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Phantastischer Humor: Connie Willis mit At the rialto

Humor ist aus meiner Sicht als Vielleserin und auch als Autorin in Prosa nicht ganz einfach zu erreichen. Wir haben nun auch nicht alle denselben Sinn für Humor. 

 

Was der Eine witzig findet, empfinde die andere als zu gewollt oder geschmacklos.

 

Ich beispielsweise finde Connie Willis oft sehr witzig und dabei hat sie ihre ganz eigene Art. Zurzeit lese ich Bellwether, da wimmelt es wieder von gut erinnerbaren Nebenfiguren und viel Witz, Spleen und Chaos. Ähnlich wie in Blackout/All Clear oder auch Passage, da ging es jeweils um ernste Themen, doch gab es Humor. Bei Firewatch oder auch dem Doomsday Book habe ich eher wenig bis gar keinen Witz gefunden, die kamen mir durchgehend ernst vor.

Überraschend witzig fand ich To Say Nothing of The Dog (alleine schon der Titel!). 

 

Zur Analyse nehme ich aber eine eher kurze Story von ihr, At the Rialto und analysiere, was mich da zum Schmunzeln gebracht hat. 

Der Witz in "At the Rialto"

Die Zielgruppe denkt mit. Wer schon bei einem Kongress war, und wer schon mal in einem Hotel war; besser noch: Wer schon mal in einem Hotel war, in dem ein Kongress stattfand, findet sicher mehr Anhaltspunkte für Witz und Wiedererkennungshumor. 

 

Ich selbst bin aus Kostengründen meistens leider nicht direkt in dem Hotel, in dem der Kongress stattfindet, aber es ist schon mal vorgekommen. Das hilft.

 

So ist der Beginn schon direkt witzig, weil die Ich-Erzählerin versucht, in dem Hotel einzuchecken (selbstverständlich hat sie reserviert, ein Doppelzimmer für sich und eine Kollegin) und die Rezeptionistin antwortet:

"Sorry, we don't have any rooms. [...] We're all booked up with some science thing."

"I'm with the science thing," I said. "Dr. Ruth Baringer."

 

Warum finde ich das witzig?

 

Wir sind gerade mal vier Zeilen in der Story und schon mag ich die Ich-Erzählerin und habe auch einen gewissen Hang zur Freundschaft zu der Rezeptionistin, die gerade recht tief in ein Fettnäpfchen getreten ist. Außerdem wüsste ich nun (selbst wenn es nicht darüber stünde), dass ich in einer Story von Connie Willis bin. Die inkompetente Nebenfigur ist eine sehr typische Willis-Sache, immer wieder in verschiedenen Varianten, stets am Rande, aber immer noch knapp auf der glaubwürdigen Seite des Felds.

 

In diesen wenigen Sätzen wird schon so viel klar! Erstens, die Rezeptionistin tut nicht das, was man normalerweise tun sollte, fragen, ob man eine Reservierung hat, nach dem Namen fragen usw.. Es ist schon ziemlich seltsam, an der Rezeption zu arbeiten und jeder Person, die sich dem Tresen nähert, gleich zu sagen, man sei ausgebucht. Das ist nur dann verständlich, wenn man weiß: Für heute haben alle schon eingecheckt, die Person kann also gar nicht reserviert haben. 

Es stellt sich zwar später heraus, dass mehr als ein Kongress in dem Hotel stattfindet, aber es ist schon massiv inkompetent, dass man sich nicht merkt, was für ein Kongress genau es ist und nur "science-thing" sagt und das auch noch zu jemanden, der zu ebenjenem Kongress will. 

 

Im nächsten Absatz wird klar, dass die Rezeptionistin (ihr Name ist übrigens Tiffany) eigentlich keinen Bock auf den Job hat, eigentlich will sie zum Film. Sie erklärt das alles der Ich-Erzählerin Ruth, obwohl diese ja eigentlich nur einchecken möchte und nicht die Lebensgeschichte der Rezeptionistin will. Waren wir nicht alle schon mal in so einer Situation? (Ich ging beispielsweise mal um acht Uhr morgens in einen Subway-Laden und wollte einen Salat kaufen und der Verkäufer sagte zu mir "Ich weiß nicht wie man einen Salat macht und ich sollte eigentlich gar nicht hier sein.")

 

Mehr Komik wird erzeugt, als Tiffany erklärt, sie sei keineswegs eine Rezeptionistin, sondern ein "model/actress". Später wird das noch witziger, weil andere Personen vorkommen, die zwar als etwas arbeiten, aber in Wahrheit etwas anderes sind und fast immer zwei völlig andere Dinge, stets mit einem "/" voneinander getrennt. 

Während Tiffany über ihre Ambitionen spricht, versucht Ruth noch immer, einzuchecken und wir lernen, dass sie ein "quantum physicist" ist. Der Dialog macht so viel Spaß, weil die beiden Gesprächspartnerinnen so komplett unterschiedliche Ziele haben. Wie im echten Leben. Manchmal ist ein Dialog eben mehr ein Match als ein gemeinsamer Tango.

 

Ruth bringt Tiffany dazu, im Computer nachzusehen, die findet aber die Reservierung nicht und kommt mit folgender Erklärung daher: "Are you sure you don't want the Disneyland Hotel? A lot of people get the two confused."

 

Wie abwegig ist das denn? Wieso sollte eine Quantenphysikerin das Rialto, in dem ein Kongress zu ihrer Wissenschaftsdisziplin stattfindet, mit dem Disneylandhotel verwechseln?

Ehrlich, Connie, wie kommt man auf so eine Idee? Hast du dir überlegt, was am abwegigsten wäre und was am wenigsten zusammenpasst oder kommen dir solche Ideen beim Joggen? Ist das eine schweißtreibende Angelegenheit mit lauter Post-Its und durchwachten Nächten oder schenkt das Universum dir sowas einfach? Wirklich, lass uns ein Zoom-Interview machen!

 

Witzig ist auch, dass die Ich-Person nicht darauf reagiert. Wir kriegen keine internen Gedanken, die den Witz kaputtmachen, wir Lesende dürfen ganz alleine entscheiden, ob wir das abwegig oder naheliegend finden und in die Tischkante beißen. Ruth kontert mit ihrer Reservierungsnummer, woraufhin sie von Tiffany gefragt wird, ob sie Dr. Gedanken sein, was für deutschsprachige Lesende natürlich noch eine Spur witziger ist. Plus, selbst für alle anderen - Ruth hat ihren Namen eben gesagt. Tiffany hat ihn angeblich in den Computer eingetippt. Wie kann sie das nun fragen? Wie wenig hat sie aufgepasst, wie zerstreut ist sie, bitte?

 

Nun kommt eine weitere Figur ins Spiel, die an der Rezeption auftaucht, ein weißhaariger, verzweifelter Mann. Endlich kriegen wir ein paar Gedanken von Ruth mit, die sich natürlich fragt, ob das wohl Dr. Gedanken sei, aber es ist Dr. Whedbee. Wir erfahren auch, dass Ruth vor allem wegen Dr. Gedanken überhaupt beim Kongress ist und unbedingt seine Keynote hören will, aber bisher nicht weiß, wie der aussieht. Auch etwas, was ein geplagter Wissenschaftler von heute gut nachvollziehen kann, man liest die Namen unter Papern, kennt aber nicht unbedingt die Gesichter. 

 

Doch zunächst einmal mischt sich Dr. Whedbee ein, er hat nämlich das falsche Zimmer bekommen. Tiffany findet das nicht so schlimm. Sie sagt:
"All our rooms are pretty much the same [...] Except for how many beds the have in them and stuff."

Okay, Tiffany, bei der nächsten Gesprächsevaluierung kriegst du sicher von der Marketing-Abteilung auf's Dach. Aber wir können uns nicht lange darüber amüsieren, denn Dr. Whedbee hat einen guten Grund, ein anderes Zimmer zu wollen, denn:

"My room has a person in it!"

Offenbar ist er hineingekommen, als eine Kollegin, Dr. Sleeth, sich gerade umgezogen hat. So ungefähr das Schlimmste, was einem passieren kann, wenn man  ein Hotelzimmer betritt. (Wobei, ich las eine Horrorgeschichte, da war dieser Moment noch unangenehmer, auch olfaktorisch, aber wir sind hier bei Humor, nicht bei Horror.)

 

Der Dialog wird besonders köstlich, weil Tiffany sich nicht nur nicht entschuldigt, es scheint ihr auch nicht im Geringsten unangenehm zu sein. Sie sucht nach einer Reservierung, findet keine, der arme Dr. Whedbee fängt an zu weinen.

Tiffany tröstet ihn und gibt ihm sogar ein Papiertuch, aber unangenehm ist es ihr noch immer nicht. 

 

Nach drei Seiten bin ich schon völlig begeistert und habe drei Figuren kennengelernt, die ich garantiert nicht wieder vergesse, weil alle drei genügend Ziele verfolgen (Ruth und Dr. Whedbee hoffen auf ein Zimmer, das noch nicht besetzt ist, zudem auf eine Keynote und einen gute Kongress, Tiffany will offenbar diesen Job nicht, sondern einen total anderen) und komme in die nächste Szene, die am Abend stattfinde, zur Eröffnungszeremonie. Wir erfahren, dass Ruth ihr Zimmer nach dem Schichtwechsel bekommen hat, als Tiffany abgelöst worden ist. Bis dahin hat sie sich in der Lobby mit Dr. Whedbee unterhalten. Nun lernen wir lauter andere Menschen kennen, die für den Kongress da sind, die sich größtenteils schon von der Konferenz im letzten Jahr kennen und dementsprechend miteinander sprechen und auch übereinander. Es wird ein gewisser David erwähnt, der offenbar immer andere Dinge vor hat, die nichts mit der Konferenz zu tun haben. Und niemand weiß, wie Dr. Gedanken aussieht, jede unbekannte Person wird erstmal für ihn gehalten und abgecheckt. Dieser Wiedererkennungswert, 1) was kenne ich aus meinem eigenen Berufsleben? und 2) was kenne ich aus der vorherigen Szene? machen großen Spaß!

Dann kommt ein alter, aber immer noch guter Witz dazu, dass eigentlich niemand die Quantenphysik richtig versteht, es aber niemand zugeben möchte.

 

Die Ich-Erzählerin bekommt recht zerstreute, chaotische Probleme, die aber alle nicht existenzbedrohend sind, so dass ich die Story recht leichtfüßig genießen kann. Ständig gibt es Probleme mit Tiffany (wenn diese Dienst hat), David versucht, andere Dinge mit ihr zu unternehmen, statt die Konferenz zu besuchen, Dr. Gedanken ist schwer zu finden und die Kongressräume auch, was dazu führt, dass sie ab und an auch im falschen Saal landet und dies zu spät merkt. Wir begegnen weiterhin Leuten, die Probleme haben, ihr korrektes Zimmer zu bekommen und de-fakto-obdachlos sind, so lange Tiffany Dienst hat. Zwischendurch gibt es in Ruths Gedanken immer wieder schöne Anspielungen auf Quantenphysik, die sogar ich als Bibliothekswissenschaftlerin raffe. 

 

Und natürlich haben die Hotelräume, in denen der Kongress stattfindet (oder stattfinden sollte), diese typischen Namen, "The Clara Brown Room" oder "The Fatty Arbuckle Room" und es findet es komplett schräger, esoterischer Kongress zeitgleich statt, der Ruth verfolgt und ihr die Zeit klaut. 

Bei dem ganzen Chaos wird mir beim Lesen schwindelig, doch ich habe eine Menge Spaß, wenn ich auch leicht gestresst bin bei dem Gedanken, selbst mal vor Ort zu sein bei einem Kongress, den ich dringend besuchen will und stattdessen ständig alles nur zu verpassen und mich zu verlaufen, wie ein sanfter Alptraum, der zwar nicht mein Leben bedroht, aber hochgradig ärgerlich ist. 

 

Es gibt ein paar Running Gags, die nicht überstrapaziert werden, keine wirklich bösen Figuren, nur zerstreute und Ruth geht mit den Situationen auf eine Art und Weise um, die immer unterhaltsamer wird, bekommt sogar irgendwann Tiffany in den Griff und ja, auch Dr. Gedanken taucht noch auf.

 

Im Nachwort erfahren wir, dass einiges davon von der Wirklichkeit inspiriert wurde, was mich wirklich nicht wundert. Offenbar liebt sie den Ort, der das Rialto inspiriert hat, es ist also mehr eine Hommage als ein Alptraum und macht mir immer wieder großen Spaß.

 

Es passt zu dem typischen Willis-Humor, in dem sich Menschen permanent in einem Krankenhaus verlaufen (Passage), die zuständige Person für die Hauspost ständig alles verwechselt (Bellwether) oder die Hauptperson leicht unzuverlässig ist, weil sie time-lagged ist und in der Vergangenheit Alltagsprobleme lösen muss (To say nothing of the dog).

 

Ich habe inzwischen alles von Willis gekauft und werde es lesen. Egal, ob mit Humor oder ohne: Bei ihr wirkt jede noch so kleine Nebenfigur immer so lebensecht und ich möchte wirklich gern untersuchen, wie sie das macht. 

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