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Zwietracht - von Tanja Hanika

Harte Fakten

Titel Zwietracht Mörderische Freundschaft
Autorin Tanja Hanika
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 190

Inhalt: Grusel kommt mit wenig Equipment aus

Manchmal bin ich so kurzentschlossen. Ein Tweet von Jessica Bradley hat ausgereicht, da habe ich mir das Buch abends gekauft und am nächsten Tag durchgelesen. Dazu muss man aber wissen: Ich kaufe zurzeit mehr Bücher als ich ernsthaft bewältigen kann, dass ich es gelesen habe, ist die eigentliche Leistung.

Aufgrund des Kommentars: Eine Hütte, neun Charaktere, eine geile Geschichte hatte ich allerdings eher an so etwas wie "Und dann gabs keines mehr" von Agatha Christie oder "the hateful eight" von Tarantino gedacht. Meine erste Assoziation war, dass alle neun in einer Hütte wohnen. In dem Roman ziehen aber nur die beiden Hauptfiguren, Lina und Millie, in eine Hütte ein und machen dort ein paar Tage Urlaub. Es ist auch nicht wirklich ein Krimi, eher ein Gruselroman oder gar Horrorroman

 

Die beiden Hauptfiguren sind seit ihrer Kindheit befreundet. Es soll auch kein Erholungsurlaub sein, Millie möchte fotographieren, ihr Traum ist es, eine Fotogalerie aufzumachen. Jung genug ist sie auch, beide sind Mitte 20. Lina hat sich ihren Traum schon erfüllt, sie hatte einen sehr erfolgreichen Debutroman, leidet aber zurzeit unter einer Schreibblockade.

 

Hätte ich mir erst eine Leseprobe besorgt, auch dann hätte ich den Roman gekauft. Ich finde, es ist genau die richtige Waagschale zwischen Beschreibung und Action. Absolut haargenau. Ich würde sogar sagen, sie ist jetzt mein Vorbild bei längeren Erzählungen und Romanen (nun, eines meiner Vorbilder jedenfalls), denn es ist genug, um Stimmung zu erzeugen und Bilder, Geräusche, Gerüchte erzeugen zu lassen - oder auch fieses körperliches Zusammenzucken bei den heftigeren Szenen - und nicht zu viel, als dass die Erzählung ins Stocken gerät.

 

Die beiden Figuren sind auch interessant. Lina, mit ihrer Schreibblockade und Millies Begeisterung einer, die ihr Hobby noch nicht zum Beruf gemacht hat. Als Lina dann in den ersten fünf Kapiteln immer paranoider wird was Millie betrifft, denke ich am Anfang noch: Na ja, stell dich nicht so an, das ist schließlich deine Freundin. Irgendwann frage ich mich dann aber: Vielleicht ist da doch was dran? Es gelingt sehr gut, mich da hineinzuziehen in das Fragen und Wundern. Dann schließlich der Perspektivwechsel.

 

Die Nebenfiguren sind genau das, Nebenfiguren. Sie sind für einige Details unabkömmlich, stehen aber nur am Rande, es geht um Lina und Millie - und die Hütte. Wenn es also demnächst wirklich einen Film dazu gibt, steht und fällt alles mit diesen drei Dingen: die Schauspielerinnen für Lina und Millie und der Drehort (oder Hauptdrehort), die Hütte.

 

Ohne viel über das Foranschreiten der Story und den Showdown zu verraten, ist mir folgendes aufgefallen. Eher an mir als an der Story, denn ich habe das oft und mich interessiert, ob ich damit eigentlich in guter Gesellschaft bin. Die ersten drei Viertel der Story fesseln mich total und ich bin quasi am Sofa festgeklebt und besteche das Kind, damit es mich weiterlesen lässt. Als dann sich ungefähr abzeichnet, worauf es hinausläuft, sinkt bei mir aber die Spannungskurve ab, obwohl der Showdown ja noch kommt. Das geht mir aber auch bei Stephen King fast immer so. Dabei sollte doch eigentlich der Showdown das spannendste sein? Obwohl dieser einige sehr plastische Szenen hat, fand ich aber dennoch das Vorgeplänkel interessanter. Ich vermute, das ist eine Persönlichkeitssache. Ich mochte auch den zweitletzten Teil von Harry Potter am liebsten und die zweitletzte Staffel von LOST.

 

Den Epilog habe ich wieder sehr genossen, weil er nochmal sehr pointiert herüberkommt.

Reflektion: Bestens geschrieben mit kleinen offenen Fragen

Über den Schreibstil habe ich ja bereits geschwärmt. Auch die Dialoge lassen keine Wünsche offen, die klingen echt. Ein bisschen Humor zwischen den beiden Figuren schwenkt vor allem anfangs gut mit, ja, die kennen sich lange.

 

Sehr gelungen fand ich die Figur Lina. Diese Verzweiflung, vor allem anfangs, ob sie noch mal einen großen Wurf landen wird. Wie sie sich quält mit der verschlossenen Tür in der Hütte. Wie sie dann loslegt zu Schreiben. Da hätte ich dann schon noch ein paar Fragen gehabt und stelle Paralellen zu Millies Fotos fest, da hatte ich kurz gedacht, die Geschichte geht in eine andere (ebenfalls sehr interessante) Richtung. Für mich muss auch nicht jedes Detail beantwortet werden und vielleicht habe ich auch Hinweise überlesen, so schnell wie ich das Buch eingeatmet habe.

 

Wenn ich nicht zurzeit so wild entschlossen wäre, meinen Fokus endlich mal auf Klassiker, Science Fiction und Phantastik zu legen, würde ich mir sofort noch ein weiteres Buch dieser Autorin zulegen.

Trivia: Self Publishing aus Überzeugung

Tanja veröffentlicht ihre Erzählungen alle im Self Publishing. Ich hatte nachgefragt, weil ich das Format von 190 Seiten so gut übersichtlich finde. Nicht nur als Leserin, auch als Autorin würden mir kürzere Formate besser passen. Im SP kein Problem, bei Agenturen habe ich bisher den Eindruck, dass eher die Standardlängen weiterhin gewünscht sind. Ich fände es ja schön, wenn sich das bald ändert.

 

Ein wenig erinnert mich das Setting an eine der Kurzgeschichten von Richard Laymon. Wobei da die Art des Grusels deutlich anders war, und anfänglich sogar drei Menschen in einer Hütte waren. Es gibt natürlich so einige einige Geschichten, die als Ausgangsposition "einsame Hütte im Wald" haben.

 

Zwietracht ist Tanjas fünfter Roman, insgesamt hat sie bereits zehn Romane veröffentlicht, ich habe also nicht den aktuellsten erwischt. Einer ihrer Romane, "Der Angstfresser", wurde ins Englische übersetzt (The Fear Monger, klingt cool auf Englisch). Außerdem hat sie zwei Sachbücher für Autor*innen geschrieben. Es kommt durchaus vor, dass sie zweimal im Jahr etwas veröffentlicht. Mehr erfahren wir auf ihrer Homepage. Hm, das Cover für Roadkill sieht super aus - aus, Yvonne, du hast bereits genügend Lesestoff! ;-)

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