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Geheimnis Anthologie

Harte Fakten

Titel Geheimnis
Autor*innen siehe Text
Erscheinungsjahr 2020
Anzahl Geschichten 30
Seitenzahl 157
Rezensionsexemplar Ja, vielen Dank dafür!

Inhalt

Fazit für Eilige

Ich habe ja kürzlich die Anthologie von 2019 rezensiert und das hat die Herausgeber*innen dazu animiert, mir diesmal ein Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen, was mich sehr gefreut hat.

Die diesjährige Anthologie ist noch druckfrisch. Gefällt mir zu großen Teilen sogar besser als die letztjährige Anthologie.

 

Auf der Autor*innenliste hinten im Buch gibt es dann auch die Information, welche sechs Stories auf der Shortlist sind. Die Gewinner*innen stehen noch gar nicht fest bzw. sind noch geheim bis zur Preisverleihung (dank Corona erst im März 2021 statt im Oktober 2020).

 

Ich mag hier an Details herummeckern, das soll aber nicht davon ablenken, dass die Qualität dieses Wettbewerbs sehr hoch ist und ich eine Teilnahme absolut empfehlen möchte - bei 590 Einsendungen in 2020 und "nur" dreißig Geschichten auf der Longlist sollte man allerdings wissen, dass die Konkurrenz entsprechend groß ist. Umso größer ist natürlich dann die Freude, wenn es geklappt hat.

 

Mindestens drei Geschichten haben mich absolut weggefegt und mit Gänsehaut zurückgelassen.

 

Vielleicht (von Manuela Trummer)

Titel und Pointe haben mich nicht so überzeugt. Der Plot ist in Ordnung, wenn ich auch ein wenig tiefer gehen muss und auch möchte, um die volle Bedeutung auf der zweiten Ebene zu erfassen - das kam hier bei mir eher mit etwas Verspätung.

Was ich überschwänglich loben möchte, ist der Stil. Hier habe ich ein Musterbeispiel von "Show don't tell". Es wird nicht irgendetwas einfach nur behauptet, alles wird gezeigt und das auf eine sehr geschickte Art. Hier ein Beispiel: "Sofort brannte es in meinem Magen. [...] Ich hielt den Kopf gesenkt und presste die Lippen zusammen." Die Ich-Person reflektiert auch nicht Ewigkeiten herum. Das sind alles Leerstellen, die von uns Lesenden gefüllt werden dürfen. Und ja, ich als Leserin stehe drauf, wenn ich Leerstellen habe und nicht alles vorgebetet bekomme.

Ach, und der beste Satz: "[Sie] himmelte Jan mit diesem Lächeln an, das sie in letzter Zeit auf ihr Gesicht geklebt zu haben schien."

 

Mutterleiden (von Nasanin Kamani)

Wenn ich hier rezensieren will, muss ich spoilern. Das ist aber vermutlich ok, weil diese Story vom O-Ton der Erzählerin lebt, von ihrer Persönlichkeit, ihren krassen Vergleichen und ihren interessanten Reflektionen. Da sieht man es mal wieder: Reflektionen können rocken, sie müssen nur verdammt gut gemacht sein.

In dieser Story passiert fast nichts, aber das wenige ist bedeutsam. Es entblättert sich so langsam, dass ich es erst rieche, dann ahne, dann weiß. Ja, sie ist schwanger. Ja, sie wartet auf ihre Abtreibung. In Corona-Zeiten. Wartet ohne den Kindsvater. Vor dem sie die Schwangerschaft geheim gehalten hat.

Ein hartes Thema. Eins, bei der man beim Gegenüber im Alltag leicht mal unerfreuliche Dinge an den Kopf geschmissen bekommen könnte. Daher, alleine schon aufgrund des Themas hat die Story einen Pluspunkt. Zwar hoffe ich auf die Erlösung am Ende, auch wenn ich dann sicher geschrieben hätte, dass die Pointe vorhersahbar war und ich das schon oft so gelesen/gesehen habe - aber ich hoffe umsonst. Es gibt auch nicht direkt eine Pointe, nur einen markanten Abschiedsgedanken.

Ein Geheimnis dieser Tragweite muss diese Anthologie erstmal überbieten.

Der Ton dieser Story ist so erfrischend und fast frech, dass die Tragik der Situation dadurch eher herausgestellt als disrespektiert wird. Diese Mischung ist tapfer und wirkt irgendwie erst recht authentisch auf mich.

Die Autorin hat übrigens 2015 mit ihrer Kurzgeschichte "Nur eine Minute" den ersten Platz des Walter Kempowski Literaturpreis gewonnen.

 

Der Balkon, seine Bühne (von Barbara Schilling)

Platziert auf der Shortlist

Nunja, was soll ich sagen. Nicht alle Geschichten sind für alle Menschen. Aber hey, das hier ist ja mein Blog, also los:

Es gibt ein paar nette Halbsätze darin gibt, wie zum Beispiel "Verquere Gedanken verkleben sein Gehirn" - ein tolles Bild.

Das Thema, Ehebruch, wird hier prinzipiell nicht so übel abgehandelt, dennoch erscheinen mir mehrere Dinge so unwahrscheinlich.

Ja, ich verstehe seine Gedanken: "Er liebt sie. Er liebt Wachteleider und Champagner. Aber nicht jeden Tag."

Sie ist eine bekannte Autorin und möchte ihren Ehemann für ihn verlassen, mit der Pointe hatte ich circa gerechnet. Dass sie aber ein Buch über ihre Affäre geschrieben hat, das bereits unaufhaltsam im Druck ist - ohne das je mit ihm besprochen zu haben und ohne dass eine verständige Lektorin sie noch mal bittet, darüber nachzudenken, erscheint mir doch unwahrscheinlich.

Seine Reaktion darauf setzt dann noch einmal einen drauf. Ich lasse mir ja viel gefallen. Aber meiner persönlichen Meinung nach ist diese Geschichte kein Stück glaubwürdig.

Wahrscheinlich sollte ich die Handlung hier nicht zu ernst nehmen, weil es einfach schwarzer Humor ist und vom Aufbau und der Sprache lebt. Nicht zuletzt ist daher diese Story eine jener, die es bis zur Shortlist geschafft haben.

Die Autorin ist ein Profi und hat bereits zwei Romane veröffentlicht: Meine Berliner Kindheit und Mit Erbsen auf Soldaten.

 

Knarzende Dielen (von Leon Alexander Schmidt)

Wo wir gerade bei einem Mordmotiv sind - in dieser Geschichte kann ich es nachvollziehen. Fairerweise muss ich wohl erwähnen, dass auch diese Geschichte größtenteils nicht szenisch ist, sondern viel narrativ zusammenfasst und zudem auch einen Rückblick beinhaltet. Es ist nur so, dass diese Informationen sehr gut in die Szene eingebettet sind und mich daher nicht so stören, außerdem gut geschrieben sind und mir die Protagonistin näher bringen. Zwar bevorzuge ich es, wenn es etwas mehr Handlung und etwas weniger Reflektion gibt, akzeptiere aber auch die Alternative, sofern sie gut gemacht ist. Diese Geschichte liest sich authentisch.

Der Schluss ist sehr schön.

 

Die Frau im Fenster (von Iris Geyer)

Vielen Dank für Action! Hier gibt es sogar Dialog! Ich war schon ganz ausgehungert. :-)

Ja, hier ist es für meinen Geschmack genau richtig. Beschreibung, Action, Gedanken, Setting, Szenen. Plot: Mann verliebt in Frau von Wohnung gegenüber, beobachtet sie oft. Einmal steht sie nackt auf dem Balkon. Im Winter. Wirklich? Er beobachtet sie später noch häufiger wenig bekleidet, wenn auch diesmal in ihrer Wohnung hinter Fenster ohne Vorhang. Nun ja. Kennt man ja, oder? Wer lange genug in Wohnungen wohnt, sieht auch irgendwann mal Szenen, die eigentlich privat sein sollten. Nur habe ich bisher noch nie das Opernglas herausgeholt. Es gibt eine unerwartete Wendung und einen netten Schluss.

Ich bin gut unterhalten.

 

Pepescha (von Michael Heine)

Hier gibt es nicht nur Action und Dialog, das ist sogar spannend. Spielt mitten im Krieg. Das erzählende Kind und seine Mutter sind zu den Großeltern geflohen, fühlen sich aber in dem Dorf nicht mehr sicher, als die Russen links und rechts daran vorbeiziehen und fliehen erneut. Den Russen direkt in die Arme. Er soll sich verstecken, seine Mutter ist drauf und dran, vergewaltigt zu werden. Hier wird es phantastisch. Es kommt quasi Gott vor. Macht aber nichts, die Geschichte hätte auch ohne Gott funktioniert. Der Ich-Erzähler hört Schüsse. Die Russen sind tot, die Mama frei. Mit einem Maschinengewehr, einer Pepescha, in der Hand. Hat sie die Soldaten erschossen? Was ist passiert?

Ein Thema, das für mich zurzeit leider ebenfalls aktuell ist, wenn jemand stirbt und man ein Geheimnis vorher nicht aufgeklärt hat, stirbt dies für immer mit diesem Menschen.

 

In der Schlönderklamm (von Bernhard W. Rahe)

Das ging über meinen Kopf. Kann ich leider nicht rezensieren, habe ich nicht verstanden.

Ich habe mir sagen lassen, dass es hier vor allem um die sprachliche Qualität geht. Und ja, das kann er! Für mich persönlich braucht es dann wohl auch ein wenig mehr Inhalt (bzw. Inhalt, der sich  mir erschließt).

Der Autor hat bereits eine Novelle, einen Roman, zwei Gedichtbände und einige Kurzgeschichten veröffentlicht.

 

Meine fremde Tochter (von Ursula Winkler)

Sehr traurig. Gutes Thema - Frau gebirt 1946 ein Kind, gibt es zur Adoption frei, vierzig Jahre später sucht die Tochter sie auf. Alles läuft gut, aber bei der Frage nach dem Vater blockt die Frau ab. Die Tochter sieht das nicht ein und geht. OK, ich kann vielleicht noch die Frau verstehen, die aus einer anderen Generation stammt und Schwierigkeiten hat, über so etwas zu sprechen. Aber die Tochter müsste sich doch ausrechnen können, dass im Deutschland von 1946 vermutlich eine Vergewaltigung dahintersteckt und die Mutter daher nicht darüber sprechen will. Das ist von mir spekuliert, das steht nicht im Text. Aber da hätte ich mir mehr Einfühlsamkeit gewünscht. Nun, die Leute sind tatsächlich ja oft so, daher ist die Geschichte leider nicht unrealistisch.

 

Jagdinstinkt (von Anita Hetzenauer)

Das geht lebhaft los, ich kann mich sofort mit der Protagonistin (könnte aber auch ein Mann sein, ist egal) identifizieren. Das wird durch kleine Gesten erreicht, die mir bekannt vorkommen und mit denen ich sofort etwas anfangen kann. Im weiteren Verlauf trifft sie (oder er) einige Entscheidungen, die möglicherweise zweifelhaft sind, aber allesamt sehr glaubwürdig herüberkommen. Mit der Pointe hatte ich zwar irgendwie gerechnet, es ist aber trotzdem witzig.

 

Der Konfirmand (von Gerlinde Kurz)

Da steckt wohl irgendetwas ganz fürchterliches dahinter, ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Welches, das konnte ich nicht herauslesen. Habe ich mir auch erklären lassen, leuchtet mir nicht ein, klingt für mich konstruiert, daher hatte ich es auch nicht von alleine verstanden.

Die Autorin arbeitet zurzeit an ihrem dritten Roman.

 

Und der Kuckuck hat gerufen (von Corinna Huber)

(Eine aus meinen Top 3)

Das ist krass gut. Die beste Geschichte bisher. Sehr sehr gut geschrieben - sehr süddeutsch, es klingt alles so echt und authentisch für meine norddeutschen Ohren mit "Bub" und "Mahd" und "Sennerin". Ich sehe, höre, rieche, schmecke die Berge, wenn ich das lese. Erst wird der schöne, harmlose Alltag des Haberer Bub gezeigt, dann, wie er den angeblichen Jäger trifft. Alltag so rund um das Jahr 1800. Ich ahne leise, was geschehen wird und es kommt dann sogar schlimmer. Sehr rund, sehr beklemmend, sehr gut gemacht. Große Begeisterung und Gänsehaut!

Trivia: Eine der jüngsten Autor*innen hier, geboren 1993.

 

Unter Bäumen (von Yvonne Mehrle)

Ich bin unentschlossen, ob ich die Idee, mit Bäumen zu sprechen (oder zumindest mit einem bestimmten Baum) lächerlich oder schön finden soll. Nun, nehmen wir das mal so hin. In dem Fall gefällt mir der Schluss, das beschreibt einen schönen Moment zwischen Opa und Enkelin. Das klang richtig schön echt.

 

Schiller und Schmetterlinge (von Helge Streit)

Hat mir gut gefallen. Eine Geschichte über Vorurteile, Schweigen-können und irgendwie auch über das Frei-Sein. Zwei unterschiedliche ältere Menschen, die ein Zusammentreffen aus ferner Vergangenheit verbindet. Außerdem ist der Titel nett.

Der Autor hat schon mehrere Wettbewerbe gewonnen und etliche Kurzgeschichten verföffentlicht.

 

Homecoming Queen (von Iris Boss)

Ähm - das wird nicht aufgelöst, oder? Da wird eine Menge Spannung aufgebaut. Wer ist denn nun die alte Frau, die im Kino sitzt bei der Premiere im Heimatort der Schauspielerin? Alles ist ganz OK geschrieben (auch wenn die Einschübe in kursiv etwas nerven) und ich bin neugierig ohne Ende und dann kommt: nichts. Offenbar wird enthüllt, wer die alte Frau ist, das ging aber über meinen Kopf, musste ich mir erklären lassen. Sinn ergibt es trotzdem nicht für mich.

 

Abreisetag (von Henrike Sänger)

Platziert auf der Shortlist

Das wiederum bietet ein Ende, das sowohl unerwartet als auch intelligent ist. Es bietet mehrere Interpretationsmöglichkeiten, also eigentlich auch keine Antwort für mich, aber auf eine andere Art und Weise. Richtig gut gemacht. Außerdem ist es gut beschrieben und die Perspektive des Kindes (zwölf Jahre alt? zehn Jahre alt?) ist gut getroffen.

 

Die Spieluhr (von Ingrid Krüger)

Das liest sich ein wenig wie ein Märchen. Es fehlt nur noch das "Es war einmal". Von "Show don't tell" hat man hier entweder noch nie etwas gehört und man ignoriert es einfach absichtlich und feiert ein Fest mit labelnden Adjektiven. Es liest sich ganz OK weg, auch wenn ich mich frage, warum jemand geglaubt hat, diese Geschichte sei besser als 584 andere. Ja, sie passt zum Thema und sie hat streng genommen auch eine Pointe. Die Botschaft habe ich womöglich schon mal woanders gesehen. Vielleicht in einem Märchen.

 

Praxisstudien (von Stefanie Maurer)

Die Idee ist ganz witzig und die Protagonistin ist so herrlich naiv. Da erliegt sie einem Autor, der ein Buch schreibt "Wie verführe ich 100 Frauen in 100 Tagen?" und damit eine Praxisstudie verbindet, sie war Nr. 79. Als er sie danach erneut aufsucht, verfällt sie ihm trotzdem erneut. Nur die Betreffzeile einer Email an seinen Agenten macht sie jetzt irgendwie nervös: "Wie werde ich zum Serienmörder?".

 

Neunundvierzig Prozent (von Janina Rehak)

Das ist flott geschrieben. Vom Inhalt her wäre es wohl nichts besonderes, aber es ist gut und spannend aufgebaut. Ich frage mich lange, warum genau der Ich-Erzähler darüber sinniert, warum 49 Prozent der Menschen untreu sind. Wie der Protagonist seine Umgebung betrachtet und reflektiert, ist unterhaltsam.

Sie war 2019 mit der Story "Schall und Rauch" ebenfalls dabei.

 

Das Muschelarmband( von Sabine Flatau)

Das ist eine schöne Idee. Ich mag es, dass der Junge Nachforschungen zu einem Mädchen auf einem Gemälde anstellt. Der Schluss macht es rund.

 

Begegnung (von Greta R. Kuhn)

Die Art des Geheimnis ist sehr gut gewählt und beschrieben. Erinnert mich an Unsinn aus meiner eigenen Kindheit wie Kastanien auf vorbeifahrende Autos zu werfen. Ich hatte nur Glück, dass nie etwas schlimmes passiert ist. Die Ich-Erzählerin hatte kein solches Glück.

Man hätte die Geschichte mit demselben Plot besser aufbauen können, denke ich. Dennoch finde ich sie gut geschrieben und gut gemacht. Ein Klacks mehr Beschreibung für all meine Sinne am Ende und ein bisschen weniger Reflektion am Ende bei der Begegnung in der Fußgängerszene wären nett gewesen. Leerstellen können bei so einem Thema auch wir Leser*innen füllen. Solche wie ich machen das ganz gern.

Die Autorin veröffentlicht Krimis und Kurzkrimis. Greta R. Kuhn ist ein Pseudonym.

 

Glühen (von Anja Sturmat)

Das lässt für mich irgendwie auch Fragen offen, was aber okay ist, weil diese Fragen erst mit dem Schluss aufgeworfen werden. Es ist nicht so, dass Fragen am Anfang auftauchen, die mir dann am Schluss immer noch verschlossen bleiben.

Ich mochte die Stelle mit dem Weihnachtsmann:

"...mit geröteten Wangen sah ich doch aus wie ein Weihnachtsmann! Andererseits konnte ich unmöglich wie mein alter Herr nach jdem Stockwerk stehen bleiben und verschnaufen. Sie würde nicht mehr an mich glauben."

 

Dornröschen (von Alexandra Grüttner-Wilke)

(Definitiv Top 3 für mich!)

Platziert auf der Shortlist

Der Autorin ist gelungen, was nur selten glückt: Glaubhafte Schilderung aus der Sicht eines Kindergartenjungen (3. Person). Die Krankheit der Mutter aus Kindersicht wird so eindringlich deutlich, gerade weil der Junge eigentlich nicht versteht, was genau mit der Mutter los ist, wir Lesende aber die Leerstellen aufgrund unserer Erfahrung füllen können und wissen, was da geschieht und was da durchgemacht wird. Das ist sehr bedrückendund extrem gut. Für mich die beste Geschichte in dem Band.

Sie hat bereits Lyrik veröffentlicht und war in literarischen Wettbewerbin vielfach Finalistin.

 

Jesus auf meiner Terrasse (von Verena Gaupp)

Platziert auf der Shortlist

Dann ist es ganz gut, dass direkt nach dieser tragischen Geschichte eine kommt, die etwas leichtfüßiger ist. Protagonistin Mona findet Jesus auf ihrer Terrasse. Seine Fähigkeiten, echte Wunder zu vollbringen ist zwar eher eingeschränkt, aber doch kreativ und er ist ein guter Zuhörer. Die Pointe und der Schluss sind sehr gelungen, das Setting und die Figuren wirken echt und authentisch. Das habe ich gern gelesen.

 

Der Brief (von Katrin Hamel)

Das Thema ist hier ganz ähnlich wie bei "Meine fremde Tochter", nur dass es hier eine später geborene Frau betrifft. Auch hier wird nicht genau gesagt, was zu der Schwangerschaft geführt hat, auch hier vermute ich eine Vergewaltigung. Die Geschichte ist spannend aufgebaut und liest sich sehr gut. Die Auflösung ist anders, offener, kann ich gut akzeptieren.

Die Autorin war 2019 mit der Geschichte "Lilli" dabei.

 

Fenster putzen (von Wolfgang Spreckelsen)

(In meinen Top-3)

Ja, das ist super! Sehr gut. Die perfekte Kurzgeschichte. Hier steckt so viel zwischen den Zeilen. Nichts wird erklärt. Auf eine gute Art. Ein Highlight! Am Anfang, als nur Fenster geputzt wurde, dachte ich noch: Hm, gut geschrieben, was wohl kommt? Ein paar Absätze später dachte ich: Ja, das wird gut. Und dann: Oh ja, das ist gut!

 

Umkehr (von Anders Alborg)

Erst dachte ich: Na das ist ja doof. So stellt sich ein Mann vor, wie eine Frau duscht und sich anzieht? Aber dann merke ich, dass ich hereingefallen bin, ganz tief hereingefallen, revidiere alles und behaupte das Gegenteil. Das ist eine tolle Story, die eine unerwartete Wendung nimmt und eine tolle, selbstbewusste Pointe hat. Hut ab!

Vom Autor ist bereits einige Thriller erschienen, in denen es um Klonexperimente geht. Eigentlich ja genau mein Ding.

 

Was du nicht siehst (von Daniela Esch)

Platziert auf der Shortlist

Guter Titel, tolle Perspektive. Bella ist eine Art Alexa, eine KI, die über die dreiköpfige Familie wacht und mehr über sie weiß, als sie voneinander. Die aber auch fühlt. Sehr gut gewählt und umgesetzt. Berührt mich.

 

Wahlfreiheit (von Vera Kerick)

Die erste Hälfte der Geschichte gefällt mir gut. Dabei hätte es bleiben können. Dann folgt etwas, das ich nicht nachvollziehen kann. Wahlfreiheit? Bleibt aber offenbar ungenutzt. Als Autorinnen haben wir ja auch immer irgendwie Verantwortung. Es ist wichtig, über Themen zu schreiben, die schwierig sind, so auch Gewalt in der Beziehung. Aber was nützt das, wenn damit so umgegangen wird wie hier? Das frustriert mich und und empowered mich kein Stück.

Sie hat bereits zwei Romane veröffentlicht (tredition).

 

Von alten Männern mit weißen Bärten (von Adi Traar)

Das ist schön. Und wahr. Ihr findet doch auch, dass die Zeit unterschiedlich schnell vergeht, oder? Ein altes Thema, hier super und sprachlich wunderbar umgesetzt mit herrlichem Schluss.

Der Autor war schon bei mehreren Wettbewerben unter den Finalisten und hat etliche Kurzgeschichten veröffentlicht. Besonders zu erwähnen ist der Autorenpreis beim Irseer Pegasus in 2016.

 

Hakim (von Sylvia Schmieder)Platziert auf der Shortlist

Haha, auf die Idee bin ich neidisch! Davon hätte ich auch gern zwanzig Seiten gelesen. Wie lustig. Weibliche Protagonistin schleicht sich bei Villa ein, um kostenlos Buffet zu genießen und schnappt sich ein Namensschild: Hakim Ahab. Natürlich kommt es danach zu witzigen Dialogen. Stellt sich heraus, es ist eine Preisverleihung für Kurzgeschichten. Der echte Hakim taucht nicht auf, hat krankheitsbedingt abgesagt. Natürlich kann sie nichts zur Kurzgeschichte sagen und auch sonst nichts sinnvolles. Man hätte aus der Idee vielleicht mehr machen können und auch eine bessere Pointe, das Potenzial ist hier nicht ganz ausgeschöpft. Dennoch: Ich habe mich amüsiert!

Die Autorin widmet sich inzwischen hauptberuflich dem Schreiben, inklusive Literaturkursen etc., mehr siehe unter der Freiburger Schreibkiste.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Verena Gaupp (Sonntag, 18 Oktober 2020 20:24)

    Vielen Dank fürs Rezensieren!

  • #2

    Yvonne (Montag, 19 Oktober 2020 14:21)

    Liebe Verena,
    dir herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die lustige Geschichte :-)

  • #3

    Ursula Winkler (Mittwoch, 21 Oktober 2020 11:24)

    Vielen Dank für die Mühe und für die tollen Beiträge. So viele Geschichten und so viel zu lesen ... und so viele Geheimnisse.

    LG
    Ursula

  • #4

    Bernhard W. Rahe (Mittwoch, 21 Oktober 2020 16:59)

    Normalerweise lasse ich eine Rezension stehen – sei sie erfreulich oder auch unerfreulich, weil sie die persönliche Stellungnahme eines Menschen ausdrückt.
    In diesem Falle fühle ich mich durch die flach anmutenden Rezensionsfragmente, die den Kurzgeschichten nicht gerecht zu werden scheinen, zu einem Kommentar hingerissen.

    Die flapsige Sprachwahl der Rezensentin kommt so gar nicht locker und hip daher, eher gequält, wenn sie wie im Folgenden – von oben herab – urteilt:
    "Liest sich ganz OK weg". "das klang richtig schön echt". "ähm – das wird nicht aufgelöst, oder?" "empowered mich kein Stück". “die Idee ist ganz witzig“. “warum jemand geglaubt hat, diese Geschichte sei besser als 584 andere“.

    Wie würde die Rezensentin mit Kleists Penthesilea umgehen, wo doch der Streitwagen sich zu-sammen mit der Spracharchitektur Kleists überschlägt?
    Was sagt die Deutschkundlerin zu Kurt Schwitters radikalen Experimenten mit Sprache? Wird sie diese "Entgleisungen" erkennen können?

    Das Instrument zum Gelingen einer aussagekräftigen Rezension ist das Wissen über etwas und nicht das Bauchgefühl oder irgendeine Abneigung, wie etwa gegen eine ungeliebte Speise aus dem Kochbuch.

    Zum Beispiel: E. A. Poe, S. Anderson, W. Borchert, R. Carver und andere stehen für die Vielfalt und das Experimentieren mit der Sprache in dieser Literaturgattung. Um die Tiefen zu ergründen und stilistisch bedingt verborgene Inhalte einer Story wie einen Schatz heben zu können, damit das Hintergründige im Banalen sichtbar wird, bedarf es mehr, als das Überfliegen der Zeilen.

    Gemahnt denke ich an das bizarre TV-Gemälde des Literaturkritikers, Herrn Dennis Scheck, der Bücher plakativ in den Mülleimer befördert, weil sie durch die Maschen seiner literaturkritischen Deutungshoheit gefallen sind.
    Aus meiner Sicht hätte hier die Rezension von vier oder sechs Geschichten allemal genügt.

    Zuletzt die Anmerkung, dass die Rezensentin die Professionalität der Jurymitglieder tendenziell infrage stellt. So mag ein scharfer Wind wehen, wenn jemand sich so weit aus dem Fenster lehnt.

    Wittgenstein endete seinen “Tractatus logico-philosophicus“ mit den folgenschweren und weisen Worten:
    "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen".

    Ich freue mich über das Buch und wertschätze die Arbeit der Autorinnen und Autoren.
    Dafür stehe ich!

    Bernhard W. Rahe