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phantastisch - Seit 20 Jahren Magazin für Science Fiction, Fantasy & Horror #78

Kurzgeschichten

Vor mehr als zehn Jahren hatte ich die phantastisch! abonniert und in guter Erinnerung behalten. Als ich das Magazin im "Handbuch für Autorinnen und Autoren" fand, war ich begeistert, ja, dorthin würde ich meine beste Phantastik-Kurzgeschichte schicken, in der Hoffnung auf Veröffentlichung.

 

Allerdings gibt es pro Jahr vier Ausgaben mit jeweils nur zwei Kurzgeschichten. Theoretisch hat man als komplett unbekannte Autorin zwar eine Chance, aber praktisch ist schon die Emailadresse zurzeit nicht benutzbar: Meine Email an die Redaktion zu einem völlig anderen Thema kam nicht durch, weil das Postfach voll war. Selbstverständlich kann das auch andere Gründe haben, ich vermute aber, hoffnungsvolle Autor*innen mit Textvorschlägen könnten daran nicht ganz unschuldig sein. Nun gut. Dann bleibt das eben vorläufig eines meiner Ziele, bis dahin werde ich weiterüben und die phantastisch! einfach nur lesen und rezensieren.

 

Die beiden Kurzgeschichten in #78 stammen von Autoren, die bereits einen Namen haben. Thomas Kodnar mit der Geschichte "Hotelwände" habe ich mit großem Interesse verfolgt, immerhin ist er wie ich großer Fan von Stephen King. Das sich wiederholende "Tack" aus den Hotelwänden könnte in der Tat auch von King sein. Ich erinnere mich an zwei Geschichten von King (und seinem Pseudonym Bachmann), in dem etwas ähnliches vorkam, wenn es auch dort "Tak" hieß. Ist das also eine Hommage an eine der beiden Geschichten oder nur Zufall? Jedenfalls gibt es sonst keine Paralellen, die mir aufgefallen wären.

Ein paar mehr Adjektive als nötig gewesen wären, sonst ist die Geschichte schlüssig aufgebaut, nur der Schluss will mir nicht einleuchten.

 

Marraks Pilz von Markus K. Korb hat eine Pointe, die ich sehr wertgeschätzt habe. Schade nur, dass die Geschichte nur eine Seite hat. Er hätte mich auch gern etwas weiter auf die Folter spannen können was es mit dem Pilz hinter Marraks neuem Haus auf sich hatte. (Darf man eigentlich in Rezensionen so etwas wie "auf die Folter spannen" schreiben, oder sollte ich Klischeesprache auch hier vermeiden? :-) )

Rezensionen und Interviews zu aktuellen Büchern

In die Rezensionen der phantastisch! könnte ich mich reinsetzen, 200 Euro (oder 2000?) bei Thalia ausgeben und mich ein paar Tage in einen Zeitriß setzen, unerreichbar für meinen Arbeitgeber oder meine Familie und einfach mal lesen. Da aber sowohl Geld als auch Zeit begrenzt sind, habe ich nicht alle Rezensionen gelesen. Ein Buch habe ich mir mittlerweile aufgrund der Rezensionen gekauft und sicher folgen noch drei bis vier weitere.

 

Ganz besonders interessant fand ich die Rezi zu Jonathan Lethem "Glückspilz", das ist doch tatsächlich mal eine Kurzgeschichtensammlung. Oder "Fuchs 8" von George Saunders, der als "der kleine Prinz des 21. Jahrhunderts" bezeichnet wird. "Hinter den Gesichtern" habe ich gekauft und gelesen, dazu mehr in meiner Rezi.

 

Die Ausgabe bietet eine ausführliche Rezension zu den Wayfarer Romanen von Becky Chambers.

 

Es folgt ein Interview mit dem New Yorker Rob Hart, der kürzlich den dystopischen Roman "Der Store" veröffentlicht hat. Wer sich vor amazon gruselt, sollte da mal hineinschauen. Der Store liefert mittels Drohnenschwärmen, beschäftigt 30 Millionen Mitarbeiter*innen und lässt diese in riesigen Wohnanlagen für Mitarbeiter*innen wohnen.

 

Beim Lesen des Artikels über Arkady Martine und ihren Debütroman "Im Herzen des Imperiums" und des Interviews mit der Autorin wurde mir klar, dass ich keine meiner Phantastik-Geschichten an die Öffentlichkeit loslassen werde, bevor ich mich genauestens in der jeweiligen Welt oder mit den jeweiligen Kräften auskennen werde.

Ihre Liebe zu Science Fiction und die Leidenschaft, mit der sie sich ins Schreiben und Erschaffen der Welt gestürzt hat, ist geradezu ansteckend. Eine Sache hat sie gesagt, die ich sehr überzeugend finde: "Ich schrieb einfach, worüber ich wollte - Architektur, Poesie, Ästhetik, Diplomatie. Ich war auf erfreuliche Weise überrascht, dass das anscheinden bedeutete, etwas geschrieben zu haben, das auch viele andere Menschen mögen. Also: Vergesst Marktfähigkeit. Der einzige Weg, so viele Wörter gut zu Papier zu bringen, ist der, genau das zu schreiben, was man schreiben will, selbst wenn das endlose Beschreibungen von Architektur und Kleidung und Essen, Dichterwettstreite und hyper-innenpolitische Erwägungen sind".

Artikel rund um phantastische Themen

Ich lese zwar keine Comics mehr, seit "The Walking Dead" im letzten Jahr zum Abschluss gekommen ist. Trotzdem habe ich den Artikel über Mahmud Asrar, den neuen Conan-Zeichner ist, sehr genossen. Es muss ein cooles Gefühl sein, plötzlich in die Fußstapfen seiner eigenen Kindheits- und Jugendidole zu treten und ihnen gerecht zu werden und dennoch seinen eigenen Stil zu finden und zu halten. Das kam in dem Interview sehr gut zur Geltung.

 

Besonders spannend: Hard Science Fiction von Arthur C. Clarke in Folge 6 der Streifzüge durch die Welt der literarischen Science Fiction von Matthias Hofmann. Clarke ist einer der "Big Three" der englischsprachigen Science Fiction, gemeinsam mit Isaac Asimov und Robert A. Heinlein. Der Autor des Artikels hat sich hierfür eigens erstmalig mit den Werken Clarkes auseinandergesetzt, was dem Ganzen noch mal einen extra Schuss Charme gibt. Mich persönlich fasziniert ja der "wissenschaftliche" Teil bei Hard Science Fiction, die sich dadurch auszeichnet, dass die technischen Details der fiktiven Welt ganz besonders gut durchdacht sind und die Naturwissenschaften eine große Rolle spielen. Clarke gilt als Visionär des 21. Jahrhunderts und sein Roman "die letzte Genereation" liest sich laut Hofmann auch nach siebzig Jahren noch überraschend aktuell.

 

Leslie Klinger verfasst Sekundärliteratur und hat sich beispielsweise sehr genau schon mit Sherlock Holmes, Frankenstein und Dracula auseinandergesetzt. Sonja Stöhr hat ihn interviewt. Wenn man ihn fragt, ob Sherlock jetzt real oder fiktiv ist, antwortet er stets: Ja.

Er arbeitet als Jurist in Vollzeit, nutzt also seine Abende und Wochenende für die Recherche und das Schreiben seiner Werke.

 

Außerdem gibt es noch:

  • Einen Artikel über den Memoranda Verlag und Hardy Kettlitz (von Horst Illmer)
  • Überblick über einige Serien, wie "Dracula" (2020), Les Vampires (1915/16), The Mandalorian (2019) und Picard (2020)
  • Über das "Descender"-Sequel "Ascender" von Jeff Lemire und Dustin Nyguyen
  • Ein Artikel über das Fantasy Film Fest 2020
  • Phantastische Filme und die Fantasie der Filmverwerter: The Limits of Control (mit Bildern von fiesen Kinofilmcovern)

Nachrufe

Sehr gerührt hat mich der ausführliche Nachruf auf Christopher Tolkien, den Sohn J. R. R. Tolkiens, der seit dessen Tod seine Werke herausgibt. Ich hatte nicht gewusst, wie früh Christopher Tolkien bereits begonnen hatte, seinen Vater bei der Herausgabe von dessen Werken zu unterstützen und auch nicht, dass die Karten von Mittelerde in der Regel von ihm stammten und nicht von seinem Vater.

 

Es gibt außerdem einen ausführlichen Nachruf auf Horst Illmer (1930 - 2019). Er hat viel für den Playboy illustriert, ein paar sind abgedruckt, ich musste bei einigen laut lachen.

 

Klaus N. Frick hat einen Nachruf auf Rolf Bingenheimer verfasst. Zudem gibt es zu Beginn der Ausgabe Nachrufe auf kürzlich verstorbene Autor*innen wie Gudrun Pausewang.

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