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Wie künstlich ist Intelligenz? - Anthologie herausgegeben von Klaus N. Frick

Harte Fakten

Titel Wie künstlich ist Intelligenz?
Herausgeber Klaus N. Frick
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 146
Anzahl Geschichten 9

Inhalt

Fazit für Eilige

Bei den Namen und dem Thema musste ich einfach zugreifen. Fast die Hälfte davon sind ja seit Monaten Twitter-Kontakte.

Die Auswahl ist sehr gelungen. Alle Geschichten sind super, einige urkomisch, ergreifend oder mit einer Pointe, die man so schnell nicht vergisst. Obwohl vieles etwas dystopisch anmutet, sind kaum Szenarien pessimistisch, was es möglich macht, die Anthologie in einem Rutsch wegzulesen.

Ich habe mich dann doch noch für einen Favoriten entschieden: Carsten Schmitts "Jens Wagners Stimme".

 

Wer eine deutlich differenziertere Rezension lesen möchte - mit weit mehr konstruktiver Kritik im Vergleich zu meinem begeisterten Lesespaß, der schaue hier: Rezension bei Literatopia.

Inzwischen gibt es eine weitere, beim Literatur-Blog. Sehr kurz und knackig. :-)

Und eine weitere, die darauf fokussiert, dass hier pointenreiche Kurzgeschichten zu finden sind.

 

Andreas Eschbach: Alles Geld der Welt

Eigentlich verrät der Titel zu viel, auch wenn er natürlich super gewählt ist. Die Studenten Alan und Rob arbeiten an einer KI, für einen Wettbewerb am MIT. Nur dass Alan leider auch nebenher noch jobben muss - klassisch, in der Burgerbude.

Seine schärfsten Konkurrentinen sind die Milliardärstochter Tammy und ihre Freundin Martha. Die arbeiten an einer KI für Poker. Ziemlich sexy, finden Alan und Rob, ganz im Gegensatz zu ihrer KI, die nur Schwächen in Software ausloten soll, um sich dann um Backups zu kümmern. Doch bei einem Gespräch mit Tammy kommt Alan eine Idee, wie er die KI noch deutlich interessanter machen kann.

Es wird spannend und kommt zu einer tollen Pointe - die auch noch einen draufsetzt, wenn man meint, aufgrund des Titels schon alles zu wissen.

 

Judith C. Vogt: Ausstieg

Hier haben wir die Protagonistin Miccan - die die nonbinäre Jona beobachtet. Jona hat sich so geschminkt, dass die KIs, die hinter den Kameras lauern, sie nicht erfassen können. Als sie Zuhause ist, wird sie dennoch von Miccan auf ihrem Laptop angesprochen. Wie ist das möglich?

Die Geschichte ist in ihrer Kürze bemerkenswert. So schnell gelingt es, eine Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren herzustellen, eine völlig neue Welt glaubwürdig zu erschaffen (oder eigentlich zwei) und mich als Leserin emotional mitzunehmen. Das alles auf nur fünfzehn Seiten. Außerdem ist der Schluss sehr schön.

Stil: Bemerkenswerterweise hat die Autorin es geschafft, über Jona zu schreiben, ohne je Personal- oder Possessivpronomen zu verwenden. Sehr gut gelungen!

 

Klaus N. Frick: Der Reigen der Sandteufel

Der Mars ist schon seit ein paar hundert Jahren besiedelt. Wenn es dort Leben gäbe, wüsste man das längst. Aber Jaco, ein Junge, hört die Sandteufel. Eines Nachts macht er sich auf den Weg, sie zu suchen.

Eine eher poetische Geschichte über das Glauben und das Kindsein. Zumindest ich habe sie so gelesen. Wenn man noch Kind ist, glaubt man leichter. Aber man darf fast nichts. Wenn man sich dann den Glauben bewahrt, bis man Dinge darf - nun, dann kann man ihnen auch nachspüren, ohne aufgehalten zu werden, jedenfalls in einem deutlich größeren Rahmen als als Kind.

Außerdem stehen hier ein paar nette Details zwischen den Zeilen, deren Interpretation uns Lesenden überlassen werden.


Stefan Lammers: Johanna

Johanna ist eine KI in einer Simulation. Dort trifft sie auf einen männlichen Avatar, hinter dem aber eine Putzfrau steckt. Eine Putzfrau, die aus sehr persönlichen Gründen ein spezielles Verhältnis zur kalten Berechnung von Wahrscheinlichkeiten der KIs hat.

 

Jannis Radeleff: Crasthtestdummys

Crash Tests aus der Sicht eines Dummys? Wie fühlt sich das wohl an, wenn ein Auto auf dich zurast?

Protagonist Thomas möchte weiterhin als Crash Test Dummy arbeiten und keinesfalls ausgemustert werden oder gar in die Haushaltsabteilung versetzt werden.

Hier werden nicht nur Funktionen von Autos, Waffen und Kochtöpfen getestet, sondern auch die sechs Robotergesetze. Das ist nicht frei von Komik. Beispielsweise lässt ein Kochtopf absichtlich Essen anbrennen, weil zu viel Salz darin ist, um zu verhindern, dass jemand ungesunderweise seine tägliche Salzhöchstmenge übersteigt.

Die Geschichte ist extrem intelligent angelegt, ich bin voll drauf reingefallen und habe den Schluss nicht kommen sehen.

 

Nele Sickel: Eine völlig legale Kiste

Hier unterhält sich Malte mit der KI in einem Kopf. Die Story besteht fast nur aus Dialog. Es ist recht witzig und liebenswert. Die beiden zanken sich ein wenig: wie ein altes Ehepaar, aber trotzdem liebevoll ... größtenteils. Lustig ist ebenfalls, dass er sich nicht in seinem Kopf mit ihr unterhalten kann, sondern richtig sprechen muss, weshalb es für Umstehende etwas seltsam aussieht.

Die Pointe ist sehr positiv.

 

Carsten Schmitt: Wagners Stimme

Da ich ja auf Familiengeschichten stehe und auch auf Geschichten, in denen ältere Menschen und deren Sorgen eine respektvolle Rolle spielen, ist diese Story mein persönlicher Favorit. Jens Wagner leidet an etwas, das vermutlich Alzheimer ist - jedenfalls wird das auch einmal ausgesprochen. Eine KI wird so integriert, dass sie mit seiner eigenen Stimme zu ihm spricht und ihm im Alltag hilft. Jens' Frau ist bereits gestorben, zu der Tochter gibt es keinen Kontakt. Warum, wird so nach und nach entblättert, auch wenn vieles nur zwischen den Zeilen steht, was schön subtil gehalten wird.

Anfänglich hilft die KI ihm nur dabei, daran zu denken, ob noch eine Dose angebrochenes Katzenfutter im Kühlschrank ist, mit der Zeit werden die Aufgaben der KI komplexer und helfen Jens' länger selbstbestimmt in seiner Wohnung zu leben. Es geht dennoch den "üblichen Weg", Essen auf Rädern, Hilfe im Haus, Pflegeheim.

Ganz am Ende trifft die KI nahezu menschliche Entscheidungen. Ein Schluss, der mich fast zum Weinen gebracht hätte.

Diese Geschichte hätte auch von Ken Liu stammen können - mächtig schön!

 

Gundel Limberg: Daheim

Nach der emotional mitnehmenden Story von Carsten bin ich froh, dass als nächstes eine eher witzige Geschichte folgt. Ein Haus, als KI konzipiert, die ein bis sechs Menschen darin zufriedenstellt und optimal versorgt. Bis hin zu abgestimmten Gerichten und Lieblingsgerüchen. Auch unter der Dusche ist das Wasser immer optimal eingestellt - ich will jetzt nicht alle witzigen Details vorwegnehmen.

Dann stirbt aber irgendwann das letzte Familienmitglied und das Haus kommt ins Museum. Mit so vielen unterschiedlichen Personen zur gleichen Zeit kommt es erstmal gar nicht klar. Mit null Menschen im Haus auch nicht.

Was geschieht, wenn man einer KI seine Aufgabe entzieht? Das hat der (inzwischen verstorbene) Programmierer irgendwie nicht bedacht. (Er scheint außerdem den Quellcode nicht offengelegt zu haben, haben wir etwa nichts gelernt? ;-) )

Das durchaus freundlich dargestellte Haus schreckt hier auch vor Entführung nicht zurück - aber wie erbost sind denn die Entführten darüber tatsächlich?

Die Pointe setzt noch einen drauf.

 

Michael Marrak: Die Sapiens-Integrale

Das ist sie science-fiction-mäßigste Story. Mit Raumschiffen und einem vermeintlich anderen Planeten und einer anderen Art von Intelligenz. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, ohne zu spoilern. Jedenfalls ist hier sehr viel Story auf sehr engem Raum, daher musste ich mir beim Lesen etwas mehr Zeit nehmen.

 

Nachword: Reinhard Karger, Deep Future

Hier werden einige sehr interessante Fragen beantwortet - zur Realität und zur Fiktion. Bei einigen würde ich gern begeistert "ja!" schreien, vor allem, wenn es um die Abwendung der Klimakatastrophe geht.

 

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