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Queer*Welten Ausgabe 3

Harte Fakten

Titel Queer*Welten 3
Herausgeber*innen Judith C. Vogt, Lena Richter, Kathrin Dodenhoeft
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 60

Inhalt

Da ich ja bereits Ausgabe 1 und Ausgabe 2 verschlungen habe, bin ich nun regelmäßige Leserin. Die Hefte haben meinen Horizont schon so sehr erweitert, dass das wohl auch so bleiben wird und ich auch weiterhin kräftig die Werbetrommel rühren werde.

 

Fazit für Eilige

Im Gegensatz zu den vorherigen beiden Ausgaben gibt es hier nur eine "reine" Kurzgeschichte (wobei einige der Kurztexte durchaus etwas prosaisches oder sogar lyrisches an sich haben).

Die Qualtität ist gewohnt hoch, mein Horizont ist nach dem Lesen einer neuen Ausgabe immer ein wenig größer und weiter als davor. Außerdem haben die Autor*innen eine sympathische Art, mit queeren und diversenen Themen umzugehen.

Besonders hervorheben möchte ich heute die Kurzgeschichte von Anne Neuschwader und den Artikel von Susanne Pavlovic. Der ist wirklich so cool wie der Titel verspricht.

 

Präventive Devastation von Anne Neuschwader

Was für eine geniale Idee! Ich wäre neidisch, aber klar ist: darauf wäre ich nie gekommen. Hier wird Sara von einer Wand vom Rest der Welt abgeschirmt. Die soll zerstört werden, zumindest all die Menschen darin. Präventiv, weil die Menschheit eine Gefahrenquelle darstellt. 

Sara beginnt mit der Wand zu sprechen, diese stellt eine Art außerirdische KI dar. Ihr wird bald klar, dass sie durch Überzeugung die Zerstörung noch aufhalten könnte - doch ist sie nicht bekannt dafür, besonders gut im Überzeugen zu sein. Worauf sie letztendlich kommt und was das für Auswirkungen hat und warum, ist erstens eine tolle Idee und zweitens eine sehr schöne Art, die Queerness der Menschheit aufzuzeigen. Geschlechtliche Vielfalt wurde mir noch nie so plastisch dargestellt.

Anne Neuschwader schreibt in der Regel Kurzgeschichten und ist unter anderem auch schon bei der Story Olympiade untergekommen.

 

Held*innen-Collage - Empowerment & Inspiration von Patricia Eckermann

Hier geht es um weibliche Heldinnen, die im Fernsehen zu sehen sind und waren - vor allem um Schwarze, denn die Autorin hat sowohl weiße als auch Schwarze Wurzeln. Angefangen bei Lt. Uhura von Raumschiff Enterprise, dargestellt von Nichelle Nichols, über Denise Huxtable gespielt von Lisa Bonet von der Cosby Show, Guinan von Star Trek bis hin zu den zahlreicheren kontemporären Schwarzen Held*innen in TV und Film.

Beim Lesen fällt mir auf: Ja, in Film und Fernsehen sehe ich sie auch viel. In Büchern weniger. Patricia weist darauf hin, dass es in Romanen, auch in Romanen weißer Autor*innen häufiger wird. Spontan erinnere ich mich, dass Stephen King oft Schwarze Hauptfiguren oder Nebenfiguren hat und hatte (eigentlich schon vor dreißig Jahren), sonst habe ich aber vermutlich eher die falschen Romane gelesen. Kommt noch.

Patricia ist bei Twitter und hat eine Hompage.

 

Lieber Held von Judith C. Vogt

Frau darf auch mal wütend sein. Wütend darüber, dass es ständig der unvermeidliche blonde, starke, weiße Held ist. In diesem eher lyrischen Kurztext geht es auch darum, wie wir vielleicht diesen Helden früher mal gesehen und bewundert haben. Wie sich das aber geändert hat. Und wie es vielleicht für diesen Helden auch OK ist, mal kein Held (mehr) zu sein.

Ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden, mein Zugang zu Lyrik ist ja manchmal etwas schwierig.

Judith ist Mitherausgeber*in der Queer*Welten, Autor*in mehrerer Romane, unter anderem Wasteland und sie ist auch bei Twitter.

 

Hauptfigur mit Emanzipationshintergrund oder: Wie man's falsch macht von Susanne Pavlovic

 

Da hätte ich ja beim Titel fast schon vorgeblättert, so cool finde ich den. Und ja: So cool ist er dann auch! Das ist der längste Artikel im Heft, also gebe ich nur wider, was mich am meisten beeindruckt hat.

Welches sind die beliebtesten Romane mit weiblichen Hauptfiguren? YA-Romane, in denen die Held*in über 700 Seiten für Emanzipation und Gleichberechtigung kämpft. Mir fallen sofort die Tribute ein.  Die Held*in kämpft also als Unterdrückte hunderte von Seiten und wenn die Gleichberechtigung endlich erreicht ist, ist der Roman zu Ende. Der männliche Held hingegen startet an diesem Punkt auf Seite 3. Stimmt. Da ist einiges dran.

Susanne nennt aber auch Gegenbeispiele und zeigt hier auf, dass das bei den Rezensent*innen nicht unbedingt gut ankommt. Zur Recherche hat sie haufenweise negative Kritiken auf einem bekannten Buchportal gelesen. Prominente Beispiele sind die Figuren Cersei und Brienne aus Game of Thrones. Cersei: Bitch, weil sie mit Sex, Intrigen, Heirat und politischem Mord arbeitetn. Brienne: Mannweib, weil sie die Rolle des klassischen Paladins erfüllt. Mit Sansa fange ich mal gar nicht erst an.

Beeindruckend: Die Soldatin aus Susannes Roman hat ein 100 Seiten starkes Essay auf einer Fanfiction-Plattform erhalten, in dem sie schlecht gemacht wird. Wow. Da war aber jemand sauer, überzeugt und musste sich dringend mitteilen.

Susanne stellt eine interesssante Frage: Gibt es das eigentlich - ein Zuviel an Repräsentation? Können wir Frauen, Queerness und Diversität überhaupt zu viel darstellen? Mal ein eigener Gedanke hier: Nachdem wir Jahrhunderte männliche Helden dargestellt haben und somit ein großes Zuwenig in der Vergangenheit haben, kann ein Zuviel (sofern es überhaupt möglich ist) ja nicht schaden.

Der Artikel enthält noch viele andere coole Gedanken und Beispiele, die ich auf so wenig Raum nicht unterbringe. Am besten einfach kaufen und lesen!

Susanne ist bei Twitter, Facebook und hat eine Homepage.

 

Mosaik von Lena Richter

Lenas Kurztext ist eher prosaisch, sehr verwoben. Hier werden die Held*innen eher in Frage gestellt. Das "wir" in diesem Text gehört nicht zu den Held*innen. Aber das "wir" ist hier der Protagonist. Das zieht sich ja auch wie ein roter Faden ein wenig durch das Heft: Müssen wir eigentlich immer über Held*innen lesen? Und über welche Held*innen wollen wir eigentlich etwas lesen? Oder über welche Menschen?

Die Frage wird hier angerissen und aufgebracht, was vielleicht wichtiger ist, als sie zu beantworten.

Lena ist eine der Herausgeber*innen der Queer*Welten und ebenfalls bei Twitter - eine Homepage hat sie auch.

 

 

Über Sehnsüchte und neue Utopien von Sarah Stoffers

Da kann ich mich ja im ersten Satz gleich identifizieren. Ja, auch ich bin mit Helden aufgewachsen. Vermutlich sogar zur ungefähr gleichen Zeit (*1978 versus *1982). Die waren damals auch fast alle männlich.

Ebenfalls gut beobachtet: Ja, die Helden dürfen dumme Entscheidungen treffen, weil das die besten Geschichten ergibt. Zwar schreie ich ihnen beim Zuschauen oder Lesen zu: Tu das nicht!, klebe aber umso gespannter an den Seiten oder am Bildschirm.

Im Vergleich zu einigen anderen ist Sarahs Text eher versöhnlich. Sier zeigt auf, dass es in unserer DNA sitzt, Held*innenepen lesen zu wollen. Sier regt aber an, Varianten zu kreiern und zu entdecken. Eben nicht immer der junge, schöne, starke Held. Vielleicht mal mit Altersflecken? Mit anderen Schwächen? Kritikfähig gar?

Ein sehr schöner Schluss.

Auch Sarah ist bei Twitter, hat eine Homepage und hat im Amrum Verlag den Roman "Rostiges Herz" veröffentlicht.

 

Heldin von Iris Villiam

Das könnte fast als Kurzgeschichte gelten, aber nur fast. Manchmal ist es eben schwer, die Grenze zu ziehen. Wir folgen Anri und ihrem eher schweren Leben, erfahren, was ihr alles zugestoßen ist im Laufe der Zeit. Auf den ersten Seiten war ich noch verloren, erst am Ende wird mir der Sinn dann umso heftiger und deutlicher klar.

Die Homepage von Iris bietet einige Kurztexte von ihr.

 

Eine alte Liebe von Daniela Schreiter

Wie rezensiert man denn jetzt einen Comic? Also, den dürft ihr euch selber anschauen, ich fand ihn witzig und sehr cool gezeichnet. Daniela hat auch eine Homepage.

 

That Escalated Quickly von Oliver Kontny

Mein letzter Rollenspielabend ist schon eher fünfzehn Jahre her und in diesem Text ist einiges auch für mich nicht ganz leicht zugänglich - dennoch meine ich, den Sinn verstanden zu haben. Nicht ganz neu, aber sehr wichtig, ist der Gedanke: Was soll Queerness in unseren Hobbies? In Büchern und Rollenspielen?

Gibt es eigentlich schwule Zwerge? Und wenn ja, ist das wichtig?

Sind Dschinns nicht weder männlich noch weiblich?

Originell und fast schon grenzgenial fand ich die Stelle, in der das Monster sich weigert, den von außen auferlegten Begriff "Monster" zu akzeptieren.

Der Autor hat u. a. das Hörspiel "Republik der Verrückten" herausgebracht und eine Kurzgeschichte in der Anthologie "Urban Fantasy: Going intersectional" (erscheint 2021 im Ach Je Verlag).

 

Lasst uns die Phantastik zerstören von Frank Reiss

Frank schreibt angenehm konkret mit sehr klaren Aussagen. Ja, die Phantastik verändert sich, wenn jetzt alle mitmachen dürfen. Nicht dieselben, die wir seit Jahrzehnten dabei haben. Sondern eben alle.

Die Altvorderen haben Angst vor uns! Angst, dass wir (Frauen, Queere, Diverse - eben alle) ihre Phantasie nun überlaufen. Denkt doch mal jemand an die Kinder! (Also, da will ich irgendwie erst Recht Diversität, damit sie gleich wissen, wie vielfältig diese Welt ist.)

Das typische Argument, dass es bei Literatur doch darum geht, dem Alltag zu entfliehen und man dort keinen Aktivismus haben will.

Was ist eigentlich "normal"? Die statistische Mehrheit? Und wieso ist "normal"= gut und die Abweichung=schlecht?

Literatur hat Macht. Und Einfluss. Und gerade deswegen ist es wichtig, mal von der able-bodied, heteronormativen, patriarchalischen Literatur weg zu kommen und zu zeigen, wie vielfältig die Welt wirklich ist.

Es ist ein sehr langer Artikel, den ich hier natürlich nur sehr unzureichend widergeben kann. Also nehmt es als das, was ich daraus mitgenommen haben.

Auch Frank ist bei Twitter zu finden.

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