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Maschinen wie ich und Menschen wie ihr - Ian McEwan

Harte Fakten

Titel Maschinen wie ich und Menschen wie ihr
Autor*in Ian McEwan
Erscheinungsjahr 2019
Seitenzahl 416
Länge Hörbuch 11 Std. 16
Sprecher*in Wanja Mues

Inhalt

Auch wenn ich das nicht für möglich gehalten hätte: Dieser Roman reicht an die Qualitäten heran, die ich in den Neunzigern an seiner Prosa so genossen habe. Als "Der Zementgarten" eines meiner Lieblingsbücher war und ein Klassenkamerad und ich alles gelesen hatten, was McEwan bis dahin herausgebracht hatte und Nachmittage darüber diskutiert haben. Auch heute würde ich gern wieder mit ebenjenem Kameraden, Tobias, in seinem Elternhaus im ausgebauten Dachboden darüber fachsimpeln. Kindswohl war ganz ok, aber Maschinen wie ich hat mich wieder dazu gebracht, McEwan für einen der ganz großen unserer Zeit zu halten.

In dem Roman steckt einiges drin, weit mehr, als nur ein wenig KI. Die KI ist innerhalb dieses Romans nützlich, um einige moralische Konflikte aus einer Sicht zu betrachten, die auf andere Art und Weise entscheidet und beurteilt als ein Mensch. Dies führt dann zu neuen Konflikten. Es passieren ständig Dinge in diesem Roman und ist es am Anfang noch eher leise, dann türmen sich die Probleme in der zweiten Hälfte des Romans schon fast auf.

 

Der Anfang ist ganz spannend, denn witzigerweise kommt der Androide Adam unaufgeladen an und muss erst einmal sechzehn Stunden lang aufgeladen werden. Das ist kaum auszuhalten, der Protagonist Charlie will ihn jetzt! Sofort! Verständlich. Die Neugier steigt, sowohl bei ihm als auch bei mir.

 

Im weiteren Verlauf der Story zeigt sich dann für mich, dass McEwan mit dem Stoff KI und Androide/Replikant gekonnt umgeht. Erstens gefällt mir die Welt, die er da schafft. Die Achtziger mit Internet und drohendem Brexit, dazu Handys und ein lebendiger Alan Turing. Herrlich! Dann hat der Replikant Adam fast mehr Persönlichkeit als der Rest, zumindest ist er stellenweise interessanter als die anderen Charaktere, obwohl diese durchaus auch Tiefe, Wünsche und Ängste haben.

Einiges ist - zumindest mir - noch neu. Die Idee: Kann eine KI ein ernsthafter Nebenbuhler sein? Wenn meine Freundin mit meinem Androiden Sex hat, ist das dann Betrug? Die Robotergesetze von Asimov werden ziemlich früh und ziemlich unspektalkulär verletzt, als Adam Charlie den Arm bricht. Es kommt nicht sofort zu Repressalien. Auch Adam werden Fehler zugestanden. Irgendwie wird er durchaus wie ein Mensch behandelt.

 

Wirklich witzig: Wie der Protagonist Charlie statt Adam für den Roboter gehalten wird und er voll drauf eingeht.

 

Wirklich mutig: Thema Vergewaltigung. Als männlicher Autor sollte sich McEwan dem Thema umso vorsichtiger und respektvoller nähern und das schafft er tatsächlich. Es gelingt ihm sogar, einem vordergründig reuevollen Täter dann doch noch den Twist zu geben, der zeigt, dass dieser in Wahrheit nichts verstanden hat. Das ist extrem gut gemacht. McEwan hat tatsächlich die Reife und den nötigen Respekt und auch das Verständnis, als Mann über dieses Thema zu schreiben und es nicht zu versauen.

 

Überzeugend: Was, wenn die Vaterschaft näher vor der Tür steht als die knappen neun Monate, die wir sonst Zeit haben? Ich kann mich da jederzeit in Charlie einfühlen. Doch Charlies Freundin Miranda möchte einen dreijährigen Jungen, Mark, adoptieren, der ihr ans Herz gewachsen ist. Charlie möchte Miranda heiraten und mag den Jungen Mark durchaus auch - er ist bereit, sich darauf einzulassen, spürt aber Widerstände.

 

Gut gemacht: Charlie ist narzistisch und merkt es selber nicht, wir Lesende können da manchmal über ihn schmunzeln.

 

Herrlich finde ich auch die alternative Wirklichkeit mit einem lebendigen, siebzigjährigen Alan Turing. Ach, wäre das schön gewesen!

 

Typisch für McEwan ist das Spiel mit dem, was richtig und was falsch ist. Das war auch schon das grobe Thema seines Romans "Kindswohl", den ich vor wenigen Jahren gelesen habe. Für die KI sind die Regeln klarer, viel klarer als für Menschen. Nur kommen Menschen nicht zu demselben Schluss wie die KI. Ist die KI deswegen böse? Die moralischen Konflikte, die das letzte Drittel des Romans begleiten, sind hochinteressant.

 

Trivia: All die kleinen Unterschiede

Sehr berührt hat mich, dass Alan Turing sich eben nicht mit einer medizinischen Behandlung mit Östrogen einverstanden erklärt hatte und stattdessen für sein Schwulsein ins Gefängnis ging. Mit völlig anderem Ausgang: Er überlebte. Arbeitete und forschte weiter. Lebte weiter. Liebte irgendwann auch ganz öffentlich und in Ruhe, als die Gesetze sich geändert hatten. Veränderte die Geschwindigkeit technologischer Neuerungen ganz erheblich - in disem 1982 ist das Internet wie wir es heute kennen ganz normal.

 

Auch nett: JFK überlebt das Attentat und die Beatles kommen wieder zusammen. Politisch gibt es auch zahlreiche Abweichungen, um diese aufzulisten, müsste ich mich aber mit britischer Geschichte besser auskennen.

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