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Zwielicht # 15 - Horrormagazin

Harte Fakten

Titel Zwielicht #15 Horrormagazin 
Herausgeber Michael Schmidt, Achim Hildebrand
Erscheinungsjahr 2020 
Seitenzahl 256 
Anzahl Geschichten 12 

Inhalt

Fazit für Eilige

Die Zwielicht kann ich getrost empfehlen. Das ist nun die zweite Ausgabe, die ich mir einverleibt habe und die Geschichten haben wieder ein hohes Niveau. Die Artikel sagen mir diesmal von den Themen her mehr zu als bei der Ausgabe 14. Zwar grusele ich mich selten (was mir offenbar beim Lesen generell schwer fällt), aber die allermeisten Geschichten sind entweder spannend oder originell oder beides.

 

Ich persönlich wünschte mir, das Ebook gäbe es nicht nur bei amazon, da ich lieber auf dem Tolino lese. Ich sehe aber ein, dass dies einen organisatorischen Mehraufwand bedeutet. 

 

Einsendebedingungen

Email an Zwielicht_Magazin@defms.de. Deadline für Ausgabe 16 ist im März 2021. Genaue Einsendebedinungen siehe in der Rezi zu Ausgabe 14.

 

Heimatabend von Martin Schemm

(zum ersten Mal in einer Zwielicht-Ausgabe dabei)

Passend zu dem Aufsatz von Karin Reddemann am Ende der Zeitschrift schildert hier ein greiser Ich-Erzähler Ereignisse aus einer Nacht des Jahres 1911. Die Story spielt im Hamburger Raum. 

Eine Geistergeschichte mit ein paar überraschenden Momenten und ein paar sehr schön treffenden Details in der Beschreibung eines gerade verstorbenen Menschen. Da weiß jemand, wie frisch Verstorbene aussehen. 

 

Der vierte apokalyptische Reiter von Silke Brandt

(zum ersten Mal in einer Zwielicht-Ausgabe dabei)

Auch diese Kurzgeschichte spielt in der Vergangenheit, was man dem Stil auch anmerkt. Der leicht baltische Einschlag ist ebenfalls sehr angenehm, um den eigenen Erlebnishorizont beim Lesen zu erweitern.

Das ist nicht einfach nur eine ausgedachte Geschichte, da steckt einiges an Recherche dahinter, wie bereits beim Lesen, aber spätestens jedoch bei den drei Quellenangaben klar wird. Es geht um den Deutschen Ritterorden und die nordisch-baltischen Kreuzzüge dieses Ordens. Zwar sind die Figuren in dieser Geschichte fiktiv, nicht aber der grobe Ablauf der Ereignisse, um die die Geschichte sich rankt.

 

Nachtschalter von Tobias Lagemann

Der Ich-Erzähler arbeitet in einer Tankstelle am Nachtschalter. Da wenig Kundschaft kommt, vertreibt er sich die Zeit mit Lesen und, verbotenerweise, mit Radio. Eines Nachts kommt ein Mann an seinen Schalter, der darauf besteht, dass es diese Tankstelle nicht gibt und hierfür Beweise anführt. Der Ich-Erzähler erkundigt sich bei seiner Kollegin und seinem Chef und führt wiederum Beweise dafür an, dass es die Tanke schon seit 1963 gibt. Wer hat nun Recht? Und was ist hier eigentlich los?

Eine interessante Idee, dessen Auflösung mich recht bald brennend interessiert.

 

Rast der Kraniche von Holger Vos

Thema Regretting Motherhood. Der Ton ist gut getroffen. Beängstigend überzeugend. Es ist auch nicht (unbedingt) das Hauptthema, aber das, was mich am meisten an dieser Geschichte beeindruckt hat. Die Protagonistin unternimmt einen Ausflug mit ihrem Mann Oliver und ihren beiden Söhnen und hat null Spaß daran. Im Gegenteil, sie hadert mit ihrem gesamten Leben, sehnt sich nach ihrer Vergangenheit, in der sie frei und ungebunden war - und in Liebe zu Isabelle "Bel", die sie aber dann verließ, um ein konventionelles und heterosexuelles Leben zu leben. 

Ihr Mann nervt sie. Ihre Söhnen nerven sie. Sie will das alles nicht. Dann schließlich kommt die phantastische Komponente der Geschichte - man sollte immer aufpassen, was man sich wünscht. Der Schluss hat mich persönlich weniger überzeugt als die ersten drei Viertel, aber er trifft definitiv das Thema des Magazins. 

 

Der Pitch von Christophe Nicolas

(zum ersten Mal in einer Zwielicht-Ausgabe dabei)

Da vermute ich doch die Inspiration in den langen Monaten des Home Office, als wir bei wichtigen Zoom-und-co-Konferenzen auf eine tadellose Verbindung angewiesen waren. Die Protagonistin sitzt bei ihren Eltern und kämpft mit dem Router, der offenbar zu billig war und ständig neu gestartet werden muss. Dabei muss sie gleich bei einem Pitch mitmachen, der den entscheidenden Auftrag für ihre Firma an Land ziehen muss - sonst droht der Bankrott. Es geht also richtig um etwas. So überzeugt auch, was weiterhin geschieht. Als sie herausfindet, wonach es dem Router gelüstet und ihm gibt, was er verlangt, auch wenn das von ihr einen hohen Tribut erfordert. Eine sehr moderne kleine Horrorgeschichte, die perfekt ins Jahr 2020 passt.

 

Wohin der Grimm der Toten verschwindet von Dirk Ryll

(zum ersten Mal in einer Zwielicht-Ausgabe dabei)

Diese Geschichte wirft mehrere Fragen auf, die zum Teil beantwortet werden: Was geschieht nach dem Tod? kann der Tod sich für einen Film begeistern? Welche Zutat macht einen Film besonders gut?

Auf kürzestem Raum bietet die Geschichte sogar zwei sehr interessante Charaktere und zwei Handlungsstränge, deren Verknüpfung sich mir erst nach einigen Seiten erschließt. Atmosphärisch sehr dicht, stellenweise sehr phantasievoll und phantastisch, so dass es nicht ganz leicht ist, die Geschichte mal eben vor dem Abendessen zu lesen. Ein paar der Bilder, wie das in dem Kino, in dem es plötzlich sehr kalt wird, bleiben mir recht lange im Kopf.

 

Ansichtssache von Karin Reddemann

Theo ist alles andere als sympathisch. Was er mit der reichen Witwe plant, mit der er da angebandelt hat, ist in jeder Hinsicht böse und unmoralisch. Das ist keine Ansichtssache.

Diese Story ist, da Theo als Identifikationsfigur flach fällt, auf angenehme Art und Weise spannend und auch witzig und bietet außerdem eine wirklich gute Pointe.

Es geht um eine Séance ganz anderer Art - nur einer bestimmten Art von Menschen vorbehalten. Zu der Theo gehört - oder? Nun, das ist in der Tat Ansichtssache. Aber womöglich ist alles auch ganz anders? 

Einfach gut gemacht, dieser Plot. 

 

Das Ordnungsamt und das Hexenhaus von Vincent Voss

Warum ist diese Story zeitweise sogar richtig gruselig? Ich meine es zu wissen. Weil sie zwischendurch zwischen den Zeilen Dinge andeutet und subtil bleibt. Dabei bleibt es nicht (dabei bleibt es selten), aber so circa auf der Hälfte der Story riss ich beeindruckt die Augen auf. Ich denke, ich weiß nun, was mich gruselt und was nicht. Was für andere Menschen gilt, vermag ich natürlich nicht zu sagen. 

Alleine schon wegen dieser Erkenntnis hat sich diese Story für mich gelohnt. Sie ist auch sonst lesenswert, spannend, originell und richtig schön fies bis zur bitteren Pointe. Hier habe ich tatsächlich auch mit dem Protagonisten mitgefiebert und war auf seiner Seite, auch wenn er nicht immer moralisch einwandfrei handelt.

 

Verschränktes Schicksal von Martin Mächler

(zum ersten Mal in einer Zwielicht-Ausgabe dabei)

Nikola Tesla, sein Leben und Werk wird hier sehr frei und auch sehr originell und überzeugend interpretiert. Ich habe nach dem Lesen erst einmal nachgeschlagen, ob er tatsächlich eine Frau und eine Tochter hatte und wie diese hießen und gestorben sind - allerdings ist das alles frei erfunden.

In dieser Geschichte hat er eine Tochter, die Helen heißt. Die Mutter starb, als Helen fünf war. Als Helen zehn ist, geschieht ein unheimlicher Unfall bei den Experimenten von Tesla - ähnliche Unfälle und ähnliche Auswirkungen wiederholen sich an den anderen Stationen des Projekts. Tesla muss eine Entscheidung treffen. 

 

Stalagmiten von Arthur J. Burks

(Klassik-Abteilung)

Laut Einleitung werden Burks etwa sechshundert Geschichten nachgesagt. Er schrieb, um zu leben. Natürlich sind nicht alle seine Stories supergut - aber einige Kleinode sind durchaus dabei. Hier geht es um eine ganz besondere Art von Stalagmiten - die durchaus nicht leblos sind bzw. bleiben. Interessant fand ich auch, dass die Geschichte aus Sicht einer Frau, Hedda, erzählt wird.

 

Kleines Missverständnis von Ralph Williams

(Klassik-Abteilung)

Yeah. Mein absoluter Liebling in dieser Ausgabe. Schade, dass der Autor eher unbekannt ist (bzw. war) und wenig Horror schrieb. Diese Story stammt aus den Fünfzigern. 

Lebhaft geschrieben und ich fühle sofort mit dem Protagonisten Connor mit - der kann Flugreisen nicht sehr gut ab. Mit verstopften Ohren legt er sich im Hotel erst einmal ins Bett. Nach Mitternacht erwacht er - hungrig. Wo gibt es jetzt noch etwas zu essen? Als er sich beim Hotelangestellten erkundigt, versteht dieser ihn miss und schickt ihn an einen sehr speziellen Ort. Auch wenn ich Teile der Pointe früh ahne, ist es herrlich. Die letzte Seite ist so genial, ich habe sie mit Genuss zweimal gelesen.

 

H.S.H. von Algernon Blackwood

(Klassik-Abteilung, von 1917)

Die Story mit dem Monarchen Ludwig hat mich persönlich nicht so angesprochen. 

 

Sekundärliteratur

Es gibt zwei Artikel - "Teuflische Flüche, eine bitterböse Witwe und ein grausig ungesunder Schönheitssegen" von Karin Reddemann und "Unter dem Zeichen der Sanduhr: Betagte Protagonisten in der Dunklen Phantastik" von Silke Brandt. Außerdem: "Cultes des Ghoul..." von Niels-Gerrit Horz. Das ist eine sorgfältige Bibliographie des Autors August Derleth.

 

"Unter dem Zeichen der Sanduhr: Betagte Protagonisten in der Dunklen Phantastik" von Silke Brandt

Mir fällt da ja sofort Ralph Roberts aus "Schlaflos" von Stephen King ein. Ein wunderbarer, betagter Protagonist. Aber um den geht es hier in diesem Artikel nicht - da gibt es noch einige andere, auch aus viel älteren Geschichten, beispielsweise von E. A. Poe. (Aufgrund dieses Artikels habe ich mir übrigens sofort danach "das verräterische Herz" reingezogen.)

Es gibt einige extrem gute Gedanken in diesem Aufsatz, die auch sorgsam begründet und mit Beispielliteratur belegt werden:

  • Betagte Protagonist:innen sind mehr mit ihrem Innenleben beschäftigt, die Umgebung ist weniger relevant als für Jüngere
  • Ältere zweifeln an ihrer Wahrnehmung aufgrund von möglicher Demenz oder anderen Wahrnehmungsstörungen
  • Wir Leser:innen erwarten von älteren Figuren mehr Erfahrung und Abgeklärtheit. Wenn sie die Fassung verlieren, nimmt uns das mehr mit als bei jüngeren Figuren. Also gewinnt das Grauen an Verstörung für uns Leser:innen.

"Teuflische Flüche, eine bitterböse Witwe und ein grausig ungesunder Schönheitssegen" von Karin Reddemann

Prominentes Beispiel wäre "Thinner" von Stephen King (bzw. Richard Bachmann), das in diesem Artikel auch Erwähnung findet - sowie der Film "Der Tod steht ihr gut" (passend zum dritten Thema, das in der Überschrift genannt wird), das hier mal von einer ganz anderen Seite betrachtet wird und dann keineswegs mehr witzig ist. Sehr lesenswerter Artikel.

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