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Der Ausflug der toten Mädchen von Anna Seghers

Harte Fakten

Titel Der Ausflug der toten Mädchen 
Autor*in Anna Seghers 
Erscheinungsjahr 1944 
Seitenzahl 140 
Anzahl Erzählungen 3

Inhalt

Die Autorin

Anna Seghers bzw. Netty Reiling ist im gleichen Jahr geboren wie meine Uroma, nämlich 1900. Sie sind sogar ähnlich alt geworden, meine Uroma starb 1987 und Seghers 1984. Allerdings verließ meine Uroma Deutschland nicht, jedenfalls nicht für längere Zeit, während Seghers 1933 nach Frankreich flüchtete, 1941 weiter nach Mexiko und erst 1947 nach Berlin zurückkehrte, wo sie dann allerdings in der DDR lebte und schriftstellerte, während meine Uroma im Westen lebte.

 

Die drei Erzählungen in diesem Band

Dieser Band enthält drei Erzählungen:

  1. Der Ausflug der toten Mädchen
  2. Post ins Gelobte Land
  3. Das Ende 

Wie komme ich jetzt plötzlich auf Seghers? Der Band wurde mir bei Twitter empfohlen. Ich muss ja immer gleich alles lesen, was man mir empfiehlt.

Zwar hatte ich mir vor langer Zeit mal vorgenommen, "das siebte Kreuz" von Seghers zu lesen, ich erinnere mich aber nicht, das je getan zu haben. 

 

Die drei Erzählungen spielen alle in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und berühren alle die Nazizeit. Abgesehen mal davon, unterscheiden sie sich stilistisch sehr stark. Die erste Erzählung bedient sich sehr ungewöhnlicher Kunstgriffe und spielt gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Zeiten, schaut quasi während des Geschehens aus der Retrospektive von damals aus nach vorn. Die zweite Erzählung umspannt einen recht langen Zeitraum mit vielen Ereignissen, die eher narrativ zusammengefasst werden und dadurch nicht so unmittelbar auf den Lesenden einwirken. Die dritte Erzählung wiederum liest sich actionreich und spannend, ist ausschließlich szenisch und bietet einiges an Dialog.

 

Der Ausflug der toten Mädchen

Die Art und Weise dieser Erzählung kann ich nur bewundern. Sie funktioniert vor allem deswegen so gut, weil die Autorin eben genau zu dieser Zeit gelebt und gewirkt hat. Aus Mitte der Vierziger Jahre schaut sie zurück auf einen Ausflug, den sie als Schulmädchen 1912 gemacht hat. Sie erlebt ihn quasi erneut, nur eben mit dem Wissen, das sie dreißig Jahre später hat. Die dreizehn Kameradinnen von damals sind mittlerweile alle tot. Ich als Leserin beobachte die jungen Mädchen in ihrer Unschuld und ihrer Jugend und erfahre dann, was aus ihnen geworden ist. Einige Dinge können natürlich nur deswegen so krass sein, weil in der Zwischenzeit zwei Weltkriege und ein Nazi-Regime passiert sind. Frauen verlieren ihre Verlobten im ersten Weltkrieg, verachten plötzlich die jüdische Lehrerin, werden Nazis ,enden im KZ, begehen Selbstmord oder werden von einer Bombe in die Luft gejagt. Das ist schon ziemlich gänsehaut-mäßig, obwohl, oder vielleicht gerade weil die Autorin das fast beiläufig und ohne viel emotionale Beteiligung erzählt, fast wie eine Nachrichtensprecherin. Einige Bilder bleiben dabei sehr hartnäckig im Kopf.

Der sprachliche Stil der Autorin ist für mich nicht ganz leicht zu verdauen. Woran genau das liegt wage ich noch nicht festzumachen. Das gilt übrigens nur für die erste Erzählung, in der dritten habe ich das nicht so empfunden.

Bei der Analyse und für das tiefere Verständnis fand ich den wikipedia-Artikel sehr hilfreich (der natürlich voller Spoiler ist).

 

Post ins Gelobte Land

Eine jüdische Familie namens Levi nach einem Pogrom, nach Frankreich geflüchtet. Ihr weiteres Schicksal wird beschrieben. Anfänglich noch schockiert von den schlimmen Schicksälen, die einige Familienmitglieder erdulden mussten, verliert die Geschichte für mich dadurch an Spannung, dass nur aufgezählt wird, neutral beschrieben. Es gibt quasi keinen Dialog (höchstens in Briefform) und keine szenischen Passagen.

Mir ist bewusst, dass zu der Zeit Geschichten oft auf diese Art und Weise erzählt wurden (Bernhard Schlink macht das auch immer noch gern), aber für mich ist das nichts. 

 

Das Ende

Diese Erzählung ist die spannendste des Bandes. Erzählt wird aus der Sicht von Zilling, der Aufseher im Lager Piaski war und nun auf der Flucht vor seiner Strafe ist. 

Die Situation erinnert oft - sehr explizit, da es so auch im Text verglichen wird - an die Situation der Juden bei Beginn des dritten Reiches. Nun ist Zilling derjenige, der sich verstecken muss.

Besonders erschwert wird seine Bemühung, nicht erkannt zu werden von seinen auffälligen Ohren, er hat abstehende Ohrläppchen. Daher wird er recht bald vom Ingenieur Volpert erkannt (Inhalt ist auch nachzulesen bei wikipedia, das spoilert aber bis hinten durch.

Obwohl ich als Leserin nicht Partei für Zilling ergreife - das kann ich nicht, da genügend von dem durchscheint, was er im Lager getan hat und er auch durchaus kein bisschen Reue zeigt - ist die Erzählung für mich spannend und ich frage mich, wie und wann er (endlich) geschnappt wird. Er versteckt seine durchaus auffälligen Ohren und macht sich stellenweise gerade dadurch verdächtig.

Was muss das für eine Zeit gewesen sein, damals, direkt nach dem Krieg? Durch dieses Einzelschicksal gelingt es der Autorin, das sehr eindringlich einzufangen und zieht mich als Leserin für die Dauer des Lesens völlig in diese mir so fremde Welt.

Obwohl die Idee der ersten Erzählung dieses Bands origineller und auch literarisch sehr spannend ist, hat mich doch diese Erzählung am meisten gefesselt.

Laut wikipedia gibt es auch einige Verweise zum berühmtesten Roman der Autorin, "Das siebte Kreuz". Wenn man, wie ich, diese Erzählung direkt nach "Stolz und Vorurteil" liest, das fast völlig frei von Beschreibungen ist, sind die frischen Details, mit denen hier die Gesichter treffend charakterisiert werden, ein Fest für den visuellen Sinn. Eine Kostprobe, wie gleich auf der ersten Seite der Erzählung Zilling beschrieben wird:

 

"Er hatte kleine, dunkle, misstrauische Augen, die Nasenlöcher waren so rund und so wach wie ein zweites Augenpaar. Die Nase war ein wenig gestülpt und kurz, der Mund war klein, überhaupt waren alle Züge klein in dem Gesicht, das als Ganzes unverhältnismäßig wenig Platz einnahm auf dem dicken Bauernkopf. Auch die Ohren waren klein, die Ohrläppchen waren absonderlich umgekippt, nach vorn statt nach hinten, als ob sie möglichst viel Geräusch auffangen müssten." (fett markiert, was mir besonders gut gefällt).

 

Natürlich kann man argumentieren, dass diese Beschreibung recht viel Raum einnimmt. Da das auffällige Aussehen von Zilling, vor allem seiner Ohren, aber wichtig für die Handlung ist, erscheint mir das hier durchaus gerechtfertigt.

 

Besonders bei der letzten Geschichte fällt mir auf, dass mehrfach der Ausdruck "wunder was" genutzt wird. Um noch einmal auf meine Uroma zurückzukommen: Das war ein häufig genutzter Spruch von ihr und auch von meiner Oma (beide stammen aus Herne, NRW).

Beispiel (S. 118) "Sie hatten ihm wunder was versprochen"

Laut des Redensarten-Index ist dies umgangssprachlich für "angeblich großartig, scheinbar bedeutend" (wenn es dort auch groß geschrieben wird, "Wunder was"). 

Diese Redensart ist mir sonst in Prosa, auch in deutschsprachiger Prosa, noch nicht aufgefallen, womöglich liegt das aber daran, dass ich zu wenig aus dieser Zeit gelesen habe. 

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