Schubladengeschichten - Eine Anthologie der Textgemeinschaft

Harte Fakten

Titel Schubladengeschichten
Art des Werks Anthologie
Erscheinungsjahr 2019
Seitenzahl 208
Rezensionsexemplar Ja

Was ist denn hier der rote Faden?

Mehr als 100 Texte wurden eingereicht und die besten in dieser Anthologie veröffentlicht.

 

Aber was war das Thema? Als ich mit dem Lesen begann, dachte ich erst, ah, vielleicht autobiografisch. Dann kamen ein paar Horrorstories, von denen ich doch sehr hoffe, dass sie keinesfalls jemandem passiert sind. Auch einige Thriller.

 

Welcher ist der gemeinsame Nenner?

 

Das Thema war völlig frei, die Geschichte sollte nur aus einer Schublade stammen und schon älter sein. Einige eingereichte Texte waren auch mehr als 20 Jahre alt. Das erklärt vielleicht auch einige Stellen, die mir etwas altmodisch vorkamen.

Alle Kurzgeschichten

Ganz im Stil der Legendensänger-Rezensionen in den Neunzigern und wie ich es auch schon bei der Morgenmuffel-Anthologie gemacht habe, möchte ich auch hier wieder jede Geschichte einzeln rezensieren.

 

So haben die Autor*innen am meisten davon. Immerhin muss man sich bei der Textgemeinschaft mittlerweile auch schwer durchsetzen, zurzeit werden ca 15% der Einreichungen veröffentlicht. Ob ich Einzelrezensionen jeder Geschichte bei den dicken Krimi-Anthologien auch so leisten kann, weiß ich noch nicht. Hier kriege ich es aber noch gut hin.

 

In 2019 wurden noch Autor*innen-Infos vor jede Story gesetzt. Daraus geht schon hervor, dass ein Großteil der Autor*innen schon wenigstens ein paar Veröffentlichungen aufweisen kann, einige sogar schon einen Roman. Es liest sich nicht so, als würde da schon jemand vom Schreiben leben, aber völlige Anfänger*innen findet man ebenfalls selten.

 

Marie-Luise Herbermann: Tumor ist, wenn man trotzdem lacht

Ich hielt es für autobiografisch, dann ist es tragisch. Es fühlt sich jedenfalls authentisch an. Falls es nicht autobiografisch ist, ist es gut eingefühlt. Eher philosophisch-reflektiert als eine Geschichte mit viel Handlung. Wer mich kennt, weiß, dass ich letzeres bevorzuge.

Ich mag aber den Gedanken daran, dass man, wenn man denkt es sei das Ende, sich alles mögliche vornimmt oder bedauert, nicht getan zu haben und es dann in der gesunden Realität aber doch nicht macht.

Zitat: "Jetzt ist danach. Sogar schon 6 Jahre danach. Mein Leben ist bunt. Und Nein - ich war immer noch nicht in Australien, habe immer noch nicht tanzen gelernt, auch das Buch über die schlimme Zeit der Krankheit ist noch ugneschrieben..."

 

Mara Meier: Der Stummfilm

Das ist eine jener Geschichten, an die ich mich nur anhand des Titels genau erinnern kann, nachdem ich das Buch durchgelesen habe. Beileibe nicht die einzige, übrigens, aber das möchte ich mal positiv erwähnen, es bleibt in Erinnerung. Der Stil spricht richtig die Sinne an, vor allem die Augen, es ist tatsächlich wie ein Film. Obwohl eigentlich nichts aufwühlendes geschieht, habe ich mit Interesse und Spannung gelesen, bis in die kleinsten Nebencharaktere wurden die Figuren sehr gut gezeichnet. Es geht um den Ferienjob der Ich-Erzählerin, den sie hatte, als sie 14 war. Vor allem die Brücke zur Oma und deren Job mit 14 finde ich sehr gelungen.

 

Anne Merker: Eine Nacht im Krankenhaus

Doppelpointe. Oder Dreifachpointe? So pointenreich, ich kann nicht mehr recht zählen. Mich packt der Grusel hier nicht so. Ich weiß nicht so recht, woran das liegt, kann den Finger nicht drauflegen. Fehlt da ein Sinn, der noch angesprochen werden müsste?  Zu reflektiv? Vielleicht mehr sehen, hören, riechen? Vielleicht mehr Zeigen und weniger sagen, den "intensiven Schwindelanfall" für mich erlebbar machen. Aber ganz sicher bin ich mir nicht, warum ich nicht mitgenommen wurde.

 

Michael Kothe: Die Babysitterin

Nach einem Drittel denke ich, ich wüsste worauf es hinausläuft und kichere, aber dann kommt es anders, ganz ganz anders. Hier hätte ich eine Triggerwarnung gebraucht. So ein Horror! Wirklich! Horror mit Babies und einem Kleinkind und Verstümmelung, aua, das gibt Ärger. Nun, gelungener Horror ist es durchaus, nur dass ich mich vor diesen Dingen sehr fürchte. Ich bin nicht sicher, ob diese Geschichte gruseliger ist als die nächste in der Anthologie von Bianca Röschl, aber ich persönlich bin mehr gegruselt, weil auch noch Kinder vorkommen.

Eine Sache möchte ich aber anmerken: Ja, es sind Schubladengeschichten, also sind einige vermutlich sehr alt. Aber so wickelt man doch keine Kinder! Einölen und Einpudern? War das in den Achtzigern? Außerdem würde ich doch bereits vor dem Anlegen der Windel merken, wenn etwas mit den Füßen des Kindes nicht stimmt, oder?

Abgesehen mal davon: Ja, das ist eine gelungene abgrundtief ekelerregende Horrorstory.

 

Bianca Röschl: Das Panoptikum der seltsamen Kreaturen

Ich mag Rachegeschichten. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich die Rache hier nicht ein wenig dick finde. Fies ist sie allemal und kreativ ganz sicher. Die Schlussszene ist großartig und sehr, sehr witzig (trotz all dem Horror). Die Story ist sehr rund und genau so, wie eine perfekte Kurzgeschichte sein muss.

 

Christian Reinöhl: Wenn ich und du wir sind und du und ich du, wer bin dann ich?

Bekommt den Preis für den besten Titel, auch wenn ich dabei etwas stutzen muss. Ich mag die Call-Center-Einlage. Die Ich-Person ist sehr unterhaltsam und eindeutig total kirre. Auf eine gute Art, also gut für einen Ich-Erzähler.

 

Hans-Günter Falter: Cafégespräche

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Pointe wirklich funktioniert, da scheint mir doch einiges nicht ganz stringent zu sein. Trotzdem, klasse Idee. Genauso mag ich Kurzgeschichten. Es ist mir persönlich lieber, ich bin von einer nicht ganz logisch nachvollziehbaren Pointe überrascht als dass es keine gibt. Zumal es immer noch die Möglichkeit gibt, dass ich etwas übersehen oder überlesen habe, das vorher den entscheidenen Hinweis gibt. Genial finde ich auch die Ausgangssituation: Jemand, der gern anderen bei Gesprächen im Café lauscht. Spaß! Ja, hat gefallen.

 

Hansueli Schürer: Anna

Ui ui ui, das ist ein hartes Thema. Diese Story ist sehr szenisch, man lebt unmittelbar mit, was durch die Wahl des Präsenz noch gut unterstrichen wird. Ich würde fast sagen, das Thema ist "gesehen werden" oder eben "nicht gesehen werden" und das von den eigenen Eltern. Hartes Stück. Adjektive werden hier sehr gekonnt eingesetzt, mal wird sich passagenweise damit zurückgehalten, dann kommen plötzlich drei auf einmal und entfalten ihre Wirkung umso besser. Außerdem gute Dialoge. Ein paar Stellen fand ich zu dick aufgetragen. Gut finde ich, dass es ein wenig Pars pro Toto ist, Annas Geigenspiel und dabei gesehen werden als Detail dafür, dass sie generell gesehen werden möchte.

 

Kai Hölcke: Die Erklärung der Welt

Da war ich fast versucht, meiner fast Fünfjährigen vorzulesen. Wäre sie zwei Jahre älter, es hätte wahrscheinlich funktioniert und hätte sie nicht gelangweilt. Das meine ich als hohes Lob. Es ist witzig geschrieben und kein Stück langatmig. Eine alltägliche Unterhaltung zwischen Opa und Enkelin, liebenswert gemacht.

 

Dan Lee Ifield: WOKKA WOKKA

Ich bin fast sicher, die Schlußpointe geschnallt zu haben. Falls ich richtig liege, ist es die beste Pointe dieser Anthologie. Fordert meine Intelligenz heraus und ist verblüffend.

Die Dialoge sind außerdem sehr echt.

 

Iver Niklas Schwarz: Für einen Moment perfekt

Kann man sich so sehr langweilen, dass man die Gefahr sucht? Wenn Geld kein Thema ist? Ich meine, so etwas schon mal irgendwie gelesen zu haben (auf Quora, glaube ich, da wurde ein Experiment mit Ratten beschrieben, die sich um nichts bemühen mussten, gruseliger Ausgang übrigens). Jedenfalls hat es mich hier sehr überzeugt. Ich musste allerdings konzentriert lesen, um hier bei der Sache zu bleiben, weil es sehr rückblickbehaftet ist und nicht ganz geradeaus durch die Ereignisse läuft.

 

Christine Bovin: Atemlos

Ich bin gespalten. Erst war es so spannend, dass ich richtig ärgerlich war, als ich auf Seite 2 eine Pause machen musste, da das Kind rief. Dann ging es auch zunächst sehr unterhaltsam und cool weiter. Eine Reisegruppe in der Mongolei, mit fremden Sitten teilweise überfordert und eine Person stänkert und stänkert und wird schließlich tot aufgefunden.

Wer war es? Es gibt recht viele andere Personen, bei einer Geschichte dieser Kürze am Rand des von mir noch verarbeitbaren. Vielleicht eher ein wenig drüber. Die Auflösung jedoch fand ich enttäuschend und hat mich nicht überzeugt. Für einen Mord hätte ich mir ein stärkeres Motiv gewünscht. Und eines, bei dem ich vorher die Chance gehabt hätte mitzuraten. Vielleicht hatte ich das und habe einen Hinweis übersehen, das möchte ich nicht ausschließen. Wie auch immer, die ersten Seiten waren die Lektüre wert.

 

Gisela Baudy: Lora oder der rote Papagei

Das erinnert mich an all die Filme zum Thema "Unsere Welt ist in Gefahr", speziell jene, in denen der Regenwald abbrennt. Also aktuelles Thema - ist aber ja leider schon seit einer Weile aktuell.

 

Fazit: Macht ihnen Arbeit!

Wieder einmal eine gelungene Anthologie. Aufgrund der vielen tollen Einreichungen kann die Textgemeinschaft gut auswählen und zusammenstellen.

 

Das macht zwar eine Einreichung nicht immer sehr erfolgsversprechend (Konkurrenz!), trotzdem rühre ich schon seit Wochen wild die Werbetrommel, weil ich es gut finde, wenn Anthologien qualitativ so gut wie möglich werden. Auch auf die Gefahr hin, dass meine Stories dann abstinken und nicht mehr genommen werden. Muss ich halt besser werden.

 

Also: Machen wir der Jury mehr Arbeit!

 

Die nächsten drei ePubs liegen schon bereit, also folgen in nächster Zeit noch mehr Rezensionen. Ich habe ja Ferien. Die Kinder aber auch.

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Kommentare: 2
  • #1

    Michael Kothe (Mittwoch, 22 Juli 2020 01:19)

    Hallo, Yvonne,
    Babsysitter war ich nicht in den 80ern, sondern 20 Jahre davor. Meine fiktive Babysitterin in der Anthologie »Schubladengeschichten« hat ihren Abend und die Nacht dann auch in meinem damaligen Elternhaus verbracht (Der Keller sah anders aus!). Ganz so alt ist die Geschichte aber doch nicht. Mittlerweile ist die Babysitterin in meine eigene Anthologie »Quer Beet aufs Treppchen« (https://das-buch-quer-beet.jimdosite.com) eingezogen zusammen mit meinen 23 anderen kurzen Werken, die sich alle in Wettbewerben einer Jury stellten. Die Babsyitterin war eine der ersten. Jedenfalls bin ich beruhigt, dass du den Grusel überstanden hast und dafür auch noch Lob findest. Dankeschön! Solltest du mehr Lust auf eine »gut gefüllte Wundertüte« (Rezension eines Bibliotheksmitarbeiters) haben, schau halt mal auf die Internetseite! Würde mich freuen.
    Liebe Grüße
    Michael
    https://autor-michael-kothe.jimdofree.com

  • #2

    Yvonne Tunnat (Mittwoch, 22 Juli 2020 11:41)

    Lieber Michael,

    danke für die Aufklärung! Ich habe zum ersten Mal 2015 eine Windel gewechselt ;-).

    Die Anthologie schaue ich mir mal an. Ich bin übrigens auch Bibliotheksmitarbeiterin. Vermutlich wirst du zurzeit hauptsächlich von Bibliotheksmitarbeiter*innen rezensiert.

    Liebe Grüße, Yvonne