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Diversity in der Literatur von Amalia Zeichnerin

Harte Fakten

Titel Diversity in der Literatur
Autor*in Amalia Zeichnerin
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 130

Inhalt

Ich bin sehr froh, dieses Buch gekauft zu haben. Nicht nur, dass es meinen Flickenteppich aus Wissen rund um die Repräsentation von marginalisierten Gruppen in Literatur, vor allem phantastischer Literatur, deutlich vollständiger macht. Es werden auch Dinge erklärt, die ich mich bisher gar nicht getraut habe zu fragen. Ich erfahre, was es mit diesen Triggerwarnungen eigentlich genau auf sich hat. Mir war nicht klar, dass es Personengruppen gibt, die Flashbacks aufgrund traumatischer Ereignisser oder starker Depression haben könnten, wenn sie zu bestimmten Themen unerwartet etwas lesen.

 

Darüber hinaus bietet diese Essaysammlung auch Infos zu Facebook-Gruppen und Blogs, wo ich sich weiter informieren oder gar engagieren kann.

 

Was ich eigentlich erhofft hatte zu finden, finde ich ebenfalls, aber nicht in dem Maße, das ich mir vorgestellt habe: Beispielliteratur. Nicht nur, dass ich viele der Beispiele - Ursula le Guin, Sarah Stoffers und die Vogts - schon kenne, auch scheint insgesamt die Bandbreite vor allem im deutschsprachigen Raum noch ausbaufähig zu sein. Da gab es in einigen Aufsätzen der diesjährigen Science Fiction 2020 mehr Lesestoffvorschläge. Andererseits ist das angesichts meines echt hohen SUBs vielleicht auch ganz gut so.

 

Ich lerne eine Menge: Nun habe ich endlich begriffen was pansexuell bedeutet und habe eine Idee davon, was grau-asexuell sein könnte. Ich kannte die Trope "bury your gays" nicht, also dass queere Charaktere in Filmen oft einen dramatischen Tod sterben. Bisher war mir nur bekannt, dass in Filmen oft die POC zuerst stirbt und viele das zu Recht nicht mehr sehen können. Außerdem gibt es zum Beispiel ein wissenschaftliches Paper zu problematischen Liebes-Tropes in den Twilight-Romanen. Wenn ich jetzt zugebe, dass mir das beim Lesen gar nicht aufgefallen ist, fühle ich mich etwas ertappt.

 

Die Darstellung von Menschen  mit psychischer Erkrankung hat mich besonders interessiert. Als relativ positiv wird hier "A beautifull mind" genannt. Ich frage mich, was mit der Serie "Atypical" ist, zumal zusätzlich zur autistischen Hauptperson dort ja auch eine Person bisexuell ist und die Darsteller*in laut eigenen Angeben non-binär. Leider wurde aber von meiner Twitter-Bubble mehrfach an mich weitergegeben, dass dies kein Positivbeispiel darstellt (weiteres Beispiel). Die zweite Staffel wurde etwas besser bewertet.

 

Noch problematischer ist die Darstellung von Personen mit Behinderungen, vor allem eher leichte Behinderungen. Oftmals finden sich eher ableistische Tropes, in denen die Personen sehr darunter leiden, behindert zu sein und es nicht einfach zu ihrem Leben dazugehört. Die Autorin nennt hier Ein besonderes Leben als Positivbeispiel.

Ich selber möchte hinzufügen, dass ich die blinde Protagonistin und die lesbische übergewichte Nebenfigur in "In the Dark" auch sehr überzeugend finde. Zumal noch eine weitere Nebenfigur ein wenig aus der Reihe tanzt. Ob das Betroffene auch so sehen? Aber Blinde (oder Taube) scheint es in meiner Twitter-Bubble nicht zu geben.

 

Ebenfalls schwer sichtbar in Literatur: Body Positivity. Ich persönlich habe mir zum Beispiel vorgenommen komplett damit aufzuhören, Menschen als perfekt schön zu beschreiben und darzustellen. Mir fiel die normschöne Darstellung bei der einzigen Frauenfigur in Eschbachs "Jesus-Video" zuletzt sogar negativ auf. Ich möchte das gar nicht mehr lesen. So sehen wir ja zum allergrößten Teil nicht aus. Wenn meine persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen, Behinderungen und Queerness sich möglicherweise auch in Grenzen halten, mit unperfekten Körpern habe ich ja tagtäglich zu tun. Zukünftig werden sich bei mir vermehrt auch ältere Herrschaften tummeln, da ich ja auch selber ständig älter werde. Es wird Zeit ein Gegengewicht zu bilden zu all dengephotoshoppten Zeitschriftenbildern. Meine Kinder (und die anderer Leute) sollen auch nicht glauben, dass alle so aussehen oder aussehen sollten.

 

Wenn denn endlich mal übergewichtige Frauen in einem Liebesroman auftauchen, wollen sie abnehmen (Bridget Jones). Oder, wahlweise, die Brille loswerden und sich Make-Up kaufen. Das hat mich damals bei "Eine wie keine" sehr genervt. Die Autorin Amalia hat übrigens mit Orangen und Schokolade einen Roman vorgelegt, in dem die dicke Protagonistin auch dick bleibt und sich mit Body Positivity beschäftigt.

 

Was ich ebenfalls nicht wusste: Offenbar gibt es eine starke Strömung, die nicht an Bisexualität glaubt. Der Fachbegriff lautet "Bisexual Erasure".

 

Ein Wort noch zum Schluss zum Thema Sprache: Die Autorin schreibt, sie hätte sich nach 1,5 Jahren an den Gender-Stern gewöhnt. Er beeinträchtigt die Lesbarkeit nicht. Ich kenne den Genderstern ähnlich lange und verwende ihn seit ca. Juni 2020 erst selber regelmäßiger, dank Twitter. Ich stimme zu: Nach sehr kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt und will es nicht mehr anders haben. Einzig beim mündlichen Sprechen fällt es mir noch schwer. Vermutlich brauche ich noch Gewöhnungszeit.

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