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Die Wand von Marlen Haushofer

Kein Wunder, dass der Roman beliebt ist und auch heute noch gelesen wird. Könnte er 2023 spielen? Ich musste mal nachschlagen, seit wann es Atomkraftwerke in Deutschland gibt. Denn Atomkraftwerke können es ja nicht so gut ab, wenn plötzlich niemand mehr da ist. Nun gut, seit 1961, also könnte der Roman knapp davor spielen, insofern ist es für plausibel, dass von der Außenwelt nichts in ihrem Gebirge ankommt bis auf Wind und Regen. 

Die namenlose Ich-Erzählerin ist alleine in der Jagdhütte ihrer Kusine und deren Mann, als sie am nächsten Morgen gemeinsam mit Hund Luchs runter ins Tal will, knallen beide gegen eine unsichtbare Wand. Offenbar ist der Teil des (ziemlich großen) Gebirges von der Außenwelt abgeschnitten. Was die Erzählerin jenseits der Wand sehen kann, sind viele tote Vögel und regungslose Menschen (einer fällt irgendwann bei einem Sturm um) und eine regungslose Katze neben einer Frau. Da draußen leben keine Tiere, keine Menschen mehr, nur die Pflanzen wuchern und holen sich nach und nach die Welt zurück. 

Die erzählte Zeit umspannt etwa zweieinhalb Jahre und da die Erzählerin rückwirkend erzählt, gibt es eine Menge Spoiler und Andeutungen (die teilweise auch gern subtiler hätten sein dürfen), so weiß ich  zum Beispiel schon sehr früh sehr genau, welche der Tiere die zweieinhalb Jahre überleben und welche nicht. Ich erfahre aber immer erst dann, wenn die Szene geschildert wird, was genau den Tieren zugestoßen ist, insofern bleibt es spannend. 

Es ist sowieso erstaunlich, wie spannend ein Buch sein kann, in dem nur ein einziger Mensch vorkommt. Plus Hund Luchs, eine alte Katze, die Kuh Bella, ein kleiner Stier und ein paar Katzenjunge.  

Wie die Erzählerin ihr Überleben in die Hand nimmt, wird oft mit Robinson Crusoe verglichen, ich musste auch an Der Marsianer denken. Die Wand wird nie erklärt, und kommt auch in den Gedanken der Erzählerin erstaunlich selten vor, wenn sie auch den Plan fasst, sich drunter durch zu graben (dies aber nie umsetzt in der erzählten Zeit des Romans). Darum geht es nicht. 

Ich habe den Roman sehr feministisch gelesen. Sie, als erst vierzigjährige, die beiden Kinder inzwischen groß, musste immer gefallen (gut aussehen für andere) und hat anderen gedient, ihren Kindern, ihrem Mann, der Gesellschaft. Sie selbst kam in ihrem Leben kaum vor, hat sich nicht selbst verwirklicht.

Nun hat sie alleine im Gebirge eine Menge Sachzwänge: Holt sie kein Heu ein, überleben die Kühe den Winter nicht. Sät sie keine Kartoffeln und Bohnen, ist ihr eigenes Überleben in Gefahr. Geht sie nicht im Sommer auf die Alm, haben die Kühe keine frischen Kräuter. 

Aber die Tiere kümmern sich auch um sie (vor allem die Kuh mit ihrer Milch, aber auch die anderen). 

Ihre frühere Fremdbestimmtheit ist nun selbstbestimmt, auch wenn sie streng genommen natürlich nicht tun und lassen kann, was sie will, zumal ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Trotzdem lese ich heraus, dass sie eine ganze Menge auch wirklich gern tut, so anstrengend es auch ist. 
Sie hat sich vom Patriarchat befreit.

Diese feministische Lesart ist offenbar nicht ganz weit hergeholt, auch andere haben es so verstanden.

Männerfeindlich ist der Roman aber auch nicht, ich lese den Hund und den Stier als willkommene männliche Gesellschaft, Wesen, die geliebt werden. Diese symbolisieren für mich jene vielen Männer in unserem Leben, die wir brauchen und lieben.

Es ist ja ein Unterschied, ob man die Strukturen des Patriarchats nicht schätzt, oder ob man per se alle Männer hasst (falls überhaupt jemand so pauschal agiert, ich hoffe es mal nicht).  

Meine Bewunderung für die Protagonistin ist groß und obwohl vieles dagegen spricht, dass sie in dem Gebirge hundert Jahre alt geworden ist, hoffe ich doch nur das Beste für sie und hoffe, sie hatte noch viele freie, selbstbestimmte Jahre dort!

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