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Geschichten ohne Strom herausgegeben von Markus Mattzick

Inhalt

Danke für das Rezensionsexemplar!

 

Nun habe ich den Roman "Ohne Strom" von Markus Mattzick bereits im Dezember gelesen und danach auch Blackout von Elsberg und One second after von Forstchen. Die üblichen Dinge, die nach einem Stromausfall passieren, sind mir also bekannt. Auch Postapokalypsen habe ich einige dutzend gelesen - für mich als Leserin reicht es also nicht, den Alltag in einer postapokalyptischen Welt zu schildern oder die ganz unmittelbaren Folgen eines Stromausfalls ohne eine Idee beizusteuern, die richtig neu oder zumindest neu beleuchtet ist. Daher werde ich mich in meiner Rezension mal auf die Ideen konzentrieren, die meiner bisherigen Lese-Erfahrung etwas hinzufügen.

 

Für Leute, die sich mit dem Thema Stromausfall noch gar nicht beschäftigt haben, würde ich zwar auch definitiv eher einen der drei oben genannten Romane empfehlen, als Einstieg in das Thema ist diese Anthologie auch geeignet. 

 

Entschuldigt, dass ich das Gedicht nicht rezensiere, ich kenne mich damit zu wenig aus und mache das daher nie.

 

Inhaltlich wichtig: Bei "Ohne Strom" gab es einen EMP, auch Notstromaggregate, Akkus und Batterien funktionieren daher nicht. Es gibt einfach null Strom!

Alle enthaltenden Geschichten

Krause-Blassl, Michael: Gedichte ohne Strom (Gedicht)

Nesseldreher, Andrea: Insel ohne Strom (Kindergeschichte)

Stein, Ella: Katharina oder Hotel ohne Strom (Beziehungsdrama)

Behrens, Tom U.: Der Schattenmann oder Aufzug ohne Strom (Thriller)

Beige, Tira: Verwegenheit ohne Strom (Erotik)

Mattzick, Markus: Schrei ohne Strom (Postapokalypse)

Mattzick, Markus: Herbst ohne Strom (Postapokalypse)

Mattzick, Markus: Weihnachten ohne Strom (Postapokalypse)

Huhn, Christina Marie: Stromlos am See oder See ohne Strom (Postapokalypse)

Hages, Judith: Heimweg ohne Strom (Postapokalypse)

AlphaLimaEchoXray: Tagebuch des Grauens oder Familie ohne Strom (Postapokalypse)

von Cracau, Nico: Allein ohne Strom (Horror)

Mattzick, Markus: Wanderschaft ohne Strom (Horror)

Rezensionen-Schlaglichter

Die Genre-Zuordnungen stehen so im Inhaltsverzeichnis.

 

Nesseldreher, Andrea: Insel ohne Strom (Kindergeschichte)

Interessant fand ich das Szenario zunächst auf der Fähre und danach auf der Insel. In Details sehr gut recherchiert - so legen beispielsweise auch Segelboote sonst mithilfe eines Motors an (hier gibt es ja gar keinen Strom, auch nicht in Akkus oder Batterien).

Die Geschichte selber schwimmt im Fahrwasser von Blytons Fünf Freunde und ich bin ganz eindeutig zu alt dafür. Später wäre es sicher sehr interessant (Insel-Postapokalypse) und nicht mehr kindgerecht geworden, aber die Story beschränkt sich auf den Tag der Katastrophe und den Tag danach. So bleibt es natürlich auch gut für Kinder geeignet und der Inhalt ist auch für die Zielgruppe sehr angemessen.

 

Stein, Ella: Katharina oder Hotel ohne Strom (Beziehungsdrama)

Die beiden Hauptfiguren sind sehr unsympathisch (sollen das auch sein, sind absichtlich so geschildert), die Perspektive war mir dann aber doch zu unangenehm. Ein Mann, der sehr fremdgeht und die Reaktion der Frau darauf war auch für mich etwas befremdlich.

Einige Ideen zum Thema Hotel ohne Strom sind toll. Der Aufzug ist klassisch, aber dass die Zimmer ohne Karten so gar nicht zu öffnen sind (auch nicht vom Facility Team o. ä.) - ist das wirklich so? Falls ja, schlage ich vor, das mal zu überdenken!

 

Behrens, Tom U.: Der Schattenmann oder Aufzug ohne Strom (Thriller)

Die Idee ist sehr schön! Ein Mörder möchte sein Opfer im Aufzug töten und dieser Aufzug bleibt dann stecken. Wir als Lesende wissen ja, das Szenario ist nicht so, dass der Strom gleich wieder da ist, es wird also gut Spannung aufgebaut. Der Konflikt ist super, der Mörder in Spe weiß ja nicht, dass der Strom auch weg bleiben wird. Soll er sie töten? Ein bisschen ungünstig, wenn sie dann nachher gemeinsam aus dem Aufzug gerettet werden.

Es folgen zwei Twists:

Twist 1: Damit das passt, hätte die personale Perspektive (ich erfahre ja die Gedanken des Erzählers) vorher die ganze Zeit lügen müssen. Ist das denn eine gültige Erzählweise, den Erzähler derart lügen zu lassen? Ja, es gibt so etwas wie einen unzuverlässigen Erzähler, das hier erscheint mir aber eine Nummer härter.

Twist 2: Dieser Twist wurde meines Erachtens nicht gut vorbereitet und kam daher für mich aus dem Nichts. 

 

Beige, Tira: Verwegenheit ohne Strom (Erotik)

Mit dem Genre kenne ich mich gar nicht aus. Ich mochte den Respekt, den die beiden Figuren sich stets entgegenbrachten. Das war auch schön geschildert. Der Stromausfall ist hier eher eine Nebensache gegen Ende.

 

Mattzick, Markus: Schrei ohne Strom (Postapokalypse)

Mattzick, Markus: Herbst ohne Strom (Postapokalypse)

Mattzick, Markus: Weihnachten ohne Strom (Postapokalypse)

Das sind drei sehr kurze Schlaglichter aus der Welt des Romans Ohne Strom, mit aus dem Roman bekannten Figuren. Eher weniger Kurzgeschichte, vielleicht mehr Teaser aus einem Fortsetzungsroman? Als Szenen in einem Roman würden diese jedenfalls für mich alle drei sehr gut funktionieren, als Schlaglichter in dieser Anthologie verweise ich stattdessen eher auf die Kurzgeschichte des Autors am Ende des Bands.

 

Huhn, Christina Marie: Stromlos am See oder See ohne Strom (Postapokalypse)

Ich denke, diese Geschichte hätte sehr gewonnen, wenn sie anders erzählt worden wäre. Mir ist bewusst, dass narratives Erzählen oftmals der richtige Weg ist, hier hätte ich aber weniger Inhalt und diesen dafür szenischer aufbereitet bevorzugt. Wenn die Katastrophen, die durch den Stromausfall geschehen, einfach nur aufgelistet werden - Mutter samt Baby bei Geburt verstorben, vierjähriger Junge  Blinddarmentzündung nicht überlebt - nimmt es mich nicht in einer Weise mit, die möglich gewesen wäre, wenn dies für mich erlebbar gemacht worden wäre. Zumal solche Dinge in Postapokalypsen (Blinddarm ist quasi der Klassiker, gab es schon bei The Stand von Stephen King) Gang und Gäbe sind.  Ja, solche Dinge drohen uns, wenn der Strom ausfällt. Ein Rückfall ins Mittelalter - schlimmer noch, da unser Leben nicht darauf ausgelegt ist - droht uns dann. Inhaltlich ist das richtig, ich hätte es nur lieber anders gezeigt bekommen. Für Leute, die in diesem Thema total neu sind, ist diese Geschichte dann möglicherweise beklemmender.

 

Hages, Judith: Heimweg ohne Strom (Postapokalypse)

Ein erstes Highlight für mich. Das ist eine Geschichte, die alles hat, was eine Kurzgeschichte benötigt: Eine Figur, die lebt und atmet, ein paar Konflikte, die solide aufgelöst werden und sogar einen klaren Schluss.

Zwar weiß die Figur ein bisschen zu viel - sie kommt recht rasch darauf, dass es sich um einen EMP handelt. Das würde ich nur, wenn ich zufällig vorher einen Roman dazu gelesen habe. Es gibt ein paar schöne Details zum Stadtarchiv (die Autorin arbeitet in einem Stadtarchiv) und die Auswirkungen auf siebenhundert Jahre alte Dokumente, wenn die Klimaanlage ausfällt.

Die Protagonist ist in ebenjenem Archiv, als der Strom ausfällt und will nach Hause. Das dauert sonst eine Stunde mit dem Auto. Sie macht sich zu Fuß auf den Weg, findet aber recht bald ein verunglücktes Auto, die Mutter am Steuer stirbt. Nach viel Hin und Her (recht glaubwürdig, übrigens) rettet die Protagonistin das etwa vierjährige Kind auf dem Rücksitz. Die Autorin hatte wohl auch schon mal mit Kindern zu tun, das Kind benimmt sich auch sehr authentisch. Leider wohnt es in der Stadt, sie kehren also zurück. 

Da hat sich die Lage inzwischen verändert. Der Twist am Ende sitzt.

 

AlphaLimaEchoXray: Tagebuch des Grauens oder Familie ohne Strom (Postapokalypse)

Ich glaube, das funktioniert dann doch bei twitter besser. Die Welt hier unterscheidet sich etwas von dem totalen Stromausfall, Akkus und Batterien funktionieren, mal hier mal da gibt es wieder Strom. Besser die Tweets bei twitter verfolgen. Der Account ist richtig gut, das kann ein reines Abdrucken hier nicht vermitteln.

 

von Cracau, Nico: Allein ohne Strom (Horror)

Ganz klarer Horror. Nach einem etwas generischem Anfang kommt dann die eigentliche Story: Die Hauptfigur Mathilda steckt im Fahrstuhl, auf dem Weg zur Pathologie. 

Hübsch ist, dass der Herausgeber Markus hier erwähnt wird, die Geschichte spielt an seinem Geburtstag und auch sein Roman wird erwähnt. Wehe, es fällt wirklich am 30. April 2022 der Strom aus!

Nun steckt Mathilda also im Fahrstuhl, zunächst noch mit Licht (weil sie Knicklichtstäbe für die Geburtstagsparty dabei hat, das hat mit Strom nichts zu tun), dann aber irgendwann im Dunkeln und mit Leiche.

Irgendwann bekommt sie Hunger.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich komplett mit der Handlung mitgehe, zwar gibt es hier durchaus die eine oder andere Komponente (wie, dass Mathilda nach und nach den Verstand verliert, in der Situation verständlich), sowie der wachsende Hunger, aber so richtig hat es mich dann doch nicht überzeugt.

Am Ende wird es dann doch richtig gut - sofern man auf wirklich ekelhaften Horror steht - und dankenswerterweise traut sich der Autor einige wirklich übe Szenen zu schildern. Plus einer absolut glaubwürdigen und guten Pointe.

 

Mattzick, Markus: Wanderschaft ohne Strom (Horror)

Das Beste kommt zum Schluss! Toller Crossover von Postapokalypse und Horror mit klarer Handlung, zwingendem Plot und wirklich guter und auch überzeugender Pointe. 

Die Horror-Komponente kommt schon durch die Bedrohung durch die Hunde. Schrecken und auch Trauer der Hauptperson werden gekonnt geschildert. Die Begegnung mit anderen Menschen erscheint dann zunächst erleichternd: Endlich Hilfe!

Hier kommt dann eine gute (und auch irgendwie subtile) B-Story. Klar, Hunde sind letztendlich Tiere und handeln so, wie sie eben müssen, wenn sie überleben wollen. Aber auch Menschen sind letztendlich Tiere und handeln entsprechend, wenn das Überleben auf dem Spiel steht. Das fühlt sich dann aber irgendwie ganz anders an. Hier sehe ich dann auch eine klare SF-Komponente.

Wie bin ich zu dem Buch gekommen?

Ich habe zu dem Herausgeber schon seit mindestens Dezember 2021 via twitter Kontakt und er hat mir von der Anthologie erzählt. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach Kurzgeschichten, die ggf. für den DSFP relevant sein können, das sind hier auch eine Handvoll. Die versuche ich möglichst alle zu lesen.

Literatur - Gesetzt oder Geschmack?

Ein paar Dinge sind mir hier beim Lesen in mehreren Geschichten aufgefallen und ich glaube, es ist schöner, wenn ich das etwas allgemeiner schildere.

 

Erstens: Das direkte Vermitteln von Informationen

In vielen Texten ist es gelungen, den Hauptfiguren ein Gesicht, eine Geschichte und einen Hintergrund zu geben, bevor die Katastrophe passiert. In recht vielen Fällen wird diese Information jedoch sehr direkt vermittelt. Es wird nicht gezeigt, was für eine Person es ist, so dass ich als Leserin das selber schlussfolgern kann. Es wird mir einfach erzählt. Erzählen ist natürlich auch eine gültige Form der Literatur, es ist nur für manche (ich gehöre dazu!) weniger spannend und weniger interessant. Ich hätte es in vielen Fällen schöner gefunden, wenn in den Texten andere Wege gefunden worden wären, mir die Figuren zu zeigen.

 

Zweitens: Die Sache mit der Pointe

Eine Kurzgeschichte muss keine Pointe haben. Besser wäre es. Einen klaren Schluss aber muss sie meiner Meinung  nach haben. Heimweg ohne Strom hat einen klaren Schluss, das ist total in Ordnung für mich. Wanderschaft ohne Strom und Allein ohne Strom haben einen Schlusspointe, sogar sehr gute, das ist sogar besser.

Aufzug ohne Strom hat zwar eine Pointe, die mich jedoch nicht überzeugt hat.

Die Kindergeschichte hat auch einen klaren Schluss.

Viele der anderen Geschichten enden irgendwie einfach so. Das ist nicht das, was ich mir unter einer Kurzgeschichte vorstelle.

 

Diese Dinge sind nicht zwingend gesetzt. Ich lerne mehr und mehr, wie viel davon auch Geschmack ist. Daher versuche ich so gut wie möglich zu begründen, was ich meine, so können Lesende dieser Rezension für sich selber schauen, ob sie das stören würde und mein Feedback entsprechend behandeln.

Rezeption

Erscheinungstag - da war niemand schneller, oder? Aber postet gern eure Links in die Kommentare, sobald ihr es gelesen und rezensiert habt.

Harte Fakten

Titel Geschichten ohne Strom 
herausgegeben von Markus Mattzick 
Rezensionsexemplar ja, danke dafür! 
Erscheinungsjahr 2022 
Seitenzahl 212 
Anzahl Geschichten 13 
Original Twitter Tweet https://twitter.com/Rezensionsnerd1/status/1520287371891249152 
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