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Nova Ausgabe 29 Science Fiction Magazin

Harte Fakten

Titel Nova Ausgabe 29 Science-Fiction Magazin
Herausgeber*innen Michael Haitel, Michael K. Iwoleit
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 231
Erscheint seit 2002
Turnus halbjährlich
Anzahl Geschichten 11

Inhalt

Das sympathische Vorwort enthält den dezenten Hinweis, dass, wer hier veröffentlicht auch leicht mal an einen Preis wie dem Kurd-Laßwitz-Preis oder dem Deutschen Science-Fiction-Preis kommen kann (ähnlich wie auch bei Veröffentlichung im Exodus Magazin). Für Einreichungsmodalitäten ganz nach unten scrollen.

 

Fazit für Eilige

Ich habe in diesem Magazin seit August immer mal wieder gelesen. Beim Redigieren dieser Rezi stelle ich dann auch sofort fest, worin die Qualität der ausgewählten Stories liegt: Sie sind mir allesamt noch im Gedächtnis. Und das, obwohl ich seit August locker dreihundert (vielleicht auch dreihundertfünfzig) und ein paar Handvoll Romane gelesen habe.

 

Im Bärental (Tino Falke)

Traurige, fiese Story. Dabei will hier niemand jemandem etwas Böses, was es umso tragischer macht. Die Geschichte ist aus der Sicht eines Bären erzählt. Er und seine Truppe waren/sind Kampfbären, die Menschen sind auf ihnen in die Schlacht geritten. Das wollen sie wieder. Sie finden eine vierköpfige Familie im Wald und versuchen ihr Bestes, diese dazu zu bringen, sie zu reiten. Das Missverständnis geht trotz gutem Willen nach hinten los. Bären können leider nicht in der Sprache dieser Menschen sprechen.

 

Die letzte Jungfrau (T. Elling)

Jungfrau bezieht sich hier nicht darauf, was man zuerst denken mag. Thema Transhumanismus. Die Menschen haben alle neue Körper. Die Protagonistin Esther geht in eine Praxis, um sich beraten zu lassen. Sie ist alt und krank, hat nicht mehr lange. Sie muss raus aus ihrem ursprünglichen Körper. Dort trifft sie auf Hein, der sie berät und der sie zufällig noch aus der Zeit kennt, als er auch noch in seinem ursprünglichen Körper war, damals ein sehr alter Mann. Er zeigt ihr die "Leerkörper", die lediglich von Platzhaltergehirnen "betrieben" werden.

Düster, gruselig und sehr interessant, gut durchdacht. Originell, obwohl das Thema Transhumanismus ja alles andere als neu ist.

Technisch ist das sehr gut durchdacht. Doch eigentlicht geht es eher um das humane-philosophische. Ähnlich wie in in Ken Lius Kurzgeschichte "the Waves" bedeutet die Unsterblichkeit auch, dass keine Kinder mehr geboren werden. Diese Überlegung steht hier aber nicht im Vordergrund, wohl auch weil bei "The Waves" der eigene Körper beibehalten werden kann, das Altern wurde nur angehalten. Hier ist es so, dass man den Körper wechseln muss, auch regelmäßig circa alle fünfunzwanzig Jahre. Was macht das mit der Persönlichkeit? Und was macht das Nicht-Sterben-Werden mit den Menschen?

Die Story und die Gedanken der Protagonistin sind sehr interessant.

 

Die Pinocchio-Abteilung (Tom Turtschi)

Eine Psychiatrie für Roboter! Das wäre ja fast etwas für Lem! Zahnbürsten halten sich für Hitler, wahlweise für den Tramp. Man kann sie aber nicht ausschalten, denn sobald sie ein Bewusstsein entwickeln, wäre dies Mord. Außerdem gibt es da noch ein paar andere Hindernisse. Die Story ist seltsamer als Prosa von Boyle und nicht ganz so seltsam wie die von Lethem.

Eine begeisterte Rezension eines Buchs des Autors habe ich bei meiner Recherche auch gefunden.

 

Das Ebenbild (J. A. Hagen)

Erst habe ich gedacht: Hm, wieso so viel narratives Zusammenfassen? Dann habe ich gemerkt: Ah, der Ich-Erzähler spricht mit jemandem. Die Story ist sehr kurz, nur zweieinhalb Seiten und bringt die Pointe sehr rasch und gut auf den Punkt. Als Leserin erahne ich den Schluss auch erst zwei Paragraphen vor dem Ende der Story.

Der Ich-Erzähler (wobei es auch eine Frau sein könnte, das spielt hier keine Rolle) ist ein Klon. Klone sind aber nicht geschützt, da sie inzwischen illegal sind und einfach geötet werden können. Sie sind Freiwild. Um zu überleben, ist der Ich-Erzähler also zu so einigem bereit.

 

Spiegelzeit (Moritz Greenman)

Die Ausgangsideen ist so phänomenal gut, dass es sehr schade ist, dass nicht noch mehr daraus gemacht wurde. Ein Mann spricht mit einem Arzt. Nach und nach erfahren wir: Er ist ein nachträglich künstlich erstellter Doppelgänger eines Mannes, der im Koma lag, an dessen Wieder-Genesen niemand mehr geglaubt hatte. Er hat auch alle Erinnerungen des Mannes, also fühlt sich so, als sei er ebenjener Mann. Doch dieser hat sich erholt und lebt nun sein Leben weiter, während der Doppelgänger nichts hat.

Die Idee bleibt mir im Kopf.

 

...und mir wird nichts mangeln (Uwe Post)

Das ist eine harte Story. Der Mann kann schreiben. Diese Dystopie erinnert mich an "Den Report der Magd". Vieles bleibt lange im Dunkeln, ich darf lange rätseln, kein Infodump.

Jungen leben bei Männern, die "Pater" genannt werden, man wird selber verpatert, allerdings ist man dann älter als vierzehn. Es gibt einen Wehrdienst, irgendwo dort draußen gibt es Krieg.

Frauen und Mädchen kommen nicht vor, die müssen aber irgendwo sein, denn schließlich kommen irgendwoher auch neue Babies - allerdings nur männliche Säuglinge. Der Weltenbau ist auf diesem kleinen Raum beachtlich. So haben die Junge, die "Filii" zum Beispiel vor ihrer Paternisierung, der "Weihe", lange Haare und tragen Kleider.

Die Geschichte ist konsequent und gnadenlos - und daher im letzten Drittel auch nicht leicht zu ertragen. Wie würde ein Junge Bilder von nackten Frauen beurteilen, wenn er nichts von einem zweiten Geschlecht wissen kann? Wie würden sich Pater und Filii zueinander verhalten, wenn es eben keine Frauen gibt? Harter Stoff.

 

Nach längerem Nachdenken ein paar Tage nach dem Lesen frage ich mich sogar, ob man das nicht sogar feministisch lesen könnte. Es gibt in der Welt des Protas keine Frauen (jedenfalls nicht vor Ort), daher übernehmen die Männer alle Aufgaben, auch jene, die sonst traditionell immer noch eher bei den Frauen liegen wie die Versorgung eines Babys.

 

Am letzten Tag (Frank Hebben)

Das verlangt mir schon einiges ab. Keine Anführungszeichen, viele Charaktere, die dem gleichen Milieu entstammen und teilweise unter Spitznamen laufen und eine offenbar nicht ganz chronologisch erzählte Geschichte.

Hier sind einige eher punkig angehauchte Jugendliche (kurz vor dem Abitur, am Beginn des Studiums) und einige Erwachsene (a la "Früher haben wir Uhu in die Haare geklebt für einen Iro"), die in Bahnwaggons eher außerhalb der Gesellschaft leben. Offenbar sind gerade Ferien, eingekauft wurde ganz am Anfang der Story. Radio wird nur sehr sporadisch gehört. Als von Angriffen, Killerrobotern und einer Seuche die Rede ist, wird ausgeschaltet und der Wahrheitsgehalt angezweifelt.

Die Idee ist gut, aber durch die vielen Erschwernisse komme ich in die Geschichte nicht gut hinein. Der Schluss leuchtet mir auch nicht so ganz ein, auch wenn ich immerhin eine Ahnung habe, was er bedeuten könnte.

 

Expedition 13b/Regalis (Norbert Stöbe)

Hier sind die Protagonisten offenbar Koffer. Oder kofferförmig. Oder stecken in Koffern. Vierzehn Jahre schon sind sie auf einer Expedition - woanders, nicht auf der Erde. Allmählich nutzt die Neugier sich ab. Jedenfalls die Neugier auf das, was sie eigentlich untersuchen sollen. Die Neugier aufeinander, die entflammt. Und das, obwohl es seit den Anfangszeiten keinen Sex mehr gab und das auch damals nur via Avatar geschah und irgendwie albern war.

Das liest sich liebenswert und es gibt eine nette Entwicklung.

 

Keine Maßnahmen erforderlich (Peter Stohl)

Arbeit und Leben eines Kosmonauten? Ich mag die Episode um das kaputte Licht, das nicht so recht kaputt ist, weil es ja weiterleuchtet, aber das Glas um das Licht ist kaputt. Oder jedenfalls, was auch immer als Umrandung diente.

 

Geifer (Martin Wambsganß)

Wir haben die Kurve doch noch gekriegt: Die Überbevölkerung gestoppt, die Kriege und die Folter. Die Katastrophe blieb aus und wir saßen in sonnigen Cafés - doch dann kamen die Außerirdischen...

 

Anna (Louis B. Shalako)

wurde für die Nova 29 übersetzt

Mein Highligt in diesem Heft (in Heft 26, das ich noch nicht rezensiert habe, haben mindestens die Stories von Thorsten Küper und Michael Iwoleit meinen Geschmack noch besser getroffen).

Ich frage mich sehr lange, was das alles mit SF zu tun hat, denn das wird erst am Ende enthüllt. Vorher genieße ich einfach den Erzähler, weil er so interessant ist. Betrügt, schafft Geld beiseite, sitzt zwölf Jahre im Gefängnis. Dann die Beziehung mit Anna. Äußerlich könnte er ihr Vater sein.

Seine Sicht auf die Welt, auf das, was er getan hat, auf das Gefängnis, sein Leben, das Leben generell - das ist erfrischend. Die Pointe: gelungen! Herrlich! Spitzen Story.

Hinten erfahre ich, dass dieser Autor bereits 22 Romane verfasst hat - neben lauter Novellen und Kurzgeschichten. Na, dann lasse ich mir doch bei Twitter mal einen Roman von ihm empfehlen (Mist, da kennt ihn niemand. Fühlt euch frei hier zu kommentieren).

 

Sekundärliteratur

Hier gibt es vier Artikel zum Thema Simulation:

  • Die ultimative Verschwörungshypothese von Thomas A. Sieber
  • Philosophische Hypothese, Science Fiction oder Bullshit? von Erfan Kasraie
  • Die beste aller Simulationen von Fabian Vogt
  • Die Gummiwelt-Illusion von Wolfgang Mörth

Zum Schluss folgen Nachrufe, u. a. einer von Cory Doctorow auf Mike Resnick und von Karl Smith auf Syd Mead. Ganz am Ende Autor*innen und Bildkünstler*informationen.

 

Einreichungsmodalitäten

Mehr dazu auf der Homepage. Das wichtigste: Deutschsprachig und Science Fiction Kurzgeschichten oder Novellen. Keine Rezis. Kein Fantasy. Kein Horror.

Modern, literarisch anspruchsvoll und unterhaltsam. Ansonsten sind sie offen für jede Spielart von Cyberpunk bis Alternativwelt. Wert gelegt wird auf professionellem Erzählstil.

Einreichen bitte als Email-Anhang in MS Word oder RTF. Normalerweise höchstens 60.000 Anschläge. Wenn die Qualität stimmt, kann eine Novelle auch mal länger sein - dann muss sie nur umso mehr überzeugen.

Bei zu vielen Tipp- Rechtschreib- oder Interpunktionsfehlern wird die Story aus formalen Gründen abgelehnt. Bitte neue deutsche Rechtschreibung. Damit es formatmäßig passt, findet man auf der Homepage sogar eine Musterdatei. Mehr zum Format und zum Layout dann auf der Homepage. Die Informationen sind umfangreich und klar verständlich. Auch für die Kontaktinformationen der Autor*in gibt es ein Muster. Illustrator*innen werden ebenfalls gesucht. Ich finde diese hilfreichen Infos und Templates sehr sympathisch. Mir wurde außerdem gesagt, dass sie auch noch recht unbekannten Autor*innen sehr aufgeschlossen gegenüber stehen.

 

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