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Little Fires Everywhere von Celeste Ng

Harte Fakten

Titel Little Fires everywhere 
Autor*in Celeste Ng 
Erscheinungsjahr 2017 
Seitenzahl 400 

Inhalt

Ich hatte hier zunächst die Miniserie gelesen, im Anschluss das Buch gekauft und das wenige Monate später gelesen. Das Buch bietet noch mehr als die Serie und unterscheidet sich in einigen Punkten (siehe unten). Beides ist sehr zu empfehlen.

 

Es spielt 1997, als ich selber gerade Abitur machte, also ist es quasi ein Ausflug in die Vergangenheit. Nur dass die Lebenswirklichkeit der Teenager in diesem Roman sehr amerikanisch ist, was aber allmählich ja auch aus anderen Romanen und vor allem Serien und Filmen bekannt ist.

 

Die Hauptrollen spielen hier die Teenager. Die vier Richardson-Kinder -

Lexie, 18

Trip, 16 oder 17

Moody, 15

Izzy, 14

stammen aus sehr wohlhabendem Haus. Vor allem Lexie und Trip werden als recht "shallow" dargestellt, das aber in beiden Fällen im Laufe des Romans relativiert wird. Izzy wird als rebellisch dargestellt. Interessant ist, dass in zunächst nur über Izzy gesprochen wird und es einige Kapitel dauert, bis wir ihr endlich persönlich begegnen. Fast ein wenig wie bei Kapitän Ahab. 

 

Die Ereignisse werden in Gang gesetzt, indem die alleinerziehende Mia mit ihrer Tochter Pearl (15) in die Doppelhaushälfte einziehen, die die Richardsons vermieten. Moody schließt Freundschaft mit Pearl und die beiden werden sehr eng befreundet. Jedoch ist zumindest von Pearls Seite aus die Freundschaft rein platonisch. Sie fühlt sich eher zu Moodys Bruder Trip hingezogen.

 

Hauptkonflikt in dem Buch (wie auch in der Serie) ist die Frage, was eine gute Mutter ausmacht und was für ein Kind wichtiger ist: Liebe oder Wohlstand? Inwiefern ist es von Bedeutung, dass ein Kind bei der leiblichen Mutter aufwächst? Diese Frage wird von mehreren Seiten beleuchtet und die Charaktere des Buchs nehmen unterschiedliche Haltungen dazu ein. 

 

Hauptsächlich in Gang gesetzt wird diese Frage durch die chinesische Arbeitskollegin von Mia: Bebe. Sie musste ihr Kind, das damals nur sechs Wochen alt war, vor einer Feuerwehr aussetzen, da sie sich nicht um das Kind kümmern konnte. Es wird sehr eindringlich beschrieben, wie das Stillen nicht klappte, die Milch weg blieb, kein Geld für Flaschennahrung und Windeln mehr da war und was danach mit Bebe geschah. Es besteht kein Zweifel, dass es keinen anderen Ausweg für Bebe gab. Sie hat mit dieser Aktion ihrer Tochter sicherlich das Leben gerettet.

Der Staat übernahm die Pflege für das Kind und gab sie zu einem befreundeten Paar der Richardsons, den McCulloughs. Der Leidensweg der McCulloughs mit Fehlgeburten und dem Warten auf die Adoption wird ebenfalls sehr genau und empathisch beschrieben, außerdem die Hingabe, mit der sich vor allem die neue Mutter, Linda, im ersten Lebensjahr und die kleine Mae Ling - oder Mirabelle, wie sie nun heißt - gekümmert hat. 

 

Bebe erfährt durch einen Zufall und durch Mia, wo ihre Tochter nun ist. Bebe ist inzwischen gefestigt, hat einen Job und möchte ihre Tochter zurück. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren.

Dies spaltet sogar Familien. Für einige ist der Fall klar: Das Baby gehört zur leiblichen Mutter. Oder auch: Die leibliche Mutter hat versagt, das Baby hat es bei den McCulloughs besser. 

Einige wenige Figuren sich sich unsicher oder ändern gar ihre Meinung im Laufe des Romans. Dies wird sehr überzeugend dargestellt. Auch die Gründe, warum einige an ihrer Meinung so festhalten, sind sehr überzeugend.

 

Besonders hervorheben möchte ich die Passagen, in denen Mias Leidenschaft, die Fotographie, beschrieben wird. Es ist toll, wie die Autorin es hinkriegt, mittels Worten Fotographie zu beschreiben. Außerdem sehr gut und überzeugend dargestellt ist der Lernprozess. Wie Mia von einem guten Instinkt a la "It just feels right" eine Entwicklung durchmacht bis hin zu dem Wissen, warum gewisse Dinge funktionieren oder eben nicht. Wer selber Kunst macht (und sei es Schriftstellerei), kann da viel mitnehmen. Ich jedenfalls habe diese Kapitel ganz besonders genossen.

 

Natürlich gibt es auch zu diesem Buch Verrisse bei amazon - wenn auch auffällig wenige. Da wird angemerkt, die Charaktere seien zu flach. Dem kann ich nicht zustimmen. Außerdem, dass hauptsächlich die Mutter sich um die Kinder kümmert. Das sei altmodisch. Well - das mag altmodisch sein, trifft aber zu, oder? Im Falle der Richardsons arbeitet die Mutter immerhin, wenn auch deutlich weniger als der Vater. Selbst in Deutschland gibt es diese Tendenz. Hier wird einfach die Realität dargestellt. Im Falle der McCulloughs scheint Linda im ersten Lebensjahr des Babys daheim geblieben zu sein. Wenn man bedenkt, wie sehr und wie lange sie sich ein Kind gewünscht haben, ist das auch verständlich. Außerdem denke ich, dass auch das sehr verbreitet ist, auch hierzulande.

 

 

Wenn man wissen möchte, was nach der letzten Folge der Miniserie geschah, ist man hier mit den letzten fünfzig Seiten sehr glücklich. Da wird nämlich einiges enthüllt.

 

Andere gute Rezensionen finden sich übrigens hier - mit schön vielen Zitaten.

 

Über die Autorin

Celeste Ng stammt aus Pittsburgh. Ihre Eltern haben Wurzeln in Hongkong. Sie startete zunächst mit Kurzgeschichten und gewann Preise. Ihren ersten Roman Everything I never told you werde ich definitiv auch noch lesen. Little fires everywhere ist ihr zweiter Roman. Sie hat einen Sohn, ist also selber Mutter.

 

Unterschiede zur Serie (enthält Spoiler):

Vorsicht, ich muss spoilern, um die Unterschiede darzulegen! Wer Serie oder Buch noch lesen will, höre hier besser auf.

In der Serie wird es es dargestellt, als sei Mrs Richardson zu ihrer jüngsten Tochter Izzy so streng, weil sie eigentlich kein viertes Kind wollte. Das ist eigentlich echt grausam. Im Buch ist es so, dass sie Izzy durchaus wollten, unbedingt. Aber Izzy kam elf Wochen zu früh und Mrs Richardson wurde über mögliche Folgeschäden informiert. Das ist der Grund, warum sie Izzy so genau und so streng beobachtet. Sehr tragisch, zumal Izzy ganz gesund zu sein scheint.

 

Wer das Feuer gelegt hat unterscheidet sich ebenfalls. Im Buch ist es Izzy. In der Serie gibt zwar Izzy den Anstoß, aber eigentlich wird das Feuer von den anderen drei Kindern gelegt.

 

 

Im Buch hat Mia keine Affäre mit ihrer Dozentin Pauline. Pauline hat eine feste Partnerin namens Mal.

Das Foto zeigt nicht die schwangere Mia in der Badewanne, sondern Mia mit der nur Wochen alten Pearl. 

 

Lexi klaut nicht den Aufsatz von Pearl über den Mathekurs und ändert das Thema von Rassismus zu Sexismus. Pearl schreibt von sich aus einen Aufsatz für Lexi, hier erzählt sie das Märchen des Froschkönigs aus der Sicht des Frosches. Somit entfällt auch komplett der Konflikt mit Brian über dieses Thema.

 

Beim ersten Mal von Trip und Pearl kann Trip den Sex durchziehen, es wird auf andere Art und Weise gezeigt, dass es ihm etwas bedeutet.

 

Das Wichtigste: Zuerst dachte ich - hey das ist ja witzig, es wird ewig nicht erwähnt, dass Mia und Pearl Schwarz sind. Brian ist Schwarz, ja, das wird sofort klar als er das erste Mal erwähnt wird, und die Richardsons sind weiß. Doch über Mias und Pearls Farbe wird nichts gesagt, lediglich Augen und Haare werden als dunkel beschrieben und Pearls Haare als sehr lockig.

Aber nach circa der Hälfte des Buchs gibt sich Lexi als Pearls Schwester aus und spätestens da wird mir klar: Mia und Pearl sind im Buch weiß. Daher gibt es auch keinen versteckten Mikro-Rassismus.

 

Mir fehlt die Story mit Izzy und ihrer Freundin und der lesbischen Episode, die hatte mir in der Serie gut gefallen und wirkte sehr glaubwürdig.

 

Mia ist im Buch quasi asexuell, wahrscheinlich noch Jungfrau. In der Serie hat sie mehrere unterschiedliche Sexpartner beiden Geschlechts. Ich finde, die Asexualität passt besser zu ihr, weil sie so sehr in der Kunst aufgeht und in familiärer Liebe zu ihrem Bruder und ihrer Tochter.

 

Am Ende des Buchs erfährt man, dass die McCulloughs planen, ein chinesisches Kind zu adoptieren. Das nimmt mich ein wenig gegen sie ein. Ich verstehe zwar, dass sie ihren Kinderwunsch nach dem Verlust von Mirabelle nicht aufgeben, mir erscheint es aber so, als wollten sie ein Kind durch ein anderes austauschen. So erscheint es im Nachhinein richtig, dass Bebe letztendlich das Kind hat.

 

In der Serie wird nicht erwähnt, dass Bebe mit dem Kind nach China reist. So ist es natürlich klar, dass sie sie nicht finden würden. In den USA hätte man sie vermutlich längst wieder eingesackt.

 

Im Buch wird angedeutet, dass die Richardsons Izzy erfolglos suchen, über Jahre hinweg. Was erstaunlich, aber vermutlich möglich ist.   

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