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Zwielicht 19: Horror Magazin

Das Zwielicht lese ich seit 2020 und lasse an sich auch keine Ausgabe weg (jedenfalls nicht beim Lesen, beim rezensieren mag ich mal faul gewesen sein). Einige Storys bleiben auch locker Jahre in Erinnerung, die diese Wolf-Story von Harald A. Weissen aus der ersten Zwielicht (14), die ich gelesen hatte.

 

Auch in dieser Ausgabe gibt es wieder tolle Highlights!

Alle Inhalte

Geschichten:

Ina Elbracht - Monsieur Ortolan

Torsten Scheib - Wenn die Dunkelheit ruft

Algernon Blackwood - Kains Sühne 

Nele Sickel - Geburtstag ohne Simon

Lena Marlier – Matriphagie

J.H. Schneider - Piotrek lebt

Vincent Voss - Die Verschwörung der Mähroboter

Erik Hauser - Gesicht im Staub 

Jo Piccol – Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (Artikel zu Die Abfolge)

Brian Evenson - Die Abfolge

Glen Sedi - Unsere Anhängsel

Karin Reddemann - Vergissmeinnicht

Utz Anhalt - Das Schwert

Philip Krömer - Alles hat seine Zeit

Andreas Müller - Zwölf Uhr mittags

Arabella Kenealy - Das heimgesuchte Kind

 

Artikel:

Karin Reddemann - Roanoke: Blutmond über der „Lost Colony“

Matthias Käther - Viktorianischer Schrecken

 

Mit Übersetzungen von Achim Hildebrand, Jo Piccol und Reinhard Klein-Arendt.

Meine Highlights

Mehr Feedback, quasi einen kleinen Lesezirkel, gibt es übrigens hier.

 

Ich würde jetzt gern einfach nur meine drei Highlights ein bisschen ausführlicher feiern:

 

J.H. Schneider - Piotrek lebt

Das ist der SF oder der normalen Phantastik für mich näher als dem Horror, was mich aber nicht stört. Es bleibt ein wenig im Dunkeln, wer "du" ist (meiner Interpretation nach ein Ex-Partner), aber ich liebe die Idee, dass "plötzlich" (seit sechs Jahren mindestens) wir nicht mehr außen auf der Erde, sondern innen wohnen und es wird auch so schön nicht erklärt, wieso eigentlich. (Das wäre auch sicher schief gegangen.) Es heißt lediglich:

 

"... dass die Welt eine Kugel ist schon, nicht aber, dass wir auf ihrer Innenseite leben, früher lebten wir auf ihrer Oberfläche, draußen, in einer atembaren Atmosphäre gleich unter den Sternen, davon gibt es sogar Fotos und Filmaufnahmen, aber jetzt ist es so."

 

Später fügt der Text dem noch allerhand plastische Ideen hinzu, wie "sich in einer gigantischen, vielleicht sogar unendlich großen Felsmasse befindet" (was für ein schönes Bild, und gleich viel gewaltiger!)

 

oder:

 

"Ab jetzt müssen wir uns durch das Weltall graben: Einen Schacht zum Mond, einen Tunnel zum Mars. Aber woher wissen, in welche Richtung man graben soll, wenn man nichts sieht? Ich bin mir sicher, wir finden einen Weg."

 

Alleine schon dieser absolute, nicht hinterfragende Ton, der hat was!

 

Ich kann mit dieser veränderten Weltsicht voll mitgehen und liebe die Gedanken dazu! Klasse! Hey, diese Story wäre mir auch in einer meiner geliebten angloamerikanischen Horror-Zines nicht negativ aufgefallen. Das wäre was, was ich vielleicht zum Vincent-Preis nominieren sollte, nur bin ich unsicher, ob der Horror-Gehalt ausreicht. Klar, die neue Weltsicht hat genügend Horror, vor allem, da so viel verschwindet, nur ist das erzählende Ich dabei so klar und sachlich, dass die Atmosphäre viel näher an der SF als am Horror ist.

 

Die gesamte Sideline mit Piotrek (die nicht so sehr an der Seite ist, siehe Titel), ist ja sowieso voll mein Ding. Geliebte sterbende Verwandte, da habe ich einen ganz weichen Keks in mir. Das ist auch toll geschildert, so respektvoll, immer mit subtilen Hinweise, wie Piotrek war, bevor er alt und krank wurde. Und wie er das jetzt sieht oder nicht mehr sehen will. 

Auch die Sicht des Erzählers auf Piotrek ist so menschlich und gut beobachtet:

"Piotrek fragt ab und zu nach dir. Er schafft die paar Meter zur Toilette und zurück mittlerweile nur noch mit Rollator und ist danach so erschöpft wie nach einem Marathon. Früher ist er öfter Marathon gelaufen, hat er dir das je erzählt? Manchmal schafft er es nicht mal aus dem Bett, dann muss ihn jemand saubermachen und die Laken wechseln und er sitzt daneben und schämt sich."

 

Sprachlich gibt es auch so Momente, rein von den Ideen her, ich stehe auf folgenden Satz:

"Den Dingen ist das völlig gleich, sie kennen keine Nostalgie"

 

Ein sehr schöner, konsequenter Schluss. Vermutlich werden nicht viele dabei mitgehen, wenn ich die Story als SF ansehe (einiges ist auch schwer zu schlucken), aber was soll's für mich ist die Story klasse und auch gut zu Ende gedacht, wenn auch nie erklärt wird, was genau geschehen ist.

 

Karin Reddemann - Vergissmeinnicht

Gerade der alltägliche, sehr authentische Ton steht der Story gut. Eine Frau berichtet rückblickend aus ihrer Studienzeit, eine sehr klassische Horror-Story, die plotmäßig zwar bekannte Wege geht, aber so gut in den Alltag eingebunden ist und glaubhaft Konflikte beschwört (wichtige Seminare verpassen oder Todesfluch riskieren?), dass es einfach ein großer Lesespaß ist. Der Schluss ist konsequent, wenn auch nicht ganz überraschend. 

 

Der wahre Horror liegt eigentlich darin, dass es Menschen (oft Frauen) eben passieren kann, dem Begehren eines anderen Menschen (oft Männer) ausgesetzt zu sein, was dann rasch an Leib und Leben geht. Das muss nicht zwingend übernatürlich sein. Was der Ich-Erzählerin ja auch auffällt (wenn auch zunächst subtil, sie fühlt sich nur von dem Verehrer gestört)

 

Erik Hauser - Gesicht im Staub 

Riesengroßer Lesespaß, vor allem, weil noch eine Menge Humor und witzige Beschreibungen drin stecken, neben den coolen Horror-Ideen (vor allem olfaktorisch) und einigen gut gesetzten Spannungsmomenten.

Die Skat-Runde ist einfach herrlich authentisch und glaubhaft, in ihren Ängsten, Skurrilitäten und Handlungen.

 

 

***

Als Side-Note - auch die übersetzten Texte machen viel Spaß, selbst wenn sie fürchterlich alt sind. Gerade von Arabella Kenealy - Das heimgesuchte Kind war ich ebenfalls sehr beeindruckt!

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