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DUM Das Ultimative Magazin No. 96

Harte Fakten

Titel DUM Das Ultimative Magazin No. 96. Thema: Sozialer Status Von Prekär bis Millionär 
Autor*innen Christian Klinger – Interview * David Bröderbauer * Karin Gayer * Yasemin Sezgin * Gerhard Benigni * Daniel Mylow * Martin Peichl * Yvonne Tunnat * Gudrun Breyer * Marlene Schulz * Angelika Polak-Pollhammer * Michael Wittmann * Annemarie Regensburger * Clara Felis * Yvonne Schwarz * ChristiAna Pucher * Winfried Dittrich * Tanja Paar * Franziska Zussner * Ernad Bradaric * Daniela Dangl * Teresa Urich 
Erscheinungsjahr 2020 
Seitenzahl 40 
Anzahl Geschichten 22 

Inhalt

Fazit für Eilige

In der Hauptsache Kurzgeschichten, aber auch Interviews und zwei Rezis. Die Vitas der veröffentlichten Autor*innen lesen sich sehr beeindruckend - Romane, Preise, Förderungen. Das Niveau der Texte ist  durchgängig hoch, wobei Inhalte und Stile sich angenehm deutlich unterscheiden, was die Vielfalt der Zeitschrift unterstreicht.

 

Vor allem bei den Gedichten, aber auch bei einigen Prosawerken war mir hier nicht ganz klar, ob es einen Titel gibt und falls ja, wie dieser genau lautet. Korrekturen gern an mich, die erledige ich dann schnellstmöglich.

 

Bitte verzeiht auch, dass ich Lyrik nicht rezensieren kann. Damit fehlt mir die Erfahrung. Wenn es dann auch noch Dialekt ist, kann ich gar nichts mehr dazu sagen. Ich denke einfach zu hoch- und sogar norddeutsch. Ich wollte die Lyrikbeiträge aber auch nicht komplett ignorieren und sie wenigstens erwähnen.

 

Einreichebedingungen

Die Redaktion gibt nicht nur vor, unvoreingenommen auf die Texte zu schauen, sie tut es auch nachweislich, die Texte werden anonymisiert begutachtet.

Es gibt alle zwei bis drei Monate eine Ausschreibung zu einem Thema. Ein Text darf von der Länge her fünf Normseiten nicht übersteigen. Mehr dazu auf der DUM-Webseite.

Ich lasse mal die Dialektausgabe außen vor, dann sind die nächsten Möglichkeiten:

  1. Pantoffel statt Pandemie! - Home sweet Home - neue Häuslichkeit (Einsendeschluss 31.01.2021)
  2. Pandabär statt Pandemie! - Animal Farm - tierische Einsichten (Einsendeschluss 15.07.2021)
  3. Panorama statt Pandemie! - Where is my mind? - rosige Aussichten? (Einsendeschluss 15.09.2021)

 

Bei Hanser von David Brödenbauer

Hier ist der Protagonist ein Autor. Man nehme mal diesen kurzen Auszug als Appetitmacher:

"Erkannt wurde er selten, außer in den bestimmten Kaffeehäusern. Trotzdem sah er sein Gesicht nicht gern in der Öffentlichkeit, was aber mehr an seinem Verhältnis zu seinem Gesicht lang, als an der Öffentlichkeit."

Der Autor trifft hier auch eine Frau, die ihn kennt - und auch meint, er müsse sie erkennen. Er kommt nicht drauf. Sie trinken Kaffee, unterhalten sich, er erkennt sie nicht. 

Zwar löst der Autor dieses Rätsel nicht, gibt uns Lesenden aber immerhin einen guten Hinweis, wie die Lösung lauten könnte. Gefällt mir gut.

David Brödenbauer hat bisher zwei Romane im Milena-Verlag veröffentlicht.

 

Sommerimpression in Rodaun von Karin Gayer

Ein kurzes Gedicht, passend zum Thema der Ausgabe. 

Karin Gayer ist freie Lektorin und hat schon einiges publiziert. Mehr dazu auf ihrer Webseite.

 

9. Mai 2014 von Yasemin Sezgin

Das Thema der Ausgabe ist perfekt und geradezu minutiös getroffen. Zwei Geburtstagsfeiern - der sechzigjährige, der auf Firmenkosten eine extrem teure Party mit Feuerwerk steigen lässt und der elfjährige Amir, dessen Mutter Putzfrau ist. Absatzweise wechselt die Perspektive und zeigt dadurch sehr eindringlich den irrwitzigen Unterschied zwischen den beiden Welt.

Die Story spielt in Paris und schafft es in der Kürze sogar, eine ganze Menge Lokalkolorit zu transportieren. Der Stil besticht durch kurze, klare Sätze. Dialog gibt es nicht.

Yasemin hat bisher nichts veröffentlicht, sie hat allerdings auch noch viel Zeit, zurzeit studiert sie noch, geboren 1992.

 

Sozial. Das war einmal von Gerhard Benigni

Der fast ellipsenhafte Stil und die Wortspiele sorgen dafür, dass hier jeder Buchstabe sitzt. Ein ausgefeiltes kleines Werk mit Sätzen, die man in der Hosentasche mit sich herumtragen möchte wie "Doch er ist nah am Alkohol gebaut". 

Die Bio klingt, als hätte Gerhard Benigni vor allem seit der Corona-Krise viel geschrieben. 

 

Ausgezählt von Daniel Mylow

"Ausdruckslos starrte er auf den Leichnam des Hundes". Als erster Satz ist das durchaus spannend. Auch dieser Text zeigt eher prekär und, wie auch einige andere, Alkoholmissbrauch. Sehr wahr, wenn auch sehr deprimierend, begleiten wir hier einen Protagonisten durch einen Tag, der nicht mehr sehr viel Hoffnung hat.

 

Große Leere Netze von Martin Peichl

Das ist zwar nicht wirklich Lyrik, aber Prosa auch nicht so recht. Ein wenig rätselhaft, mit grafischer Untermalung. Gut formuliert, aber nicht einfach zugänglich für mich.

 

Leichtes Blut von Yvonne Tunnat

Ok, das ist meine eigene Geschichte. Es geht um Roberta, die im Call Center Schichten schiebt und dauerpleite ist. Der Stil ist eher lebhaft und mit viel Dialog. Meiner Auffassung nach ist das Besondere an der Geschichte, dass der Lesende mehr sieht und versteht und bemerkt als die Ich-Erzählerin.

Die Veröffentlichungen, die in der Bio gelistet sind, sind alle uralt. Wobei die in der DUM sicherlich in 2020 die prestige-beste war bisher.

 

Baum Nummer 342 von Gudrun Beyer

Auf kurzem Raum schafft die Geschichte etwas, das nur wenigen Kurzgeschichten gelingt: Sie erzeugt Spannung. Da klebe ich geradezu am Papier. Ein anderer Kunstgriff gelingt ebenfalls: Nichts wird auf den Präsentierteller gelegt. Ich muss selber dahinterkommen, was hinter dem drohenden Verfall des Protagonisten und seinem Baumkauf steht. Einiges erschließt sich mit beim Lesen, anderes geht (womöglich) über meinen Kopf. 

 

Aus dem Taxifenster heraus sehe ich Mama von Marlene Schulz

Erst einmal: cooler Titel!

Nach und nach entblättert sich hier, worum es geht und wie alles zusammenhängt. Der Ich-Erzähler sieht vom Taxi aus seine Mama, wie sie im Mülleimer sucht. Flaschen sammelt. Seine Gedanken, die man eigentlich nur als Sturzflut bezeichnen kann, nutzen perfekt die Perspektive und lassen mich als Leserin recht lange im Ungewissen, was es denn nun mit den harten Fakten auf sich hat. Genau richtig, finde ich, und sehr realistisch, denn die harten Fakten kommen ihm sicher nicht zuerst in den Sinn in dieser Situation. Die Perspektive ist gekonnt ausgefüllt und falls es ein genaues Gegenteil von Infodump gibt, dann finden wir das hier in diesem Text.

 

Alleinerzieherinnenlos von Angelika Polak-Polhammer

Treffend kurz, sehr konkret und absolut aktuell, ein Gedicht dazu, dass der Monat für den Geldbetrag zu lang ist.

Die Autorin hat bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht.

 

Das freie Leben von Michael Wittmann

Lebhafter, seltsam komischer Text über einen Autor und seine Scham. Nun, das fasst es vielleicht nicht perfekt treffend zusammen, ist aber eine Annäherung, die ich so stehen lassen kann. 

Es liest sich sehr authentisch, fast bin ich versucht, Twitter-Handle, Namen und Pseudonyme zu googeln, um zu prüfen, ob das nicht vielleicht alles echt ist.

 

Zwoa von Annemarie Regensburger

Sehr österreichisch, für mich als Norddeutsche natürlich weniger leicht zugänglich.

 

Fahr-Bote von Clara Felis

Die Buchhändlerin und Autorin Clara Felis veröffentlicht ein etwas längeres, erzählerisches Gedicht, das sogar etwas Dialog bietet.

 

Zahlenkater von Yvonne Schwarz

Der (oder die) Ich-Erzähler*in rechnet. Streichelt den Kater. Oder auch nicht. Die Manie der Rechenaufgaben wird eindringlich dargestellt. Manchmal passt es nicht, dann teilt der Kater aus.

Erinnert mich ein wenig an die Spiele im Kopf, die man als Kind so denkt. So etwas wie: "Wenn als nächstes ein rotes Auto kommt, dann falle ich in Mathe nicht durch." Oder, schlimmer noch, Dinge, die man aktiv beeinflussen kann ("Wenn ich es vor dem roten Auto bis zur Ampel schaffe, dann..."). Diese Atmosphäre hat diese Geschichte für mich erzeugt. Subtil beunruhigend.

 

wuascht von ChristiAna Pucher

Die Autorin ist Spezialistin für Dialektgedichte und aus Österreich. Ich berufe mich wieder darauf, dass ich da als Norddeutsche Schwierigkeiten haben.

 

Man muss Träume haben von Winfried Dittrich

Winfried ist schon so etwas wie ein Autorenkollege, ich kenne ihn von der Schreiblust.

Ein anfangs witziger, dann cleverer Plot, der es in der Kürze schafft, seinen Ich-Erzähler eine Entwicklung durchmachen zu lassen.

Der Titel, so wenig originell er klingen mag, bevor man die Story kennt, passt genau. Einige Ideen sind einfach herrlich!

 

Hochhäuser, die sich ducken von Tanja Paar

Es sind die Details, die hier besonders überzeugen. Außerdem erzeugen die bei mir ein "So war das bei uns auch"-Gefühl. Im Restaurant nicht nehmen können was man wollte. Zweites Getränk nur für die Erwachsenen. Vom Genre her verschwimmt hier nach meinem Empfinden die Grenze zwischen Prosa und Essay etwas.

Die Autorin hat zwei Romane beim Haymon Verlag herausgebracht. Mehr auf ihrer Webseite

 

(Gedicht ohne Titel) von Franziska Zussner

Was hat die deutsche Sprache nur für Worte! Man nehme mal "Brennesselspinat" oder "Maiwipfelsirup". Auch wenn ich sicher nicht alles verdauen kann hat dieses Gedicht mir Spaß gemacht. 

 

Was ein Krieg mit meinem Status zu tun hat von Ernad Bradaric

Was ist die Identität, wenn man in Österreich geboren und aufgewachsen ist, aber bosnische Wurzeln hat? Der Autor gibt uns hier einen sehr authentischen Einblick. Sein Name ist zu verräterisch, zu oft kommt diese Frage, da hilft akzentfreies Deutsch nicht. (Ich würde das als Othering bezeichnen, der Autor klagt aber hier kein Stück an.)

Eindeutig ein Text zum Thema Status. Den muss man ja nicht zwingend finanziell interpretieren.

 

 

Das Debut des Autors ist beim Wreaders Verlag erschienen. 2003 geboren, ist er wohl der jüngste Autor in dieser Ausgabe.

 

Vom Reden und Schweigen Erich von Daniela Dangl

Gnadenloser Plot, umso beeindruckender, weil der Stil fast schon emotionslos und sehr distanziert ist. Kein Stück Dialog, nur harte, klare Fakten. Am Ende wird der Kreis zum Anfang dann geschlossen.  

Da ist ein kleines Stück Sittengemälde gelungen.

 

Packerlsuppe von Teresa Ulrich

Besonders hart kommt es, wenn Armut Kinder oder Jugendliche betrifft. Das zeigt dieser sehr kurze Texte in ein paar Momentaufnahmen auf. Warum Armut dick macht. Warum es die Gefahr der Isolation birgt. Nicht ausgewalzt und damit umso eindrucksvoller.

 

 

flimmern.fischen no.15 von Anna-Lena Obermoser

Dieses Gedicht ist wieder in einem Dialekt, der zu weit von mir entfernt ist.

 

Sekundärteil

Nach dem Lesen des Interviews mit Christian Klinger habe ich "Die Liebenden von der Piazza Oberdan" sofort auf meinen Merkzettel gestellt, und das, obwohl der Roman auch als Ebook nicht gerade billig ist. Es ist einfach beeindruckend, wie sorgfältig der Autor recherchiert hat und sich drei Jahre Zeit zum Schreiben genommen hat. 

 

Rezensionen

Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung von Nadja Bucher klingt irre interessant (außerdem ist die Rezi saugut geschrieben). Das Buch gibt es leider nicht als Ebook, daher wird es wohl noch dauern, bis ich es lesen werde.

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