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Quarber Merkur

Inhalt: schwere Literaturwissenschaft und coole Trivia

300 geballte Seiten Wissen, Reflektion und Literatur zu und über Phantastik und Science Fiction mit einem Schuss Fantasy.

Ein Kenner der Szene warnte mich, es sei sehr intellektuell und nicht immer verständlich. Da hatte ich bereits den ersten Artikel gefunden, an dem ich mir die Zähne ausgebissen hatte und war erleichtert: Offenbar geht es nicht nur mir so.

Doch nicht in allen Artikeln wird mit Begriffen geschmissen, die ich aus den wenigen Literaturwissenschaftskursen der Universität längst wieder vergessen habe.

Vorwort (Franz Rottensteiner)

Von dem hatte ich ja schon in der Arcana gelesen. Dort hatte ich überhaupt von der Quarber Merkur erfahren. Rottensteiner erlaubt sich nach 120 Ausgaben einen Rückblick und beschreibt, inwiefern sich die Science Fiction Welt seitdem verändert hat. Ich habe zwar in den Neunzigern mal zum Rollenspielfandom gehört, mich seitdem aber eher selten mit Sekundärliteratur beschäftigt hat. Daher für eine Anfängerin wie mich ein guter Überblick.

 

Rottensteiner bemängelt, dass es im Buchhandel und bei Verlagen mehr und mehr um Zahlen geht - ein Gedanken, der auch sich auch in späteren Stellen dieses Magazins widerspiegelt.

Um Zahlen, aber weniger um Geschmack, schon gar nicht um den persönlichen Geschmack von Buchhändler*innen oder Verlagslektor*innen.

Trotzdem sei es immer noch so, dass sich noch immer auch mal etwas durchsetzt, dass gar nicht groß beworben wurde, durch die Kraft der Mundpropaganda. Oder umgekehrt, trotz aller Werbung und Bemühungen das Werk floppt.

Das politische Unbewusste (Sophie Holzberger)

Dies ist der zweite Teil des Aufsatzes. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es mir geholfen hätte, hätte ich den ersten auch gekannt.

 

Die Autorin untersucht folgende drei Filme:

Simulacron -3 (1964)

Welt am Draht (Fassbinder) (1973)

The Matrix (1999)

 

Erschwert wird mir natürlich, dass ich lediglich den letztgenannten Film gesehen habe. Die Filme von 1964 und 1973 waren vor meiner Zeit und ich habe sie nie nachgeholt.

 

Ein paar Dinge habe ich dennoch mitgenommen, die mir vorher nicht aufgefallen waren, wohl auch, weil ich "The Matrix" nie auf Englisch gesehen habe. Das Anagram von "Neo" und the "one" zum Beispiel.

 

Dann wimmelt es in dem Aufsatz allerdings auch von Sätzen, die sich mir nicht erschließen, hier ein Beispiel:

"In dieser Zwischenposition verortet sich der Simulationsdiskurs, der hier aufgerufen wird, genau in der Mitte zwischen Verschwinden und Erstellung."

Dazu kommen Begriffe wie Hermeneutik, Dichotomie, immanent - seit ungefähr 2007 habe ich nichts mehr gelesen, das solcher Begriffe bedarf. Trotzdem, das gebe ich zu, ein bisschen Sinn schwingt für mich trotzdem mit, das Meiste ergibt sich dann aus dem Zusammenhang.

 

Besonders interessant fand ich die Analyse der weiblichen Hauptrolle in den Filmen, speziell Trinity in "The Matrix" und ihre Entwicklung neben dem männlichen Helden, vor allem in Abgrenzung zu diesem, im Falle von "The Matrix", in Abgrenzung von Neos wachsenden Fähigkeiten.

 

Spätestens beim Primär- und Sekundärliteraturverzeichnis wird dann auch klar, dass hier schon eher ein Aufsatz vorliegt, der in der Liga eines wissenschaftlichen Papers spielt. Außerhalb meines eigenen beruflichen Feldes dürfte es mir wohl grundsätzlich schwerfallen, hunderprozentig folgen zu können. Allerdings ist dies in dieser Ausgabe auch schon der wissenschaftlichste Artikel.

SF in der lettischen Literatur (Barbala Simsone)

Der Überblick über die lettische Science Fiction ist in normaler Sprache geschrieben, außerdem sehr unterhaltsam und informativ.

Die Anfänge waren sehr stockend, an einigen frühe Werken bezeichnet lässt die Autorin nicht wirklich ein gutes Haar, z. B.: "...in künstlerischer Hinsicht mangelt es [dem Roman] an allem".

 

In der lettischen Literatur waren die Grenzen zwischen Fantasy und Science Fiction anfangs noch unscharf. Außerdem beeinflusste die Sowjetherrschaft lange, was veröffentlicht und übersetzt wurde. Werke von z. B. Ray Bradbury und Stanislaw Lem waren auch dort weit verbreitet.

 

Richtig cool wurde es erst in den letzten zehn Jahren. Schon lesen sich die Themen der SF-Werke viel spannender und die Inhaltsangaben machen Lust auf die Bücher. Nutzlos für mich, da nichts in englischer oder deutscher Übersetzung vorliegt. Schade. Der Artikel ist dennoch sehr spannend und zudem behandelt er ein Thema, über das ich mich normalerweise nicht aktiv informiert hätte.

Die wunderbare Welt des Wadim Schefner (Franz Rottensteiner)

Einer meiner Lieblingsartikel. Natürlich kannte ich den russischen Autor Wadim Schefner (1914-2002) nicht und einiges von ihm ist recht leicht auf deutsch oder englisch zu bekommen. Ich habe mir sogar sogleich "Bescheidene Genies" gekauft und werde es mir alsbald vornehmen.

 

Die Zusammenfassungen einiger Werke und der Überblick über sein Schaffen war einfach so liebevoll zusammengestellt und beschrieben, dass ich gleich Lust bekommen habe, mir selbst ein Bild zu machen und meinen Horizont zu erweitern. Russische Phantastik habe ich schließlich noch nicht gelesen.

 

Seine Protagonisten werden als bescheiden und grundgut beschrieben, die die Welt naiv betrachten, für die es aber dennoch nicht unbedingt schlecht ausgeht. Hier ein Zitat von K. Iwoleit, das Rottensteiner ebenfalls in seinem Artikel nutzt:

"...ein genial begabter Tüftler von schlichtem, bescheidenem Wesen macht eine revolutionäre Entdeckung, die bald die Welt verändern wird, doch seine innerste Triebfeder ist nicht die Hoffnung auf Ruhm und Reichtum, sondern eine unerfüllte Herzensangelegenheit, häufig eine Jugendliebe, mit der [er] nach einigem Hin und Her schließlich doch zusammenfindet".

BRUGES-LA-MORTE oder das Scheitern des Fantastischen (Didier Coste)

Es geht um "das tote Brügge" von Georges Rodenbach. 1892 erstmalig erschienen, wurde es seither dreimal ins Deutsche übersetzt.

Hugues Viane lebte zehn Jahre mit der Frau seiner Träume zusammen. Sie starb. Er rettete ihren Haarzopf aus ihrem Grab und bewahrt diesen fortan in einem Zimmer auf, in dem er ihr gedenkt.

Gruseliges Detail: Haare werden als weder tot noch lebendig bezeichnet: "Der Fetisch Hugues', dem Leichnam die Haare zu entnehmen, besteht genau darin, dass etwas, da es weder ganz lebendig ist noch sterben wird, vom Tod verschont und unberührt bleibt, weil er diesem seinen Stempel nicht aufdrücken kann."

Er beginnt dann schließlich eine Liasion mit einer Dame, die seiner Frau ähnlich sieht und letztendlich nicht ähnlich genug. Es endet tragisch. Der Artikel spoilert mehr, allerdings dürfte der Stoff Kenner*innen auch bekannt sein.

Brügge spielt als Kulisse eine große Rolle und in der Originalausgabe, sowie auch in späteren Auflagen, die etwas auf sich halten, sind Fotos der Schauplätze vorhanden.

Ganz Kind des späten 20. Jahrhunderts kannte ich höchstens einen Film mit Brendan Gleeson, der in Brügge spielt, aber dieser hat nichts mit diesem Roman zu tun, jedenfalls gibt meine Recherche dazu nichts her.

Eine Geschichte der deutschen SF (Karlheinz Steinmüller)

Dies ist eine längere Rezension des Buchs von Hans Esselborn "Die Erfindung der Zukunft in der Literatur". Laut des Rezensenten fehlte es bisher an einem Überblick zu diesem Thema, dass den Ansprüchen der Literaturwissenschaft genügen würde. Er stellt SF in einen europäischen Zusammenhang und erwähnt auch Mary Shelley und Jules Verne.

In Deutschland ging es dann mit Kurt Laßwitz her, den weiter unten bei den Rezensionen auch erwähnten Oskar Hoffmann und geht dann weiter mit Atlantis (1925) von Hans Dominik.

Das digitale Grauen. Zum Einfluss Lovecrafts in Computerspielen (Marcel Schmutzler)

Recht zu Beginn erwähnt Schmutzler das Pen-und-Paper-Rollenspiel Cthulhu. Damit hat er mich am Haken. Wie schön, dass ich hier keinen Chefredakteur hat, der mir nachher alles kürzen kann, was nichts zur Sache tut. Das ist ja mein Blog hier. Also mal kurz zu etwas fast völlig anderem:

 

Mein erster Kontakt zu Lovecraft war nämlich das Pen-und-Paper-Rollenspiel Cthulhu.

 

Als meine Freundin und ich circa 17 waren, wollten wir gern bei der Rollenspielgruppe an unserer Schule mitmachen. Diese war nicht von der Schule organisiert, man wusste einfach, dass "diese langhaarigen Bombenleger" die Rollenspieler waren. Nicht wenige von ihnen waren außerdem sehr attraktiv.

 

Als wir uns allerdings mit der Frage an sie wendeten, ob wir bei ihren Rollenspielrunden mitmachen können, war die Reaktion recht durchwachsen. Ein Junge namens Michael fragte uns sofort "Könnt ihr kochen?".

 

Ihn ignorierte ich und hörte stattdessen seinem Freund Kai zu, der uns sehr ernsthaft ein wenig vorbildete, indem er uns erklärte, wir müssten wenigstens den Hobbit von Tolkien gelesen haben. Er sah tatsächlich sehr aufrichtig dabei aus.

Als ich es mir dann später in der Schulbibliothek allerdings anschaute, war ich erst misstrauisch.

Wieso sollte ich erstmal ein Kinderbuch lesen?

Hatte er mich etwa doch veräppelt? Ich las das Buch nach einigem Zaudern dann doch und hörte auf an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Meine Freundin sprang ab, ich aber wandte mich erneut an Kai.

 

Einige andere Mitschüler (alles Jungs) wollten auch mitmachen, so machten sie zwei neue Runden auf. Meine erste Runde war dann aber nicht bei Kai, sondern bei einem anderen Spielleiter namens Jan. Er spielte mit uns Neuen gleich Cthulhu. Ich war natürlich begeistert, fasziniert und verstand kein Wort. In den ersten paar Stunden kamen wir natürlich noch nicht sehr weit in dem Abenteuer.

 

Als Kai beim nächsten Treffen übernahm, schimpfte er auf Jan, wie könne man nur mit solchen Anfänger*innen gleich Cthulhu spielen? Er wollte uns mit DSA allmählich einführen. Unnötig zu sagen, nachdem wir einmal mit Cthulhu Blut geleckt hatten war uns DSA zu langweilig, so stieg er um auf Kult.

 

Ich betrieb Rollenspiel später recht ernsthaft und machte irgendwann sogar bei Kais und Alexanders Fanzine Argentinum Astrum mit.

Bei einem Rollenspiel-Con spielte ich dann nochmals Cthulhu, mein Charakter war weiblich, was sich als schwerer Fehler herausstellte. Als ich meinen männlichen Mitspielern mit irgendwelchen Bedenken zu sehr auf die Nerven ging, sagte der eine zum anderen: "Es ist 1920, oder? Haben Frauen da überhaupt schon was zu melden? Ignoriere sie einfach".

Gelesen habe ich Lovecraft nie. Mal schauen, ob ich mich da mal heranwage, wenn ich mich etwas ausgebildeter fühle.

Zurück zum Artikel nach dieser langen Ausschweifung, die mein nicht vorhandener Chefredakteur nicht kürzen kann.

 

Schmutzler erwähnt zwar Pen-und-Paper-Rollenspiele, sein Hauptaugenmerk liegt aber auf Computerspielen. Da mich Computerspiele deutlich weniger interessieren, habe ich mir nur die Einleitung und die Zusammenfassung des ersten durchgelesen. Es ist Wahnsinn, wie viele Stempel Lovecraft der Welt der Spiele aufgedrückt hat. Der Artikel hat 60 Seiten und ist locker der dickste in dem Magazin.

Es geschieht morgen (A. Nilogow spricht mit W. Borissow)

Es geht um russische Literatur, aber längst nicht nur. Zwei Dinge haben mich nachhaltig beeindruckt:

 

Überlegungen zu einem qualifizierten Leser. Der russische Schriftsteller Boris Strugatzki hat hier mal eine Analogie zum Essen gezogen. Für den qualifizierten Leser ist ein Buch nicht nur eine einfache Mahlzeit, sondern ein "kompliziertes Nukett aus Genuss und Geschmack". Ich schäme mich ein wenig und frage mich, was ich eigentlich seit 1984, eigentlich gelesen habe, wenn ich so wenig von dem kenne, was hier so erwähnt wird. Für die letzten sechs Jahre kann ich das dank E-Reader gut nachvollziehen, die Bücher von früher habe ich fast alle verkauft und verschenkt, zu viel umgezogen. Nun, ich werde mich bemühen, hier nachzuholen. Immerhin, kochen kann ich ja.

 

Dann eine Stelle, die mich sehr nachdenklich gemacht hat und die ich hier zitieren möchte:

"Betrüblich ist, dass sich die Verleger von heute auf der Jagd nach Profit praktisch ganz von der Veröffentlichung problemorienter Bücher abgewandt haben [...] Und ich fürchte, dass sie damit am eigenene Ast sägen. Denn so einem Leser ist es ja egal, womit er sich beschäftigt, und neben Büchern gibt es eine Menge anderer Zerstreuungen - Videoserien, Computerspiele, bald auch schon echte virtuelle Realität..."

 

Ist das wirklich so? Es mag sein, dass der Autor zu Recht das Gefühl hat, es gäbe weniger tiefgründige Bücher. Das kann ich absolut nicht beurteilen. Aber ein Videospiel oder eine Netflix-Serie ist ja nicht immer und überall eine Alternative zum Buch. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, stehen mir all diese Möglichkeiten frei. Doch was ist tagsüber in der Mittagspause in der Sonne? Während der Bahnfahrt? An der Bushaltestelle?

Weitere Artikel in der Quarber Merkur

Außerdem gibt es folgende Artikel in der Ausgabe 120:

 

Die alte Welt bei Lovecraft und Tolkien, ein Interview mit Prof. Dr. David Engels

 

Alternative Zukünfte: Ein Blick auf die Science-Fiction in Südasien (Dennis Mombauer)

In Südasien wohnt fast ein Viertel der Menschheit. Uff. Dabei sind das nur acht Länder, zu denen auch Indien gehört. SF in Südasien, das ist ein Thema, über das ich bisher gar nichts wusste.

Immerhin tauchte die erste SF dort schon 1835 auf. Zwar nach Mary Shelley, aber vor Jules Verne. Bis vor dem ersten Weltkrieg war SF-mäßig ganz schön was los, dann folgte aufgrund der Kriege, Hungersnöte und dem Kampf um die Unabhängigkeit leider eine Pause.

Seit den 1980ern geht es aber wieder munter weiter, rund zwei Dutzend Autor*innen sind inzwischen auch international bekannt. Praktisch ist hier auch, dass viele auf Englisch schreiben. Klarer Vorteil, denkt man an einen Beitrag weiter vorn im Magazin über die lettische SF, die ich mir persönlich schwerlich reinziehen kann, da ich kein lettisch kann.

 

Besuche auf Tahiti: Die Entdeckung und Zerstörung der Utopie im Vorfeld der Französischen Revolution (Andreas Heyer)

Rezensionen: Gute Tipps und herrliche Verrisse

So fabelhaft schon einige der Artikel in dem Magazin waren, wegen der Rezensionen würde ich die 9 Euro für die Quarber Merkur immer ausgeben.  Ich erwähne hier nicht alle Rezensionen, nur jeden, die mir am besten in Erinnerung blieben.

 

Die erste Rezension ist "Nachdenken über Game of Thrones" von Jan Söffner. Da hätte ich ja fast schon aufgrund des Titels losgekauft, wäre da nicht diese Rezension. Enscheidung des Autors: Nicht spoilern! So bleiben seine Betrachtungen zwangsläufig allgemein und es ist nie klar, auf was oder auf wen er seine Überlegungen bezieht. Dann im Fazit noch ein Hinweis auf das mangelhafte Lektorat und die unkorrigierten Tippfehler sowie im Nichts endende Sätze. Uff. Na das ist aber schade, Sekundärliteratur zu dieser Serie (egal ob Buch oder Film, kenne beides) hätte mir sonst gut gefallen.

 

Direkt auf diese Rezension, die ja sehr bemängelt, dass der Autor nicht spoilern möchte, folgt eine Rezension von Franz Rottensteiner, die kaum spoilerreicher sein könnte. Ein herrlicher Verriss der Werke des chinesischen Autors Cixin Liu. Dieser hat neunmal den Galaxy-Award gewonnen und 2015 den Hugo-Award für den besten Science-Fiction Roman. Man möchte also meinen, er hätte etwas auf dem Kasten. Nun, laut Rottensteiner hat er das nicht. Und da er sich nicht scheut, uns vorn und hinten zu spoilern, kann er das auch sehr gut belegen.

Witzig, wenn man ein wenig bei wikipedia stöbert, stellt man fest, dass Barack Obama und Mark Zuckerberg Fans von Cixin Lius Werken ist. Dieser Verriss liest sich so unterhaltsam, nun möchte ich zwar keinesfalls mit meiner wenigen Lesezeit, die ich habe ein Buch oder auch nur eine Kurzgeschichte von Liu lesen, aber die Rezension kann ich wärmstens empfehlen. Ich möchte hier gern ein paar Kostproben aus der Rezension geben:

 

"Warum der chinesische Autor Cixin Liu so populär ist, ist eines der großen Rätsel der gegenwärtigen SF."

 

"...die kosmologischen Ideen des Autors sind auch ziemlich abstrus. Und was erzählt wird, wird vor allem in Form langweiliger Aufzählungen und Aneinanderreihung von lahmen Abenteuern, die keine richtige Spannung aufkommen lassen, präsentiert."

 

"Die Handlung der Geschichte wirkt ziemlich schwachsinnig, ..."

 

Und im Fazit: "Von der gegenwärtigen SF heben sich diese Geschichten ab, aber selten zu ihrem Vorteil; sie wirken jedoch so fremdartig in ihren Gedankengängen, dass sie in ihrer merkwürdigen Logik an den Surrealismus erinnern. Manche Idee verwendet der Autor, leicht abgewandelt, mehrmals."

 

Rottensteiner bemängelt unter anderen auch, dass der Autor bei sich selber klaut, seine Ideen also recycelt, zum Beispiel der Gedanke, die Menschen in Australien konzentrieren zu wollen (O-Ton-Rottensteiner: "der Autor hat anscheinden eine Vorliebe dafür, Australien in ein KZ zu verwandeln"). Ich bewundere Rottensteiner dann doch für sein Durchhaltevermögen, immerhin rezensiert er nicht nur ein Werk des Autors, sondern gleich mehrere. Die Rezension zu schreiben mag spaßig gewesen sein, aber vorher musste er ja auch hunderte von Seiten lesen, die nach eigener Angabe selten spannend waren.

Rottensteiner stellt die Werke nebeneinander, vergleicht sie, hebt sie voneinander ab, welches ist besonders poetisch, welches am modernsten. Zudem fasst er an vielen Stellen die Handlung zusammen, was ein Heidenspaß ist, vor allem wenn der Kenner der Science Fiction und Phantastik einräumt, dass es die Idee schon an einer anderen Stelle gegeben haben mag.

 

Die "Science Fiction 2018" klingt interessant, kostet allerdings um die 20 Euro und ist nicht als eBook verfügbar. Klar, 600 Seiten prall gefüllter Inhalt - aber da warte ich erstmal ab und wühle mich durch die gefühlt dreißig Zeitschriften und Bücher, die ich aufgrund gelesener Rezensionen in den letzten zwei Wochen bestellt habe.

 

Der Briefwechsel zwischem Lem und dem Journalisten Remuszko liegt nur auf polnisch vor und nur in einer Auflage von 50. Selbst wenn ich wollte, ich käme also an die Ausgabe nur schwerlich heran. Die Geschichte des Briefwechsel und auch die Geschichte dazu, wie es ja nun recht spät zu der Veröffentlichung kam liest sich sehr interessant. Wenn auch Lem dabei nicht unbedingt immer in einem sonnigen Licht erstrahlt.

 

"Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel" von Erik A. Andara vom White Train Verlag klingt insofern interessant, dass der Verlag sich zum Ziel gesetzt hat, der deutschsprachigen Phantastik zu "neuer Blüte" zu verhelfen. Allerdings ist das Werk nicht einmal mehr bei amazon verfügbar, das würde mich als Autor*in dann doch echt ärgern, dabei ist das Werk erst vor zwei Jahren erschienen. Beim Stöbern habe ich allerdings herausgefunden, dass der Verlag noch eine Phantastik-Zeitschrift ("Magazin für angewandte Fantastik") herausgibt, die ich mir bezeiten mal genauer ansehen werde.

 

Der Moloch von Michael K. Iwoleit klang dann so deprimierend-dystopisch (auch wenn es wohl Hoffnungsschimmer gibt und von einer klischeefreien Liebesgeschichte die Rede ist), dass ich mir das bestenfalls nach dem Abstillen geben kann. Eine Kindersterblichkeit von 60% würde ich zurzeit nervlich nicht aushalten, auch nicht fiktiv.

 

"Children of Blood and Bone" von Tomi Adeyemi  wird als 600seitige Liebeserklärung an Afrika bezeichnet. Die Autorin ist erst 1993 geboren. Klingt spannend und intelligent und ist schon auf meiner Thalia-Merkliste.

 

Das Werk des 2001 verstorbenen Horror-Autors Richard Laymon wird zwar unter anderem von Stephen King angepriesen (mein Lieblingsautor, ich oute mich mal), trotzdem muss ich hier wahrscheinlich passen, jedenfalls vorerst. Zwar klingt das alles originell, vor allem die Sache mit dem Vampir, jedoch wird gesagt, dass hier die Charaktere flach bleiben und gerade starke Charaktere sind es ja, die ich beim Lesen begleiten will.

 

"Lovecraft Country" von Matt Ruff habe ich hingegen gekauft, und das, obwohl ich kein großer Lovecraft-Fan bin. Laut des Rezensenten Matthias Schmid gibt es knackige Dialoge, der Autor schreibt klar und die Geschichte verbindet "Lovecrafts Pandömonium" mit den "realen Abgründe[n] der Jim-Crow-Ära". Das streng aus der Sicht der Schwarzen und so, dass anfangs das Übernatürliche stets noch anders erklärbar wäre, bis es sich letztendlich doch noch zuzieht. Na da bin ich doch dabei. Das ist ja genau das, was ich an vielen Stephen-King-Romanen liebe: Wenn im ersten Viertel des Buchs noch nicht ganz klar ist, ob es sich nun um Vampire handelt oder einfach nur ein paar wirklich verrückte Zufälle umhergehen.

 

"Die fremde Welt, Mars-Roman aus dem Jahre 1913" von Hoffmann wird rezensiert von Franz Rottensteiner und spätestens jetzt bin ich Fan und hätte gern mal ein Live-Interview mit dem Mann. Da muss ich zwar wahrscheinlich noch ein paar tausend Bücher lesen, damit er mich ernst nimmt, aber das ist es mir wert.

Der Herausgeber Detlef Münch hat den Kurzroman zusammengestellt, der ursprünglich in einer Tageszeitung  unter dem Namen "Otto Hoffmann" erschienen ist. Als Autor nennt er Oskar Hoffmann, jemanden, der zwischen 1902 und 1911 veröffentlichte und auch bis 1926 gelebt hat, also theoretisch der Autor des Werks sein könnte. Rottensteiner geht auf den Inhalt und den Stil des Kurzromans ein und webt immer wieder Hinweise auf den Stil des Oskar Hoffmann ein, dem Münch diesen Roman zuschreibt. Am Ende wird er dann doch sehr deutlich:

"Der ganze Roman befindet sich auf einem viel höheren Erzählniveau, als man es Oskar Hoffmann zutrauen wurde. [] ...passt so gar nicht zu Oskar Hoffmann, der kaum fähig scheint, sich mit subtilen Andeutungen zu begnügen, ansttt alles breit und banal zu erklären Ich glaube nie und nimmer, dass Oskar Hoffmann diesen Roman geschrieben hat."

Um solche Rezensionen schreiben zu können, muss man sich wohl doch ein paar Jahrzehnte mit dem Genre auseinandergesetzt haben. Mannomann, Hut ab!

Fazit: Hohe Ausbeute an Wissen und Unterhaltung

Zugegeben, bei zwei Artikeln reichte meine Bildung nicht aus, ihnen komplett zu folgen. Zwei weitere habe ich aus Mangel an Interesse nicht zu Ende gelesen. Doch sonst habe ich jedes Wort genossen und zwar sehr. Obwohl spät entdeckt - geradezu peinlich spät und über seltsame Umwege, man fragt sich, was ich eigentlich in den letztens 30 Jahren getrieben habe - bin ich jetzt schon ein Fan der Quarber Merkur und sicherlich nun regelmäßige Leserin. Leider ist Rottensteiner (*1942) nicht mehr so ganz der Jüngste, und mir ist völlig unklar, ob jemand das Ruder übernehmen würde, wenn er eines Tages beschließt sich zur Ruhe zu setzen. Nun, mir Spätentdeckerin bleiben ja noch die 119 vorherigen Ausgaben, die es für durchschnittlich 3,50€ bei eBay gibt.

Trivia: Lange Historie des Quarber Merkur

Mittlerweile habe ich via eBay eine Ausgabe der Quarber Merkur von 1979 ersteigert. Hier wird bereits auf 17 Jahre Quarber Merkur zurückgeschaut und erklärt, was der Name eigentlich zu bedeuten hat. "Merkur" ist im Kontext der SF wohl nicht so verwunderlich, was aber soll ein "Quarber" sein?

"In früheren Zeiten erhellte sich das Mysterium sogleich aus der Postanschrift 'Quarb 38', aber mit der Umbenennung in eine farblose Felsenstraße wurde Quarb postalisch ausgetilgt und ist wohl endgültig zum Aussterben verurteilt".

Laut Rottensteiner hatte Quarb 1979 circa 24 Einwohner*innen.

Die Auflage hatte in den ersten 17 Jahren nie mehr als 300 Stück, im Mittel 200, manchmal sogar nur 25. Kaum zu glauben, professionell sieht es 1979 schon aus, keineswegs so wie einige Fanzines, die in den Neunzigern in irgendwelchen Tankstellen kopiert wurden und trotzdem eine Auflage von 500 hatten.

 

Sogar noch weiter zurück, nämlich vor das Entstehen der Quarker Merkur geht Klaus N. Frick in seinem Blogbeitrag vom Juni 2020. 1963 kündigte Rottensteiner in seinem Fanzine "Ecrasez L'Infame" an, bald den Quarker Merkur herausgeben zu wollen. Unillustriert. Mit so zwanzig Seiten im Durchschnitt. Na, da hat er aber tief gestapelt. Was daraus recht schnell wurde und immer noch ist, beachtenswert!

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