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Cockpitgespräche - Anthologie der Textgemeinschaft

Harte Fakten

Titel Cockpitgespräche
Herausgeberin Textgemeinschaft.de
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 80
Anzahl Geschichten 12

Inhalt

Diese schmale Anthologie habe ich in einem Rutsch durchgelesen. Ich gebe diesmal meinen Gesamteindruck wieder und rezensiere nicht Story für Story. Aus meiner ganz persönlichen Sicht unterscheidet sich die Qualität der Stories diesmal stärker als ich es von der Textgemeinschaft gewohnt bin - außerdem habe ich hier selber eine Geschichte platziert (Crash Test Annies letzter Flug).

 

Im Vorfeld habe ich für meine eigene Kurzgeschichte viel recherchiert und seitenlange E-Mails mit meinem Onkel geschrieben, einem pensionierten Piloten. Er schärfte mir ein, stets "erster Offizier" zu sagen/ zu schreiben, niemals Copilot. Aber Copilot scheint einfach so verbreitet zu sein, dass es wohl nicht mehr wegzukriegen ist. Außerdem erklärte er mir das recht komplizierte Prozedere, das dazu führen kann, dass der erste Offizier der eigentlich erfahrenere Pilot ist. Dies hängt (zumindest bei amerikanischen Airlines) damit zusammen, wer die längste Zeit bei der Airline arbeitet - nicht auf die Berufsjahre insgesamt. In vielen Stories ist der erste Offizier deutlich unerfahrener als der Kapitän, manchmal kommt es mir sogar so vor, als wäre jener das erste Mal in einem Cockpit - und dafür gibt es ja schon eine sehr umfangreiche Ausbildung.

 

Außerdem ist seit 9/11 das Prozedere sehr kompliziert, wie überhaupt jemand ins Cockpit gelangen kann. Prüfen, wer vor der Tür steht und einer von den beiden Piloten zieht sich eine Gasmaske an. Mein Onkel räumte aber ein, dass ich es so genau wohl nicht beschreiben müsse, ein wenig literarische Freiheit sei erlaubt. So handhabt es auch Joe Hill in "Flug und Angst" und auch der hatte sich von einem Piloten beraten lassen. Ein paar Dinge in einigen Geschichten erschienen mir etwas wenig wahrscheinlich oder sogar unmöglich. Teilweise wird da recht unbedacht in und aus dem Cockpit spaziert, in den meisten Geschichten gibt es aber immerhin einen Code, den man zum Betreten benötigt.

 

Es wimmelt jedenfalls von guten oder witzigen Ideen in der Anthologie und es gibt auch ein paar starke Pointen und sehr gute Dialoge. Schade, dass fast alle Piloten Männer sind - nur selten gibt es auch eine Frau im Cockpit und dann wird auch noch betont, dass sie ja nicht "Saftschubse" hatte werden wollen. So sieht zwar die Realität aus - nur 5% der Piloten sind Frauen - aber es wäre trotzdem schön gewesen, wir (hauptsächlich Autorinnen) hätten es in unseren eigenen Geschichten anders dargestellt.

 

Da hat ein Pilot mit der Frau des anderen geschlafen: wieder und immer wieder. Es kommt zum Kampf im Cockpit und zu einer herrlichen Abschlussszene.

Woanders ist es dann doch kein Cockpit, sondern eine Theaterbühne oder ein Kinderzimmer.

Dann eine alternative Idee, was damals mit dem Flugzeug geschehen sein könnte, das auf dem Weg nach Düsseldorf gegen die Alpen geknallt ist.

Am besten hat mir persönlich die Geschichte "El Alemán" gefallen. Spielt in den Fünfzigern in Südamerika, hat mindestens einen sehr witzigen Moment und echte Spannung. Da beraten sich die beiden Männer im Cockpit auf eine sehr gewitzte Art und Weise, um ihr Schicksal zum Guten zu wenden. Inklusive Schlusspointe, die in dieser Anthologie leider nicht selbstverständlich ist.

 

Eins muss ich noch loswerden:

In diesen Flugzeugen will ich wirklich nicht sitzen. In mehr als einer Story schläft mindestens der erste Offizier ein. In einem Fall verlässt der Kapitän sogar das Cockpit und lässt den ersten Offizier trotzdem schlafen.

Einmal bekommt der Kapitän einen Herzinfarkt und der erste Offizier wirkt fast so, als sei er noch nie ein Flugzeug geflogen. Ich gehe mal davon aus, dass der erste Offizier das genausogut können muss wie der Kapitän. Sollte es anders sein, stelle ich umgehend das Fliegen in Flugzeugen ein.

Woanders wird sich im Cockpit so sehr geprügelt, dass man die Instrumente verstellt.

Offenbar kann der Autopilot auch einfach so ausfallen.

Neue Maschinen sind fehleranfällig und es kann auch schon mal ein Triebwerk ausfallen. Das kommt vor. Man kann ja immer noch notlanden, alles kein Problem.

Da quält man sich durch die als hart bezeichnete Ausbilung, wechselt dann aber trotzdem den Beruf, ohne weiter darüber nachzudenken.

Erholungspausen zwischen den Flügen sind oftmals so kurz, dass den Piloten die Augen ständig zufallen.

Ich weiß, das ist alles Fiktion. Hier kann ich nur sagen: Zum Glück!

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Kothe (Mittwoch, 30 September 2020 11:17)

    Liebe Yvonne,
    danke für diese Rezension, die sich erfrischend flüssig liest und die Du erfreulich schnell nach dem Erscheinen der Anthologie verfasst hast. Als einer der Autoren in der Sammlung spreche ich Dir gern ein Lob aus, denn die Aufgabe "Worüber unterhalten sich Piloten während des Fluges?" schien mir selbst so lange schwierig, bis ich eine Handlung gestaltet hatte und damit dem Gespräch einen Sinn geben konnte. Dass Deine Zusammenfassung so leichtfüßig daherkommt, ist daher nicht selbstverständlich. Die Recherche für Deinen eigenen Beitrag zahlt sich nun auch bei Deiner Beurteilung aus, denn sie gibt der Realitätsprüfung bei diesem entweder recht techniklastig oder aber vom Fliegen abschweifend umsetzbaren Thema die fachlich fundierte Basis. Deine Rezension macht mich neugierig auf das ganze Buch. Vielleicht gerade wegen der von Dir festgestellten Fiktion in manchen Geschichten?
    Beste Grüße
    Michael