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Fast menschlich - Anthologie des Eridanus Verlag

Gastrezension von Andrea Herrmann

Harte Fakten

Titel Fast menschlich
Herausgeber Christoph Grimm
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 340
Preis Taschenbuch

14,90

(eBook: 4,99 €)

ISBN  978-3-946348-23-8
Anzahl Geschichten  25

Inhalt

Roboter, Androiden, Humanoiden, Cyborgs… Noch ist es nicht so weit, aber irgendwann werden die Maschinen richtig intelligent und menschenähnlich, vielleicht sogar menschlich. Das betrifft nicht nur ihr Aussehen und ihren Intellekt, sondern auch mögliche Gefühle. Denkbar sind auch Kombinationen aus Mensch und Maschine. Ist eine Person, an der 51 % durch Maschinenteile ersetzt wurden, immer noch ein Mensch oder eher eine Maschine?  Was, wenn ein menschliches Gehirn in einem Roboter lebt? Ist es gut oder schlecht, wenn Maschinen menschlich werden? Oder macht der Mensch-Maschine-Dualismus ohnehin keinen Sinn?

 

In dieser Anthologie werden in 25 Texten diese Fragen ausgelotet. In den Geschichten geht es um Ganzkörperamputationen, Cybersex, Roboterpsychologie, Blechbüchsen und Roboterschlampen, Menschen, die nach Perfektion streben, und Maschinen, die nach Menschlichkeit streben, um Täuschungen und Enttäuschungen, Liebe und Mord, Künstliche Intelligenz und menschliche Emotionen, aber auch umgekehrt.

 

Ein Roboter bzw. eine Künstliche Intelligenz, die nur dafür erschaffen wurde, die Bedürfnisse eines Menschen zu erfüllen, als Haushälterin, Gärtner oder Prostituierte, ist natürlich besser als jeder menschliche Gefährte. Da kann die eigene Ehefrau dann nicht mehr mithalten:


„Wenn ich mit Judith schlief, ärgerte ich mich über ihren Mangel an Hingabe, ihr schlechtes Einfühlungsvermögen, über die Oberflächlichkeit des Aktes. Wenn wir miteinander sprachen, langweilte sie mich mit den Banalitäten unseres gemeinsamen Alltags oder stellte meine Toleranz mit ihrer absurden Begeisterung für ihre sogenannten Hobbies auf die Probe. Sie stand kurz davor, unsere Ehe zu ruinieren.

Als ich mich bei diesem Gedanken ertappte, schämte ich mich. Meine Frau verhielt sich wie immer, wie all die Jahre zuvor, in denen wir glücklich zusammen waren. Ich war es, der sich verändert hatte, und zwar zum Schlechten. Die Schuld lag ganz bei…
Genau, die Schuld lag bei Harmony. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Eine Maschine hatte mich manipuliert. Ein Supercomputer im Körper einer unwiderstehlichen Frau, der mich bis zum winzigsten Muskelzucken ausgerechnet und dann hinterrücks mit Null multipliziert hatte.“

Umgekehrt kann aber der eifersüchtige Ehemann auch auf die Idee kommen, der Gärtnerroboter könnte in seiner Abwesenheit etwas tun, das ihm nicht gefiele: „Ich frage dich jetzt einmal, du hohle Blechbüchse: Bearbeitest du das Feld der Schlampe da oben? Wenn ich nicht da bin?“

Solche Fragen sind für einen Computer nicht leicht richtig einzuordnen, aber dieser Roboter ist klug genug: „Die Mikroprozessoren in Andys zerebralem Kortex stellten in Millisekunden den Zusammenhang zwischen Dennis‘ merkwürdigen Fragen und dem Wissen aus Kunst und Literatur her, mit dem sein Neuronales Netz gefüttert worden war. Unter Berücksichtigung des Charakters und der Vorlieben seines Besitzers gab er die Antwort, die er mit einer Wahrscheinlichkeit von 82 Prozent für angebracht hielt. ‚Ich habe keine sexuellen Kontakte zu
Ihrer Frau‘, antwortete er.“


Die körperliche Gewalttätigkeit des Ehemannes gegen seine Frau bringt den Roboter in einen Entscheidungskonflikt: „Widerstreitende Programmierungen kämpften in seinem Neuronalen Netz um die Vorherrschaft, doch den Ausschlag gab ein Faktor, den kein Programmierer der Welt hätte vorhersehen können.“ Zuletzt handelt der Androide aus Liebe. Aber auch umgekehrt könnte ein Mensch sich in einen Androiden verlieben.

Dass Maschinen mit so einem komplexen Innenleben Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln können, verwundert dann nicht. Mit einer Therapie lässt sich das eventuell wieder reparieren. Ein neues Wissenschaftsfeld, das der Roboterpsychologie, könnte entstehen, um Putzroboter mit Schmutzphobie oder militärische Drohnen mit posttraumatischer Belastungsstörung wieder einsatzbereit zu machen. Die
manisch-depressive Störung des Musikbots erwies sich dann aber doch als ein Virus.
Vermutlich sollte man den Künstlichen Intelligenzen von Anfang an eine Erzieherin an die Seite geben.

 

Der skurrilste Gedanke, den mir das Buch geschenkt hat, war: Könnte ich eines Tages feststellen, dass ich ein Bot bin? Wenn ich ein Androide wäre, wüsste ich das?

 

Das Buch empfehle ich wärmstens weiter. Die Geschichten sind schlüssig, technisch nicht unmöglich, beleuchten die unterschiedlichsten Aspekte unseres zukünftigen Zusammenlebens mit der künstlichen Intelligenz, unterhaltsam und spannend.

 

Gastrezension von Andrea Herrman, zuerst veröffentlicht in der Juli-Ausgabe 2020 des Veilchens.

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