Exit Ghost von Philip Roth

Harte Fakten

Titel Exit Ghost
Autor Philip Roth
Erscheinungsjahr  2007
Seitenanzahl  304
Dauer des Hörbuchs  554 Minuten
Sprecher  Peter Fitz

Inhalt: Das Alter, Autorsein, Frauen und das Abgeschiedensein

Mittlerweile weiß ich, dass Nathan Zuckerman ein vielbenutzter Alter Ego von Roth ist. Ich lerne ihn aber hier, in seinem letzten Roman, erst kennen: Als 71jährigen, inkontinenten und impotenten alternden Autor, der seit elf Jahren abgeschieden auf dem Land wohnt und für einen Arzttermin nach New York zurückkehrt und sich dort fast eine Woche aufhält. Und sich verliebt. Oder so was.

 

Erst einmal finde ich es erfrischend, einen Protagonisten in diesem Alter zu haben. Dazu muss ich sonst Paul Auster lesen. Oder Stephen King (Schlaflos). Aber so schildern auch die die Tücken des Alters nicht. Vor allem die Inkontinenz hat mich sehr beeindruckt. Hier liegt es an einer OP, die aufgrund von Prostatakrebs durchgeführt werden musste. Mit den üblichen Nebenwirkungen.

 

Es kommt häufig I. E. "Manny" Lonoff vor, ein Schriftsteller, den es aber leider in der Realität nicht gibt, sonst würde ich vermutlich gleich loslegen und ein Buch mit Kurzgeschichten von ihm kaufen. Immerhin könnte ich diesem in einem anderen Buch von Roth begegnen, "The Ghost Writer".

 

Am Rande geht es sogar um Inzest. Ein Thema, für das ich sonst Ian McEwan oder Paul Auster lesen muss, wenn ich etwas respektvolles zu dem Thema lesen möchte. Allerdings steht das Thema nicht so sehr im Mittelpunkt wie beispielsweise bei Austers "Invisible" oder McEwans "Zementgarten" (Beides übrigens sehr zu empfehlen).

 

Auch schön: Nathan Zuckerman verliebt sich. Liebe geht eben doch auch durch...ähm, ich weiß nicht genau wodurch Liebe geht, aber er verliebt sich.

 

Während der Romanhandlung gewinnt Bush seine zweite Amtszeit und ruft Entsetzen bei einigen Figuren hervor. Da habe ich wenig Mitleid. Oder viel Mitleid. Denn diese Figuren haben Trump noch vor sich. Was würden die wohl dazu sagen? Schade, zu Trumps Zeiten hat Roth schon nicht mehr geschrieben.

Reflektion: Sehr angenehm, kleine Spannungskurve, überflüssige Teilkapitel

Dies ist Roths letzter Roman mit Zuckerman. Also habe ich (allerdings unwissentlich) mit meiner sonstigen Gewohnheit am Anfang anzufangen, gebrochen.

 

Ich muss voranschieben, dass dies nicht nur mein erster Roman mit dem Protagonisten Zuckerman ist, es ist auch das erste Buch von Roth. Ich kenne zwar die Handlung von "der menschliche Makel", aber nur, weil das mit Hopkins verfilmt worden ist. Ich bin also eine "Absolute Beginnerin" hier und das ist womöglich nicht der Roman, mit dem ich hätte starten sollen. Es ist auch nur wegen Rip van Winkle so - ich war neugierig auf die Bezüge dazu. Diese sind allerdings nicht so auffällig und wären mir sogar gar nicht aufgefallen, wenn sie nicht explizit im Text stünden.

 

Das eher ungewöhnliche Thema Inzest wird zwar gestreift, aber eher einfach als "Makel im Lebenslauf" gesehen. Es dient hier nur dazu, zu zeigen, dass man als Person öffentlichen Interesses, wie z. B. Autoren geoutet werden können, was  Sünden und Jugendsünden betrifft. Privatsphäre versus Berühmtheit. Der Inzest wird nicht weiter beleuchtet, es hätte auch etwas anderes sein können.

 

Ich würde Genre-mäßig Roth schon in die Nähe von Paul Auster stecken. Allerdings bevorzuge ich Auster. Was mich direkt an Exit Ghost stört, sind die vielen fiktiven Dialoge. Natürlich weiß ich, dass der ganze Roman fiktiv ist. Nur dass Zuckerman dann auch noch sehr exzessiv die erdachten Dialoge zwischen sich und seiner Angebeteten aufschreibt, wird mir dann irgendwann zu viel.

Erst sind diese ja noch angenehm kurz und ich verstehe ja auch diese schriftliche Tagträumerei. Dann nehmen sie aber mehr und mehr Raum ein und ich muss fast eine Stunde solchen Dialogen lauschen (was beim Vorlesen mit "Er:" und "Sie:" auch ermüdend wird), anstatt dass es endlich mit dem Roman weitergeht. Mich interessiert der Fortgang des Romans nämlich durchaus, auch wenn eigentlich nicht viel passiert und die Handlung sich auf eine knappe Woche beschränkt.

 

Am Ende des Romans - den ich in unter einer Woche durchgehört habe, also in einer vernünftigen Zeit - komme ich doch durcheinander, welche Konversation zwischen dem Protagonisten und seiner Angebeteten eigentlich tatsächlich stattgefunden haben und welche nicht. Zwar ist das beim Lesen immer klar, aber rückblickend fällt mir die Unterscheidung klar. Ist das gewollt? Falls ja, ist das bei mir gelungen. Dennoch: Ich hätte es gern gehabt, wenn die erdachten Er-Sie-Dialogen weniger Raum einnehmen würden.

 

Worum also geht es in diesem Roman eigentlich? Was ist die Prämisse? Ein paar Themen schälen sich heraus: Das Älterwerden. Das Zurückziehen. Die Unfähigkeit berühmter Personen, nach dem Tode zu verhindern, dass jemand in einer Biographie Dinge enthüllt, erfindet oder anders darstellt als gewollt.

 

Dass jemand ein zurückgezogenes Leben vorzieht, kann ich nachvollziehen. Viel Zeit alleine, viel Freiraum, nur lesen und schreiben.

 

Mich persönlich hätte der Roman von E. I. Lonoff über den Inzest mehr interessiert als der Roman "Exit Ghost". Obwohl der Protagonist vor allem zu Beginn des Romans mir sehr nahe kommt, entfernt er sich doch im Laufe der (eher kargen) Handlung wieder. Die Reflektionen bleiben trotz der Ich-Perspektive auf einem vernünftigen Niveau, der Roman ist auch nicht zu lang. Die Ereignisarmut ist ein wenig schade, die Figuren aber ausreichend interessant.

 

Andere Rezensenten klingen oft so, als sei der Umgang mit dem Alter und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten sehr schonungslos behandelt worden. Ja, beim Schwimmen gelb gefärbtes Wasser hinter sich zu lassen, ist sicherlich schonungslos. Was ich aber auch bemerken möchte, ist, dass es irgendwie erfrischend und fast leichtfüßig geschildert wird. Selbst das Sich-Schämen hatte einen leichten Beiklang, was ich als sehr angenehm empfand. Ja, vieles geht nicht mehr, einiges ist außer Reichweite: Ein sorgenfreier Besuch im Schwimmbad, die Dreißigjährige Schönheit. Doch Zuckerman ist auch alles andere als tot, alles andere als siechend. Er kann noch ganz schön viel.

 

Schwieriger als Inkontinenz und Impotenz ist hier die Erkenntnis von Zuckerman, dass sein Gedächtnis nachlässt. Eines Tages wird er nicht mehr schreiben können. Roth hat die letzten ca. acht Jahre seines Lebens nicht mehr geschrieben.

Wurde er von seinem nachlassenden Geist dazu gezwungen?

Das sind dann Dinge, die mich weit mehr gruseln, dies kann allerdings nur so sein, weil ich den Roman nicht beim Erscheinen 2007, sondern erst 2020 lese, als all diese Informationen zur Verfügung stehen. Auch interessant: Was die Rezeption eines Romans beeinflusst. Das Wer und Wo, aber eben auch sehr das Wann.

 

Zum Nachdenken gebracht hat mich die Wendung, bezogen auf den jungen Mann, der Lonoffs Biographie schreiben möchte: "bis auf die Zähne mit Zeit bewaffnet ist". Abgesehen mal davon, dass die Formulierung sehr cool ist, wer ist denn nun eigentlich mit Zeit bewaffnet? Die Jungen oder die Alten? Bei Roth sind es die Jungen. Ja, die haben statistisch gesehen mehr Zeit vor sich. Aber sind es nicht oft eher die Alten, die die Zeit haben? Weil die Kinder groß sind und sie auf Rente sind? Vermutlich nicht aus Roths Sicht, der nie Kinder hatte und jahrzehntelang keinen Brotjob außer dem Schreiben hatte. Erst Recht nicht aus Sicht des alten Roths, dessen Zeit ablief.

Ich sehe die Welt nur gerade aus anderen Augen, während ich diese Rezension schreibe, obwohl ich Urlaub habe nur mit sehr wenig Zeit bewaffnet, zu meinen Füßen ein Baby, das an der der Quarber Merkur herumsabbert und ein Kindergartenkind (das ebenfalls Ferien hat) und versucht, das Gästebett kaputtzuspringen. Somit hat der Roman mir genau das gegeben, was ich von einem Roman erwarte: Einen Ausflug in eine völlig andere Welt, dem Zuhören einer anderen Sicht auf die Welt. Auch wenn jetzt gerade mein Bücherstapel zu hoch ist für einen weiteren Roman von Roth, ganz vergessen werde ich ihn nicht und vermutlich auf ihn zurückkommen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Kathrin (Donnerstag, 06 August 2020 06:42)

    Danke für die Rezension, ich habe noch nichts von Roth gelesen, jetzt möchte ich es doch mal tun, aber auf Englisch �
    Liebe Grüße