Die Zeuginnen von Margret Atwood

Harte Fakten

Titel Die Zeuginnen 
Autor*in Margret Atwood 
Erscheinungsjahr 2019 
Seitenzahl 576 

Inhalt

Klar, "Der Report der Magd" ist als Dystopie nahezu unschlagbar. Gerade weil erst nach und nach enthüllt wird: Was für eine Welt es ist, in der sich die Ich-Erzählerin herumschlagen muss. Wie es dazu gekommen ist? Dadurch hat der Roman einen sehr hohen Reiz, vor allem die erste Hälfte.

 

Dieses Pulver ist also verschossen, daher geht "Die Zeuginnen" einen anderen Weg. Gilead kennen wir Leser*innen ja nun, also wird das gar nicht groß verschleiert. Hier wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt, so erzählt, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie Gilead wieder zu Fall gebracht werden könnte. Es sind drei Ich-Erzählerinnen, die sich in Persönlichkeit und Situation vor allem anfangs sehr unterscheiden. 

 

Die kanadische Teenagerin Daisy, die Gilead und ihre Geschichte sehr von außen betrachtet, aus vermeintlich sicherer Position von außerhalb. Dann aber jagt jemand ihre Eltern in die Luft und es stellt sich heraus, dass ihre Eltern Widerstandskämpfer von Mayday waren, einer Untergrundorganisation, die gegen Gilead agiert. Auch wenn ich Daisys Geschichte schon erahne, längst bevor sie enthüllt wird, bleibt ihre Perspektive spannend und ihre persönliche Rolle im Roman spitzt sich mehr und mehr zu.

 

Ein weiteres junges Mädchen erzählt, diesmal eine Tochter aus gutem Hause in Gilead. Ihre Position erscheint zunächst attraktiv, beschützt von ihrer Mutter, verwöhnt von den drei Marthas und mit guten Freundinnen in der Schule. Dann jedoch verstirbt die Mutter, eine Stiefmutter kommt ins Haus. Bald kommt ein neues Baby und sie beginnt zu stören und soll verheiratet werden. Mit einem einflussreichen Kommandanten, von dem wir Leser*innen aus der dritten Perspektive bereits wissen, welchen gruseligen Verschleiß an jungen Ehefrauen er hat. 

 

Die dritte Perspektive, fast überraschend, ist Lady Lydia, die einflussreichste Tante, die bereits aus Band 1 bekannt ist, wenn auch dort nur als Nebenfigur. Wir lesen nicht nur über ihre Gegenwart, sondern auch, wie aus einer normalen Richterin im Land (ich nehme an, USA) eine Tante in Gilead geworden ist. Ich frage mich oft: Hätte auch ich so gehandelt? Soll ich Lydia bewundern? Zumindest ein wenig Anerkennung muss ich ihr doch zollen, wem hätte es denn genutzt, wenn sie ein Märtyrertod gestorben wäre anstatt sich zurückzuziehen wie eine Klingonin und ihre Rache gekonnt kalt serviert.

 

Vor allem die ersten drei Viertel des Romans sind unsagbar spannend, obwohl bestimmte Dinge ein wenig vorhersehbar sind. Vielleicht lese ich auch einfach zu viel seit diesem Juni und bin inzwischen mit dem siebten Sinn für Plots ausgestattet, jedenfalls ist das etwas, das ich auch bei anderen Romanen bemerke, die ich lese. 

 

Am Ende musste ich dann doch ein wenig heulen. Es lohnt sich doch sehr, diesen Roman nicht lange nach "Der Report der Magd" zu lesen, so befriedigend ist das Ende dann.

 

Ich habe mir gleich eine Handvoll weiterer Bücher der Autorin empfehlen lassen, auch wenn es aus der Welt von Gilead jetzt nichts mehr gibt. Das ist auch ok, Gilead habe ich nun ausreichend erkundet.

 

Über die Autorin

Hier verweise ich doch gern auf das tolle Portrait von Judith C. Vogt bei Tor Online.

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