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Review: Uncanny Magazine #53

Ich zähle sieben Ausgaben des Uncanny-Magazins seit Oktober 2020. Insgesamt nicht viele, aber seit der zweiten Hälfte dieses Jahres werde ich mehr und mehr zur Stammleserin, besonders seit Ausgabe 50.

 

Mehr zum Uncanny-Magazine hier, auch das komplette Inhaltsverzeichnis.

 

In der Regel enthält das Magazin zwar zwingend Phantastik, aber nicht überwiegend Science-Fiction, der mein Hauptinteresse gilt. Ich lese das Magazin trotzdem recht regelmäßig, da auch oft die Prosa aus der allgemeinen Phantastik oder jene, die an Urban Fantasy grenzen, mein Interesse und meine Begeisterung wecken. 

 

Ausgabe 54 ist inzwischen verfügbar und wurde von mir schon gekauft - damit hat das Magazine den Sprung von "Kaufe und lese ich, wenn die Rezensionen in der Locus interessant klingen" zu "kaufe ich immer" geschafft.

 

Aufgrund meines persönlichen Fokuses ignoriert meine Rezension ziemlich den Sekundärteil, obwohl ich auch aus dem einiges gelernt habe, was ich vorher nicht gewusst habe.

 

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Nun zu meinen Highlights der Ausgabe:

SuperMAX von Daniel H. Wilson

Soweit ich mich erinnere, ist diese Geschichte mein erster Kontakt zu diesem Autor. Diese Story erzählt mir tatsächlich etwas Neues zum Thema KI. Und sie behandelt eines meiner Lieblingsthemen (Trauer), dazu aber auch eine Menge über Schuld und Vergebung. Plus, es spielt in einem Gefängnis, wäre also ein heißer Kandidat für meine Analyse von "Geschlossener Vollzug in SF-Prosa" im letzten Jahr gewesen (der Artikel erschien 2022 in der !Time Machine). Ich finde viel zu selten SF-Prosa, die in Gefängnissen spielt, und musste daher für die Analyse weit, weit zurückgehen.

 

Man kann die Story auch hier kostenlos lesen.

 

Nach einem kurzen prologähnlichen Beginn gibt es einen Ich-Erzähler, der offenbar seinen dreizehnjährigen Sohn auf dem Gewissen hat. Durch die Locus-Rezension war ich hier gespoilert, die Geschichte deckt die Gründe aber erst nach und nach auf. Eine Besprechung ohne diesen Spoiler ist auch kaum möglich.

 

Das Gefängnis wird durch die Augen des Erzählers beschrieben:

What I found inside has a nursing home vibe, maybe mixed with a dash of daycare. simple, clean colors on the walls. A thin rug to keep the echoes down. No guards in sight. No cameras. No metal bars. Just a simple intake desk that would be right at home in an ER.

 

Recht bald erfahren wir, was der Erzähler mit der Einrichtung zu tun hat:

I'm standing inside the logical conclusion of one of my own inventions-an autonomous rehabilitation facility run completely by a next-generation artificial intelligence

 

Was mir die Story als SF-Fan Neues bietet:

Die Art von Training, die diese "neue Generation von KI" erhalten hat. Das menschliche Chaos wurde gelernt, die KI hat die Fähigkeit erlangt, menschliche Handlung auf eine Art und Weise zu verstehen, die vorher nicht zu erlangen war. Das hatte aber einen Preis - einen sehr hohen. Der Erzähler hat die KI anhand seines Sohns Max geschult, dreizehn Jahre lang.

 

SuperMAX is more than just a computer. It knows what it's like to be a person. To be fallible. To suffer.

 

None of the early versions worked. People don't always make sense. We're emotional, illogical. The algorithms couldn't find a way to rehabilitate us. Not until my lab began training them on an example of a human life. My son. From beginning to end.

 

Das Leben seines Sohnes wurde davon geprägt und wurde schließlich unerträglich, bis zum Suizid. Der Vater sucht nun in seiner eigenen Einrichtung eine Möglichkeit, seine Schuld wieder gut zu machen.

Hierbei findet er Gesellschaft, wobei jede der Personen eine eigene, abweichende Agenda hat und auch unterschiedliche Gründe, eingesperrt zu sein, auch sehr eigene Gründe, mit der Situation umzugehen. Die Art und Weise, wie die Nebenfiguren eingeführt und ihr Verhalten geschildert werden, hat mir ausnehmend gut gefallen.

 

 

Alleine schon die treffenden Beschreibungen, hier ein Beispiel, wie ein Mit-Insasse beschrieben wird:

"He's rail-thin, with the haunted eyes and shaking hands of an addict. His cigarette has an inch of ash hanging from the tip."

 

Wenn innere Reflektionen mir interessante Gedanken bieten, begrüße ich sie sogar:

 

Did you know there really are no first steps? There are nor first words. There are or firsts. Only a succession of slightly more, until something happens that breaks through the human perception of what it means to do a thing. It's a funny fact to know. Kind of ruins it.

 

Hier steckt noch einiges zwischen den Zeilen, was den Vater und sein Leben, sein Verhältnis zu seinem Sohn betrifft. 

Plus, die A-Story (vordergründige Story) bietet dank der Dynamik zwischen den Insassen ausreichend Action und coole Dialoge.

 

Am Ende gibt's Tränen, jedenfalls für mich. Eine sehr originelle, tiefe, wundervoll runde Geschichte. Gehört zu den Top-Zwanzig des Jahres, mindestens.

Tantie Merle and the Farmhand 4200 von R.S.A Garcia

Erzähl mir etwas Neues über eine KI? Vielleicht nicht direkt, aber die Perspektive und die Sprache sind sehr sehr originell. Nicht direkt unübersetzbar, aber da müsste schon einer von diesen krassen Profis ran, die auch Fuchs 8 übersetzt haben. 

 

Nachtrag: Simone Heller hat mich darauf hingewiesen, dass es sich hierbei und trinidadisches Kreaolisch handelt. 

 

Die Ich-Erzählerin hat jedenfalls eine spezielle Art, sich auszudrücken, das kann bei einer Übersetzung leicht mal in die Hose gehen. Sie ist alt, ihr Mann (Malcolm) ist tot, ihre Kinder sind alle weit fort gezogen und sie schmeißt die Farm jetzt alleine, die u. a. eine extrem störrische Ziege Ignatius beinhaltet. Die Themen "Ziege und KI" habe ich übrigens auch selten kombiniert erlebt!

 

Eine ihrer Töchter schenkt ihr "Farmhand 4200" "AI Guided Nanotechnology Solutions to your Farming Needs" eine hilfreiche KI, ein Roboter, der Merle zur Hand geht. Merle nennt ihn Lincoln und es entsteht bald eine Art Freundschaft zwischen den beiden. Als die Ziege Lincoln auffrisst, trauert Merle.

 

Umso erstaunter und auch erfreut ist sie, als sie feststellt, dass Lincoln am nächsten Tag etwas lädiert und reduziert wieder neben ihrem Bett auftaucht. Es kommt zu einem der witzigsten KI-Mensch-Dialoge der modernen Zeit, als Lincoln Merle erklärt, was geschehen muss, damit er den Rest von sich wieder zusammensetzen kann, den ich hier als letztes Kaufargument für die Geschichte am liebsten wiedergeben würde. Sagen wir mal so, es hat sowohl etwas mit den Ausscheidungen der Ziege zu tun, als auch mit der Fähigkeit der KI, sich auf Merles sprachliche Komfortzone einzulassen.

 

Ein großer Spaß! 

The Big Heavy von Steph Kwiatkowski

Die Story spielt in einem Generationenraumschiff, in dem wirklich nicht mehr viele Menschen übrig sind und es hat einige Seiten gebraucht, bis sie mich eingefangen hat. Dann aber habe ich einige Passagen begeistert mehrmals gelesen und gleich mit SF-Fans via Handy-Chat geteilt, weil ich kaum glauben konnte, wie berührend gut einige Details beobachtet sind.

 

In der B-Story (hintergründigen Story) geht es sehr ernst zu, denn das Schiff hat keine Heimat, findet auch keine, nur immer wieder Sackgassen, keinen Planeten, auf dem die Menschen wohnen können. Es gibt immer mal wieder neue Babys, hier auch, und die Lehrkörper sind KIs. 

 

Ich kann absolut nachvollziehen, dass das erzählende Ich hier "durchmacht", als es ein Baby trägt:

 

[...] a giddy panic at the absurdity that we're the only force keeping their tiny heads from thudding to the floor.

 

Auch diese Story ist sehr rund, das Ende schließt direkt an den Anfang an. Was macht es eigentlich mit Menschen, die in einem Generationenraumschiff leben und niemals etwas finden, etwas lebenswertes, eine Heimat? Das Thema ist nicht neu, ich fand es aber in dieser wirklich kurzen, sprachlich und stilistisch sehr guten Story einige sehr gute Denkanstöße für diesen SF-Trope.

The Ghasts von Ladie Tidhar

Das ist keine SF-Geschichte. Die Protagonistin Mara wird "ghasts" los, indem sie sie in einem Buch einfängt (Wohlgemerkt, wirklich "ghasts"! Kein Tippfehler).

 

Sie wird beauftragt, Ghasts vor allem aus Kinderzimmern zu entfernen, das scheint aber nicht sehr gut bezahlt zu sein, denn alsbald kommt heraus, dass Mara große Probleme hat, Rechnungen zu bezahlen und ihr Erwachsenenleben zu organisieren.

Das scheint auch die (sehr gelungene) B-Story zu sein, das, wovor Mara wirklich Angst hat, sind die Verpflichtungen, die sie als Erwachsene hat, sozusagen ihr persönlicher "Ghast". 

 

Schön auch die Nebenhandlung in der Kneipe, in der sie sich mit dem Barkeeper Gunnar unterhält, mit dem auch nicht alles so ist wie zunächst angenommen.

 

Ich mochte die Prämisse der Story sehr, die für mich ungefähr so geht:
Lerne, deine "Ghasts" (Ängste, Verpflichtungen, Nervkram) zu akzeptieren und in deinem Leben den richtigen Platz zuzuweisen. Dann klappt's auch mit dem erholsamen Schlaf.

 

Eine Tidhar-Story, die mir zugesagt hat (manchmal verstehe ich nicht wirklich, was die Story von mir will, hier schon). 

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