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Alien Contagium: Erstkontakt-Geschichten herausgegeben von Christoph Grimm

Inhalt

Vielen Dank an den Verlag und Chris Grimm für das Vorab-Rezensionsexemplar. Da ich meine nächsten Podcastfolge (Link folgt) zu der Anthologie plane, durfte ich die Anthologie noch vor der Veröffentlichung lesen.

 

Bei 23 Geschichten ist es fast nicht machbar, alle zu rezensieren, zumal natürlich nicht alle meinen Geschmack treffen. Einige hätten szenischer erzählt werden können (auch wenn mir bewusst ist, dass das nicht die einzig gültige Art ist, eine Geschichte zu erzählen), andere haben sich ein wenig am Stilmittel der Phrase überfressen. 

 

Einige (wenigen) Ideen kamen mir etwas zu bekannt vor, andere waren extrem frisch und gut.

 

Insgesamt ist es eine schöne Anthologie geworden, mit einigen bemerkenswerten Highlights, die Chancen auf meine Top-15 des Jahres haben werden und die ich im Dezember/Januar sicher erneut lesen werde.

 

Mal hier mal da lese ich einen großen Einfluss von Contact (Sagan) oder Geschichte deines Lebens (Chiang) heraus. Aber auch eine Spur Harrison. Es ist schön, dass einiges seine Vorbilder hatte und eine Hommage ist nichts schlechtes, sofern sie gut gemacht ist.

Zu einigen einzelnen Geschichten

Mir wurde ja gesagt, ich solle nicht nur loben. Ich denke aber auch, dass Kritik nur dann sinnvoll ist, wenn sie möglichst konkret ist, am besten sehr nah am Text und ohne Allgemeinplätze. Ich bemühe mich also, möglichst konkret zu benennen, was mir gefallen oder eben nicht gefallen hat. Das kostet viel Zeit und Mühe, daher bitte ich um Verständnis, dass ich eine Auswahl treffen musste. 

 

Maximilian Wust hat mit Objekt Eins eine wirklich gute Idee und einen schönen Plot geliefert. Ein unbekanntes Objekt wird im Weltraum gefunden und nähert sich der Sonne. Eines Tages wird es also in der Sonne verglühen - das ist nicht verhinderbar. Die Menschen untersuchen das Objekt und stellen Einschusslöcher fest. Eine tolle Leerstelle, die nicht erklärt wird und somit meine Phantasie anregt - danke dafür.

Es gelingt, eine Probe von dem Objekt zu nehmen (Besatzung findet man dort nicht), und jene Probe beginnt dann zu wachsen und sich nach einer recht schrägen Einmischung des Ich-Erzählers dann in etwas sehr konkretes zu verwandeln.

Nun habe ich gerade jüngst erst wieder darüber diskutiert, ob denn die szenische Art und Weise die einzig gute Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Ist sie selbstverständlich nicht. Aber diese Geschichte hätte meines Erachtens anders spannender erzählt werden können - hier besteht für mich Langeweilegefahr.

Hier erzählt jemand etwas rückblickend einer anderen Person (und es erzeugt durchaus Spannung, dass erst am Ende aufgedeckt wird, wem), dadurch ist es sehr wenig szenisch und eben narrativ zusammengefasst. Der Erzähler nimmt sich auch dabei sehr zurück. Es ist SF-Ideenliteratur ohne Möglichkeit für mich zur Identifikation. Ich hätte sie anders aufgebaut vermutlich mehr genossen. Ansonsten ist sie sprachlich und stilistisch sehr angenehm.

 

Bei Frank Lauenroths Der Digger und der Lukudur sollte man nicht den entscheidenden Satz kurz vor Schluss verpassen (wie ich beim ersten Lesen, aber ich hatte genug Zeit für einen zweiten Versuch). Erst die Wendung macht die Story wirklich erzählenswert. Immerhin, die Hommage auf Harrisons Stahlratte ist mir nicht entgangen. Es gibt auch einiges an Humor hier. Insgesamt ist sie eher kurz und pointiert und spielt in einem außerirdischen Gefängnis.

 

Manchmal schreibt jemand eine Story, die inhaltlich eigentlich nichts Neues bietet, aber gerade deswegen irgendwie befriedigend ist. Erin Lenaris hat mit Der Stein der Weisen so viele schöne Details geboten, dass ich das Lesen nur genießen konnte. Wie wäre es zum Beispiel mit "Ihre Gedanken ratterten wie die alten Rollläden ihres Lokals". Leider habe ich sonst auch hier oft im Phrasenregen gestanden. Sei's drum. Der Plot war befriedigend, gerade weil ich das Ende rasch erahnen konnte. Die Kneipen-Atmosphäre war durch geschickt platzierte Details gut getroffen.

 

Bei Sven Haupts Das Wichtigste könnte ich vorsichtig darauf hinweisen, dass es die Idee der Kommunikation mit Aliens in Form von Verstorbenen schon mal gegeben hat. Doch ich denke, das ist ihm bewusst und das ist auch nicht der Kernpunkt seiner Geschichte, die mit der Astronautin Hannah und dem kleinen Roboter Andy durchaus gut erinnerbare Figuren bietet.

Außerdem begrüße ich es, dass er sich wirklich tiefere Gedanken über Kommunikation mit Aliens gemacht hat, viele Storys in dieser Anthologie bieten mir dazu nämlich entweder nichts oder einfach einen nicht näher beschriebenen Decoder an. Eigentlich geht es hier um Bewahrung - was ist am Ende wirklich wichtig? Gelungene Botschaft zum Weiterdenken für mich.

 

Die vermutlich kürzeste Story in der Anthologie, Eine letzte Frage von Ralph Sander, ist sehr pointiert und zielgerichtet. Die Botschaft mag allzu klar sein, da sie aber nur im letzten Satz steckt und uns dann schon entlässt, finde ich das gelungen.

 

Ein sehr überraschendes Setting für eine Erstkontakt-Geschichte bietet mir Maximilian R. Herzig mit Das unentdeckte Land. 1821, hohe See. Ein vermeintlicher Dämon betritt das Schiff - stellt sich aber natürlich als Alien heraus. Ich war nicht unbedingt Fan von den Logbucheinträgen und Briefen, ansonsten hat der Autor hier aber den Stil der Literatur dieser Zeit sehr gut getroffen (das ist nicht selbstverständlich!) und bietet mir einige schöne Szenen. Besonders schön fand ich, dass man sich nach einem "Unfall" mit dem Alien auch um die medizinische Versorgung des Aliens bemüht. Es gibt sogar etwas leisen Humor, auch passend zum Setting. Am Ende verliert es für mich etwas an Fahrt, trotzdem ist es für mich eines der vier oder fünf Highlights der Anthologie. 

 

Ebenfalls ungewöhnlich, die Idee hinter Die neun Höllen von Tatjana Stöcker. Unterwasserhöhlen erforschen auf den Spuren der Maya meets Erstkontakt - das hat was. Einige tolle Ideen und Details, zwei gute Figuren (Lissa und ihr Tauchlehrer Rico) und ein fieses, aber gerade deswegen befriedigendes Ende. Mehr will ich gar nicht verraten, es macht Spaß, das selber zu entdecken.

 

Bei Renée Engels Noble Food gibt es gleich ein klar umrissenes Problem, was ich als Leserin sehr schätze. Ein Munkat ist eine Mischung zwischen Mungo und Katze und das muss mit auf eine Reise und im Raumschiff in einem Käfig transportiert werden. Aber wie kommt es dann plötzlich in den Frachtraum? Nicht nur, dass hier sehr rechtzeitig Spannung erzeugt wird, die Geschichte ist auch sprachlich auf einem guten Niveau (und phrasenfrei!).

 

Richtig gute SF bietet auch Galax Acheronian mit Antworten. Jannik lauscht beruflich ins All, seit Jahren. Natürlich passiert nie etwas und der Frust mehrt sich. Bis natürlich dann doch etwas passiert - aber ganz und gar nicht das Erhoffte!

Mal hier mal da wäre ein wenig mehr Extrapolation auf das Jahr 2047 nett gewesen (mir kam das alles ein wenig wie heute vor), doch die Idee und die Schlusspointe machen das wieder wett. Ich lese den Autor ja öfter und bemängele recht häufig Plakativität, das kann ich hier diesmal gar nicht finden, die Story habe ich sehr genossen.

 

Die Summe aller Teile von Chris Grimm offenbart ihre Bedeutung erst am Ende und auch eher subtil. Hier habe ich viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Akua lebt den letzten Tag ihres Lebens (und sie weiß, dass es ihr letzter ist) und kommuniziert mit Copy, für die die zeitliche Dimension anders funktioniert und die aussieht wie die ewig junge Version von Akua. Es wird mir nicht alles erklärt, aber es gibt eine klare B-Story (die ebenso schön wie verstörend ist) und eine Prämisse, bei der ich voll mitgehe. 

Alle enthaltenden Geschichten

Wust, Maximilian - Objekt Eins

Lauenroth, Frank - Der Digger und der Lukudur

Lenaris, Erin - Der Stein der Weisen

Haupt, Sven - Das Wichtigste

Lüders, Carolin - Ein Rashik im Blumenbeet

Sander, Ralph - Eine letzte Frage

Maria, Anastasiya  - Angreifen

Bendrin, Manuel Otto  - Extinct in the wild

Mai, Anna - So mächtig

Herzig, Maximilian R.  - Das unentdeckte Land

Kaml, Sylvia  - Schicksalsdeserteur

Obermeier, Helen - Der blassblaue Punkt

Klewer, Detlef - Something alien

Eichenbach, Anja  - Das Streben allen Seins

Shepherd, Nob - Angler

Erle, Michael - Phineas`Invasion

Stöckler, Tatjana  - Die neun Höllen

Spitzer, Michael G. - Die letzte Chance

Schaefer, Sebastian - Von dieser Welt

Acheronian, Galax - Antworten

Sickel, Nele  - Werdendes Leben

Engel, Renée  - Noble Food

Grimm, Christoph - Die Summe aller Teile

Diversität

In mindestens zwei Geschichten finden sich Neo-Pronomen (xier) und in mindestens zwei anderen Geschichten wird eine homosexuelle Beziehung angedeutet.

Harte Fakten

Titel Alien Contagium: Erstkontakt-Geschichten 
herausgegeben von Christoph Grimm 
Verlag Eridanus Verlag 
Rezensionsexemplar ja, danke dafür 
Erscheinungsjahr 2022 
Seitenzahl 430 
Anzahl Geschichten 23 
Original Twitter Tweet https://twitter.com/Rezensionsnerd1/status/1504392774090641409 
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Kommentare: 2
  • #1

    J. A. Hagen (Montag, 28 März 2022 16:12)

    Danke für die Rezi. Ich hatte die Anthologie auf meine Liste der zu kaufenden Bücher gesetzt, aber mit einem Fragezeichen versehen gehabt. Deine Rezension lässt mich aber hoffen, dass es sich um ein solides Werk handelt, unabhängig vom individuellen Geschmack.

  • #2

    Yvonne (Dienstag, 29 März 2022 06:55)

    Moin moin,

    in einer Rezension zu Anthologien meide ich ja den Satz, aber hier sollte in der Tat für jede:n etwas dabei sein, die Beiträge sind sehr abwechslungsreich, Themen oder Pointen wiederholen sich nicht. Da wurde schon sehr gut ausgewählt.
    Und auch sonst ist die Anthologie vom Niveau her sehr angenehm.

    Beste Grüße, Yvonne