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Talk, Talk von T. C. Boyle

Harte Fakten

Titel Talk, Talk
Autor T. C. Boyle
Erscheinungsjahr 2006
Seitenzahl 410

Inhalt

Die gehörlose Lehrerin Dana Halter und ihr Freund Bridger werden Opfer eines Identitätsdiebstahls. Frustriert von dem amerikanischen Rechtssystem und den "Mühen" der Polizei, den Fall zu klären, nehmen sie selber die Verfolgung auf. Eine Art Road Movie durch die USA beginnt.

 

Es fängt ziemlich gut an. Die Vorgeschichte von Dana und Bridger ist interessant, und wie Dana sich als gehörlose (aber keineswegs stumme) Frau durch die Welt schlägt, hat meinen Horizont ebenfalls definitiv erweitert. Boyle scheint sich sehr genau mit der Gebärdensprache und einigen Hintergrunddetails über das gehörlose Leben beschäftigt zu haben. 

 

Ich muss jedoch den recht zahlreichen schlechten Rezensionen bei Amazon zustimmen: Nach dem ersten Drittel verliert der Roman so einiges an Fahrt. Es wird langatmig. Teilweise sogar langweilig. Ich fliege über die Seiten, bis zu dem nicht sehr logischen, irgendwie unbefriedigendem Schluss. 

 

Der spannendste Moment war für mich der Moment, in dem Bridger eine Mahnung für eine Telefonrechnung sieht, die an seine Freundin Dana gerichtet ist - über eine Telefonnummer, die er nie gesehen hat. Er ruft diese an und es meldet sich der Betrüger, der seit Jahren Dana Halters Identität für sich selber benutzt. Das hat mich sehr gefesselt. Spannender wird es danach aber irgendwie nicht, obwohl sogar die Perspektive wechselt und wir einiges über den Betrüger, einen Mann, der als William Wilson geboren wurde und sich lange Peck nannte. Der wird ganz gut charakterisiert, an vielen Stellen scheint durch, was für ein egoistischer, wenig empathischer Kerl dieser ist. Als in einer Rückblende erzählt wird, wie es war, als seine große Liebe schwanger wurde. Plötzlich gab es keinen Sex mehr und sie jammerte über "eingebildete Schmerzen", wie er es nannte. Ziemlich guter Griff, um mich gegen diese Figur einzunehmen, und außerdem gut gemacht, denn: Er merkt nicht einmal selber, dass er ein Arsch ist, aber wir Leser*innen merken es. 

 

An solchen Stellen sehe ich, dass Boyle eigentlich ein echt guter Schriftsteller ist. Oder sein könnte. Hält er es nur nicht auf ein paar hundert Seiten durch? Sollte er einfach kürzere Romane schreiben?

Willkommen in Wellville war mir von Thema her fremd. Aber Talk, Talk behandelt ein Thema, das mich durchaus einige hundert Seiten hätte fesseln können. 

 

Im Anhang gibt es dann die Kurzgeschichte "La Conchita" und siehe da, da ist er wieder, der großartige T. C. Boyle. Eine wunderbare Kurzgeschichte über einen Mann, der beim Transport eines Spendeorgans von einem Erdrutsch daran gehindert wird, das Krankenhaus aus eigener Kraft rechtzeitig zu erreichen und außerdem in eine Rettungsaktion verwickelt wird. Hier ist Boyle ganz groß. Wie auch in einigen (wenn auch nicht allen) Kurzgeschichten in Sind wir nicht Menschen?.

 

Also, lese ich noch "Wassermusik" oder einen anderen Roman von Boyle, der angeblich gut ist - oder gönne ich mir nur hier und da mal eine Kurzgeschichte und halte mich mit seinen Romanen zurück? Vorerst jedenfalls mache ich eine längere Boyle-Pause.

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