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[empfindungsfæhig] von Reda El Arbi

Für mich der Überraschungshit der deutschsprachigen Science Fiction 2023, ist spontan in meinen Top-3 gelandet. 

 

Der Autor kommt aus der Schweiz, der Roman spiel 2082 in Zürich (nun, hauptsächlich in Zürich).

 

Die KIs regieren (nun ja, die meisten Teile der Welt) und es gibt eine komplexe Einteilung, je nachdem, wie komplex und clever eine KI ist. 

 

Die Hauptfigur, Lea, eine junge Frau, die bei einem Unfall in jungen Jahren ihren linken Arm verlor und seither eine ki-gesteuerte Arm-Prothese namens Cali verwendet (Lea und Cali sind definitiv mein Lieblings-Ermittlerinnen-Duo), wird eines Morgens überraschend von Patrik Meyr aufgesucht. Mit einem lukrativen Auftrag. Aber auch einem extrem gefährlichen. Die Ermordung einer kanadischen Top-Coderin soll aufgeklärt werden. Das wird sehr schnell sehr wild und Lea bleibt auch nicht mit beiden Beinen in Zürich, in einem Plot-Twist (der aber im Klappentext verraten wird, also kann ich es auch tun) muss sie u. a. auch in den Orbit reisen. 

Top-Weltenbau

Da ich seit 2020 verstärkt deutschsprachige SF lese (170 bis 350 Kurzgeschichten und dazu rund dreißig Romane pro Jahr) ist es nicht abwegig zu sagen, dass ich eigentlich weiß, was die Szene so kann und was nicht. 

Der Weltenbau sucht schon seinesgleichen. So ein gutes Gefühl habe ich sonst nur beim Lesen von Aiki Miras Romanen (die ansonsten aber komplett anders sind, vom Stil und Inhalt her). 

 

Das macht schon echt Spaß. Abgesehen mal von der durchdachten KI-Landschaft und der komplexen KI-Figur Cali, erfahre ich auch, was sonst so los war und ist auf der Welt:

 

"2024 Zusammenbruch von Putins Reich"

"2029 Zweiter Amerikanischer Bürgerkrieg"

"Entstehung der neuen Kontinentalkräfte Euro, PakInd, Asia, Afrikanischer Union plus Israil und NordKan" (und da kommt noch mehr ...)

(Ich find's auch klasse, was aus Australien, Neuseeland, Hongkong und Taiwan geworden ist. Meinetwegen kann der Autor diese Welt gern wieder besuchen.)

 

Einiges erinnert mehr an unsere Gegenwart, beispielsweise Lea Nikotinsucht oder ihre Selbsthilfegruppe für Ex-Junkies (wenn auch die Drogen etwas von denen abweichen, die mir so geläufig sind). 

Gut geschriebene Action, die den Plot voranbringt

Der Roman überzeugt durch die Schilderung von Beziehungen, die Plotwendungen und dem Enthüllen jener Dinge, die vor langer Zeit geschehen sind. Das wird nach und nach aufgedeckt und ergibt ein Gesamtbild, trägt außerdem zur Personifizierung von Lea und auch Meyr bei. 

 

Aber die Actionschilderungen sind schon auch ein weiteres Highlight. So etwas zu lesen macht mir eben auch Spaß:

 

“Sein rechtes Auge drehte sich nach oben, und ein kleines Rinnsal Blut schlängelte sich aus seiner Nase, nur um von seinem Schnurrbart gestoppt zu werden, seine Knie gaben nach, der Oberkörper kippte nach vorne, und sein überraschtes Gesicht schlug ungebremst auf die Tischplatte.”

 

Die Beziehungen zwischen den Figuren sind glaubhaft und plastisch, vor allem die von der Hauptfigur Lea zu der KI Cali, die quasi in ihrer Armprothese sitzt und mit der sie seit ihrer Kindheit in einem Körper zusammenlebt (eh eine genial umgesetzte Idee, vielleicht nicht ganz neu, aber super umgesetzt!).

 

Frauen sprechen hier nicht über Männer, Mode oder Schminke, sondern über Kampftaktiken. Das ist extrem nice und macht irre viel Spaß (und erinnert wiederum an Endres' Prinzessinnen, wenn ich auch echt viele Unterschiede zwischen den Büchern sehe. Aber vielleicht sollten die zwei sich mal gegenseitig lesen?). Manchmal kamen seltsame Momente, wenn eine junge Frau "Mädchen" genannt wird (auch im Begleittext), ist das eine schweizerische Eigenheit? Hierzulande würde ich es als sexistisch-gleichmachend empfinden, wenn wir erwachsene Frauen so nennen. (Im Dialog sagt mal jemand "junge Dame", da wäre ich total ausgerastet. Aber ich bin auch nicht mehr jung.)

Stil und Sprache

Es gibt auch echt viele verdammt coole Textstellen. Hier ein paar Kostproben, damit der Roman auch die richtige Zielgruppe erreicht:

 

"Wie Skelette postmoderner Saurier verrosteten rechts und links der schmalen Straße die Überreste der Fahrzeugschwemme des frühen Jahrhunderts." (mega geil)

 

"den trockenen Lippenstift wie roten Mörtel auf den Lippen"

 

Dialog: "Und du bist sowas wie ein Batman für Arme, einfach ohne die geilen Spielsachen"

 

Überhaupt machen die Dialoge viel Spaß und so gute Kampfszenen schreibt in der deutschsprachigen SF-Szene kaum jemand. 

Fazit

Es kommen ggf. ein halbes dutzend mehr Personen vor, als ich in unter vierhundert Seiten verarbeiten kann, aber ich kann dem Plot trotzdem folgen.

Der Einstieg (die ersten vierzig Seiten) sind deutlich langsamer als der Rest, da hätte ich mir schon etwas mehr Rasanz gewünscht.

 

Es gibt Anspielungen zur Popkultur (meist zur SF, sei es Asimov oder die Matrix), einige unglaublich coole Plotwendungen und am Ende habe ich das Gefühl, meine Lesezeit gut eingesetzt zu haben.

 

Ich kann den Roman sehr empfehlen, eben für jene, die genau auf so geilen Scheiß stehen. Viel Spaß!

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Kommentare: 1
  • #1

    Matthias Töpfer (Freitag, 23 Februar 2024 15:37)

    Hochinteressant! Hab mir die Leseprobe schon runtergeladen. ;)