziemlich leicht eingreifen können?

 

Ureks Hintergrund: Eltern, Freunde, Sex-Partnerin, ist wirklich nett ausgeleuchtet und gibt ihm Tiefe. Trotzdem. So ganz habe ich Urek nicht verschluckt.

 

Thomassy ist sicherlich der interessanteste Charakter in dem Roman, so fanden wohl auch die damaligen Leser*innen. Sol Stein fand das auch und schrieb gleich noch ein paar mehr Romane um Thomassy, machte ihn in denen dann zur Hauptfigur.

 

Nachdem die ersten 80 Prozent des Romans sehr spannend zu lesen waren, wird es dann stellenweise ärgerlich. Ok, 1971, ich dachte zunächst, der Roman sei von 1995. Trotzdem ärgert mich sehr, dass Ed einen Karatekurs für vier Monate bucht und sich einbildet, damit würde er sich gegen den gewaltbereiten Urek, der viele Kämpfe hinter sich hat, verteidigen können. Zumal Ed ausdrücklich als unsportlich dargestellt wird. Wäre ein Pfefferspray oder ähnliches da nicht sinnvoller gewesen? Was auch immer Anfang der 70er üblich war.

Ich bilde mir ein zu wissen, was man mit Kampfsportunterricht erreichen kann und was nicht, nachdem ich selber nicht vier Monate, sondern 12 Jahre davon hinter mir habe.

 

Noch ärgerlicher: Es kommt zu einem Kampf, indem eine Nase gebrochen wird. Ein Stück Nase bohrt sich ins Gehirn, jemand stirbt. Also soll ich das glauben? Eine Nase besteht doch zu einem guten Teil aus Knorpel. Vor allem der obere Teil des Nasenrücken erscheint mir nicht besonders gut geeignet dafür, sehr tödlich zu sein.

 

Da ich mich ausreichend darüber geärgert habe, habe ich recherchiert, und ja, das ist eine urbane Legende. Ein Lottogewinn ist wahrscheinlicher. Normalerweise würde das Nasenbein einfach zerbröseln, statt sich ins Gehirn schieben zu lassen und dort irgendetwas auszurichten.

 

1971 dachte man wohl noch, dass man durch ein paar Karatestunden ein unbesiegbarer Held wird. Ich gebe der Geschichte dann mal zwei zugedrückte Augen, dass sie zum Geist der Zeit passt.

 

Trotzdem habe ich beim Lesen gegen Ende des Romans das Gefühl gehabt, der Autor hat allmählich keine Lust mehr und galoppiert so schnell wie möglich auf das Ende zu. Wieso nicht etwas Atem holen zwischendurch und der Geschichte mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit geben? In der Theorie wusste er doch, wie (siehe sein Schreibratgeber) und auch die Praxis zeigt ja, dass er es prinzipiell konnte. Ich hätte mir hier doch ein wenig mehr Gewissenhaftigkeit bis zum Ende gewünscht. Aber auch so war es trotzdem noch eine sehr nette Leseerfahrung.

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