Mysteriöse Kurschatten - Anthologie der Textgemeinschaft

Harte Fakten

Titel Mysteriöse Kurschatten
Herausgeber*in Textgemeinschaft.de
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 192
Anzahl Geschichten 11

Inhalt

Trockeneis - Blind Date mit einem Milliardär (von Jo Lenz)

Eher witzig-kriminalistisch mit einer Spur Rachsucht. Protagonistin Valerie will nicht zur Kur, muss aber. Verpeilt steigt sie zu früh aus, kommt als letzte an und muss sich ein Zimmer mit der unbeliebten Irmgard herausstellen. Irmgard ist nicht komplett uninteressant und kann Kontakt zu dem Milliardär herstellen, dem die Kuranlage und noch so einiges andere gehört. Es kommt zu einem Date.

Obwohl die Story Längen hat, finde ich sie ganz witzig und originell. Das Kriminalistische am Ende hätte gern noch mehr Raum einnehmen können. Da hätten mir mehr Details gefallen. Dafür hätte man am Anfang und in der Mitte sicher etwas kürzen können.

Es gab einige sehr gute Metaphern und Beschreibungen, wie "Ihr Mund war riesig. Ein dunkles Loch. Das Zäpfchen - ein amputierter Daumen". Die Story bietet noch mehr dieser frischen Bilder und Eindrücke. Die waren für mich die eigentlichen Höhepunkte.

 

Die Insel (Michael Kothe)

Den Autor kenne ich ja schon von den Schubladengeschichten (mittlerweile auch von der Schreib-Lust und dem Bubenreuther Literaturwettbewerb).

Die Protagonistin Cora ist alleinerziehende Mutter und freie Lektorin. Sympathisch ist sie mir schon nach einer halben Seite, als sie sich über die Formulierung ihrer Krankenkasse "außerhalb jeder Saison" aufregt. Herrlich, wie sie nicht aus ihrer Haut kann! 

Ihr Kurschatten heißt Heinz und ist zwar nicht mysteriös, nur leider verheiratet. Dennoch verbringen die beiden eine sehr nette Woche miteinander, selbstverständlich platonisch. Mysteriös wird es erst, als Heinz abgereist ist. Wer ist dieser Mann, der Cora nun ständig nachstellt?

Witziges Ende.

 

Instinkt (von Stefan Süshardt)

Zurzeit lese ich ja viele Kurzgeschichten und diese hier kann mit einigen Profis mithalten. Thomas, ein untreuer Ehemann, fährt drei Wochen auf Kur. Natürlich bändelt er dann mit einer hübschen Dame an, Ines. Dieser erzählt er, dass seine Frau vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben sei. Er merkt, er wünscht sich, dies wäre tatsächlich geschehen. Nach mehr als 25 Jahren Ehe hat er eigentlich keine Lust mehr. Wie wäre es mit einer Scheidung? Doch dann gibt es zwei recht unerwartete Wendungen und einen phänomenalen Schluss. Sehr empfehlenswert.

 

Das lila Kuvert (von Volker Stahlschmidt)

Bernd Schmitz ist ein sehr normaler Mann. Wie kommt es denn nun, dass er plötzlich ständig lila Briefe von einer Unbekannten erhält. Er hält sie vor seiner Frau geheim, obwohl er diese nie betrogen hat?

Schließlich kehrt er an einen Kurort zurück, den er zum letzten Mal als sehr junger Mann besucht hat. Endlich erfahren wir die Auflösung. Guter Plot, sehr gut geschrieben.

 

Lorie (von Nicole Hülsmann)

Ok, das hat streng genommen nichts mit einer Kur zu tun. Das ist eine Horrorgeschichte. Vor allem die Nebenfigur der älteren Dame Ilse Grimm hat mir sehr gefallen. Es ist eine sehr, sehr klassische Horrorgeschichte, um nicht zu sagen: Das mit dem Spukhaus und dem bösen Mann habe ich schon mal irgendwo gelesen.

Das Ende immerhin bietet andere Interpretationsmöglichkeiten an, weswegen ich das K-Wort hier mal nicht benutze.

 

Die Süße des dunklen Schattens (von Bernhard Weichwald)

1912, Bad Reichenhall. Hier geht es dann sowohl sprachlich als auch vom Plot her in die Vollen. Ich muss den Autor googeln, ist das ein Profi? Einen anderen Beitrag in einer Anthologie, sonst finde ich nichts. Auf der Webseite der Textgemeinschaft auch nicht.

In der Geschichte verschwinden regelmäßig Herren - offenbar kurz vorher einer gewissen Auguste verfallen, die sie im Kurort Bad Reichenhall kennenlernten. Diese trägt schwarz, da ihr Gatte vor knapp einem Jahr gestorben ist, weshalb sie auch "die Frau in schwarz" genannt wird (was jetzt schon an einen gewissen Film erinnert). Sehr spannend. Einzig ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die verschiedenen Quellen, Briefe, Tagebucheinträgungen, Mitschriften - da fühle ich mich, als würde ich erneut Dracula lesen.

 

Splitter (von Danielle Bilina)

Das Thema ist getroffen! Außerdem hat die Protagonistin Miriam auch ohne mysteriösen Kurschatten schon genug am Hals. Erholt sich von einem schlimmen Unfall, den sie verursacht hat und bei dem zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ihre Schwester hat den Kontakt abgebrochen.

Und da ist Miriam nun, lernt wieder Laufen und ist einsam. Sie lernt Noah kennen, in den Dreißigern, attraktiv. Er erholt sich von einem Schlaganfall. Ein wenig ahnt man, worauf es hinausläuft, als eine Pflegerin verschwindet. Die Geschichte ist solide, die Protagonistin macht eine gute Wandlung durch und die Pointe gefällt. Den Tag 55 hätte ich gar nicht mehr gebraucht, das Ende davor wäre auch ok gewesen (in der Tat dachte ich, es sei vorbei, weil es in meiner eBook-Version so aussah).

 

Ich kann dich sehen! (von Jasmin Fürbach)

Der Klassiker. Bin ich verrückt oder werde ich wirklich verfolgt? Anna hat in ihrer letzten Kur einen Mann kennengelernt. Nach der Kur wurde er ihr zu anhänglich und sie verließ ihn. Seitdem hat sie den Eindruck, verfolgt zu werden. Ihre Freundin Nadine kann sich den Verfolgungswahn schon nicht mehr anhören, zumal Anna nie Beweise hat. Sobald sie jemanden dazuruft, sind alle Beweise verschwunden. Jemand müsste ihr permanent nachstellen. Bis zum fulminanten Finale weiß ich als Leserin auch nicht: Ist sie jetzt verrückt oder wird sie tatsächlich verfolgt?

 

Vom Zwielicht des Wunderlichen (von Ramona Paruszewski)

Die Ich-Erzählerin hat sich bei ihrer Kur mit einem Zwillingspaar angefreudet. Zurzeit ist leider Sendepause, was sie sehr wurmt. Dann wird eine Frau aufgefunden. Tot. Mit von einer Axt gespaltenem Schädel. Die Reaktion der Ich-Erzählerin kommt mir ein wenig zu dünn vor. Wäre die einzige vernünftige Reaktion nicht, in Panik abzureisen? Oder zumindest daran zu denken? Es kommt noch ärger. Die Idee ist zwar originell, aber ich kann den Gefühlen der Ich-Erzählerin nicht ganz folgen. Ihr Verhalten nimmt mich nicht mit.

 

Ein zutiefst dankbarer Mann (Caroline Fink)

Hm. An einigen Stellen habe ich überlegt: Weiß die Autorin, wie es ist, ein Kind zu haben? EIn paar Dinge haben gut gepasst, einige andere haben mich dann doch gewundert. Ein Neugeborenes, das direkt nach der Geburt zurücklächelt. Einen Siebenjährigen nachts alleine lassen (wenn auch aus echter alternativloser Not heraus). Dass man den Ex nicht auf Unterhalt verklagt. Das erschien mir unwahrscheinlich.

Anderes klang hingegen authentisch. Ich bin unentschlossen. Ganz sicher bin ich, dass ich einem Urlaubsflirt nicht nach wenigen Tagen mein Kind überlassen würde, um einen Ausflug zu machen. Egal, wie müde ich wäre. Und ich weiß, wie müde man sein kann. Ich hatte mit einer ähnlichen Pointe gerechnet, wenn auch nicht haargenau mit dieser. Die Geschichte war solide geschrieben und hat mich gut bei der Stange gehalten, außerdem wollte ich wissen, ob ich mit meiner Vermutung recht hatte.

 

Der Schatten der Vergangenheit (von Hannelore Futschek)

Eine der längeren Geschichten im Buch. Erstaunlich rund, mit dem Schluss hatte ich nicht mehr gerechnet. Die Protagonistin, knapp 50, hatte vor zwei Jahren einen Unfall. Eine Geisterfahrerin hat einen Unfall versursacht, der ihr immer noch zu schaffen macht. Die Geisterfahrerin ist gestorben. Die Protagonistin macht nun eine Kur aufgrund ihrer Beschwerden. Sonst kennt sie nur ihre Arbeit, hat kaum private Kontakte. Im Zug schon lernt sie eine ältere Dame mit rosa Haaren kennen, die ebenfalls unterwegs zum Kurort ist.

Am Kurort gibt es dann allerlei Wendungen und Action, die mich zwischenzeitlich von meinen Ideen zu der rosa Dame ablenken, die ich schon ziemlich früh hatte. Dann fügt sich am Ende alles wunderschön passend zusammen.

Stellenweise waren die Nebenhandlungen mit den Betrügern und Ehebrechern witzig. Die vielen Figuren waren aber auch ein wenig verwirrend.

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