· 

Science-Fiction-Anthologie 2021 herausgegeben von W. J. Marko

Nachtrag

Das Wichtigste zuerst: Als Feedback auf die untenstehende Rezension habe ich von einigen beteiligten Autor:innen gehört, dass es

  • offenbar keine Belegexemplare gab
  • bei den Benachrichtigungen der Autor:innen offenbar keine Antwort abgewartet wurde, einige erfuhren erst durch diese Rezension, dass ihre Kurzgeschichte in die Anthologie aufgenommen worden ist
  • das Format der Anführungszeichen im Korrektorat/Buchsatz nicht angeglichen worden ist

Es läuft bereits ein neuer Wettbewerb.

Hintergründe der Anthologie

Die Anthologie ist Ergebnis eines Wettbewerbs. Laut Homepage startet in Kürze der nächste Wettbewerb für die "Science Fiction Anthologie 2022". 

 

Es ist für mich völlig normal, dass in einer Anthologie nicht jeder Schuss ein Treffer ist. Geschmäcker sind sehr verschieden.

 

 

Daher ausdrücklich der Hinweis: Alles, was folgt, ist meine persönliche Meinung. Ich werde versuchen, auf Allgemeinplätze zu verzichten und meine Meinung so nah an den Inhalten wie möglich zu begründen.

Formalia

Vierzig Geschichten wurden aus über achtzig Einreichungen ausgewählt. Die Storys sind fast alle recht kurz. Es ist nicht ganz einfach, eine gute Geschichte auf beispielsweise zwei Seiten zu erzählen (an den SF-Shortstorys im Spektrum der Wissenschaft sieht man aber, dass es möglich ist). 

 

Der Titel "Science Fiction Anthologie 2021" ist aus meiner Sicht eher eine Genre-Einordnung und als Titel nicht gelungen. Vor allem die Jahreszahl halte ich für weniger günstig.

So habe ich schon 2022 das Gefühl, ich lese eine veraltete Anthologie. Ich verstehe, was die Intention war, ja, die Storys sind wohl 2021 entstanden und eingereicht worden. Aber ich denke, dass die Anthologie sich aufgrund dieser Jahreszahl schlechter verkaufen wird. Laut Homepage wird es einen Nachfolge-Wettbewerb geben und somit wohl auch eine weitere Anthologie im nächsten Jahr ("Science Fiction Anthologie 2022"?). 

 

Die Anthologie ist nicht bei einem Verlag oder Kleinverlag herausgekommen, sondern bei BoD (Books on Demand). Das werde ich bei meiner Rezension berücksichtigen, weil dies bedeutet, dass der Herausgeber sich um alles selber hat kümmern müssen:

  • Ausschreibung
  • Wahl der Geschichten
  • Lektorat
  • Korrektorat
  • Buchsatz
  • Buchgestaltung
  • Werbung

Ich finde es toll, so viel Einsatz zu sehen, da ich mir vorstellen kann, dass der Herausgeber sehr viel Arbeit hatte. Nichtsdestotrotz muss ich aus Perspektive der Leserin bemerken, dass nicht alles so gut geklappt hat, wie es für mich wünschenswert gewesen wäre (näheres dazu unten). Manchmal geht so ein Konzept aber auch sehr gut auf, siehe beispielsweise Magret Kindermanns Anthologie-Trilogie

 

Fehlendes Inhaltsverzeichnis

Es gibt zwar eine Liste der beteiligten Autor:innen, aber kein Inhaltsverzeichnis. Weder als Seite noch automatisch vom Ebook erstellt. Das bedeutet für mich, dass ich alle Titel selbst zusammensuchen musste.

Das Ebook ist auch einfach ein dicker zusammenhängender Brocken: Es gibt keine Kapitelmarken. Daher kann ich nicht von einer Geschichte zur nächsten springen, nicht gezielt eine Geschichte auswählen oder mir vom Lesegerät anzeigen lassen, wie viele Seiten die gerade gelesene Kurzgeschichten noch hat. Und so erstellt der Reader auch kein Inhaltsverzeichnis automatisch, was sonst möglich gewesen wäre.

Auch in der Printversion der Anthologie gibt es kein Inhaltsverzeichnis.

 

Buchsatz

Nicht zwingend beginnt eine Kurzgeschichte auf einer neuen Seite, jedenfalls war das beim Ebook so. 

 

Lektorat und Korrektorat

Ein Korrektorat könnte gemacht worden sein, ich habe zwar Fehler gefunden, in der Hauptsache in der Zeichensetzung, aber nicht überdurchschnittlich viele.

 

Laut meinen bisherigen Recherchen gab es kein Lektorat. Das mag am Wettbewerbscharakter liegen. Eine andere Herausgeberin einer Wettbewerbsanthologie sagte mir mal, sie wollten die Storys so drucken, wie sie auch eingereicht worden waren. 

Als Leserin möchte ich aber betonen, dass mir die Authentizität hier weniger wichtig ist, wichtiger wäre mir, dass die Geschichten im besten Gewand präsentiert werden und dazu gehört unbedingt auch ein Lektorat.

Die Qualität der Geschichten

Ich persönlich habe beim Lesen eine außergewöhnlich hohe Zahl an Ausfällen wahrgenommen. Damit meine ich Geschichten, die mir nicht gefallen haben oder bei denen ich das Gefühl hatte, dass der/die Autor:in sich mit dem gewählten Thema nicht ausführlich genug beschäftigt hat. 

 

Zunächst zu zwei Geschichten, die mir positiv aufgefallen sind:

Alina Piotrowicz: Der letzte Drink

Das könnte eine Szene in einer ganz normalen Kneipe sein. Die Pointe hat mich  angenehm überrascht. Sie ist zwar nicht neu, wurde aber gut vorbereitet und kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich empfinde die Geschichte als gelungen aufgebaut und gut geschrieben.

 

Nicole Schmid - Schlafende Braut

Der Ich-Erzähler sucht sich unter knapp tausend schlafenden Frauen die zukünftige Mutter seines Kindes aus. Hat was von Katalog. Tröstlich ist, dass er sich dabei auch nicht ganz wohl fühlt. Spannung wird erzeugt, indem er andeutet, die Erwachten seien darüber nicht froh. 

Er sucht sich Laura aus, die offenbar 500 Jahre geschlafen hat. 

Das ist mal eine echte Story und mit klarem Schluss. Aber ich verstehe nicht, warum immer nur die Männer die Frauen aufwecken? Kriegen die grundsätzlich nur Söhne? Haben die nur Frauen eingefroren, keine Männer? Könnte man erklären, aber wurde hier nicht ganz klar, Damit kann ich aber leben, ist mir lieber, als wenn zu viel erklärt wird. Weniger schön ist, dass so Rollenklischees bedient werden, aber möglicherweise wollte die Autorin auch genau das in ihrer B-Story betonen. Das ist frustrierend, aber literarisch gelungen.

 

Bei dem großen Rest gibt es auch mal Geschichten, die entweder erzählerisch oder vom Inhalt her gelungen sind. Beispielsweise gelingt Tessa Maelle mit Kollege 4.0 auch eine Aussage und eine Pointe. 

 

Wenn ich nun einiges von dem aufliste, was mich an vielen der Geschichten gestört hat, würde ich das gern ohne Benennung von Ross und Reiter machen. Ich weiß, dass eine Geschichte auch mal daneben gehen kann. Von einigen haben ich an anderer Stelle auch deutlich besseres gelesen. Andere Namen waren für mich ganz neu.

 

Ich habe stets nur drei bis fünf Storys am Stück gelesen, um zu vermeiden, dass ich voreingenommen oder müde gelesen an die nächste Geschichte herangehe. 

Ich war auf Perlensuche und habe mir Mühe gegeben, diese zu entdecken. Aufgrund der wenig optimalen Aufmachung und Zusammenstellung habe ich trotz meiner Mühe möglicherweise Perlen übersehen. 

 

Aber was ist denn mein Ziel mit dieser Rezension, was ist denn überhaupt mein Ziel als Rezensentin, die sich mittlerweile quasi auf SF spezialisiert hat?

Ich möchte gern dazu beitragen, dass die Qualität der deutschsprachigen SF, speziell der Kurzprosa, sich steigert. Rezensionen sind vorrangig für die Leser:innen, ja, aber auch Autor:innen und Herausgeber:innen lesen Rezensionen und sofern diese fair sind, können viele auch von Kritik eine Menge mitnehmen. 

 

Ich kann nur raten, wie viel Arbeit der Herausgeber in diese Anthologie gesteckt hat. Alles ehrenamtlich! Schön wäre, wenn es beim nächsten Mal etwas besser klappt und ich mit dieser Rezension dazu beitragen kann. Auch für die beteiligten Autor:innen steckt vielleicht etwas drin, was beim nächsten Mal die SF-Kurzgeschichte besser gelingen lässt. 

Persönliche Überlegungen zu den Kurzgeschichten

Bei einigen Storys ist mir die Pointe entglitten. Ich hatte das Gefühl, es müsste eine geben, weil die Story mit einem Satz endet, der dies nahelegt. Doch selbst bei wiederholtem Lesen und dem Befragen von anderen, die die Anthologie ebenfalls kennen, war keine Erleuchtung zu finden.

Ich mag subtile Botschaften. Doch möglicherweise waren einige dann doch zu unklar.

 

Manchmal habe ich die Pointe verstanden, aber fand sie alt oder billig. Ich hatte das Gefühl, mindestens einmal eine aufgebesserte Version von "Es war alles nur ein Traum" gelesen zu haben. 

 

Dialoge: Schön wäre, wenn die Sprache im Dialog sich stark von der Narration unterscheiden würde. Wenn das nicht ganz klappt, ist das nicht so schlimm. Unschön finde ich aber durchaus, wenn mir alle Informationen mittels des Dialogs vermittelt werden und die Leute über diese Dinge nur sprechen, weil ich sie erfahren muss und nicht, weil sie in der Realität auch darüber sprechen würden. 

 

Ich mag das Thema Trauer sehr. Wenn ich aber das Gefühl bekomme, es wurde sich nicht mit den Gefühlen der Figuren beschäftigt, die Trauer erleben oder womöglich Verstorbene wiedertreffen, dann fühle ich mich als Leserin nicht ernst genommen. 

 

Viele der Geschichten waren eigentlich gar keine Geschichten, sondern nur eine Art Historie der Zukunft. (So wie bei Olaf Stapledon, aber der hat das in großem Stil und sehr gut gemacht.) Ich möchte aber nicht lesen, wie sich Autor X die nächsten zweitausend Jahre vorstellt; ich möchte Geschichten. Das liest sich für mich sonst wie ein fiktives Sachbuch der Zukunft. Das muss schon sehr sehr gut geschrieben sein mit originellen Ideen (hallo Stapledon), damit ich es gern lese. 

 

Zwischenzeitlich war ich während der Lektüre schon froh, wenn einfach wieder eine Story mit Dialog und Handlung kam, auch wenn es sich einfach nur Business as usual mit Problemen im Weltraum handelte.

 

Perspektive: Manchmal wechselt auch in sehr kurzen Geschichten mehrfach die Perspektive. Das ist für mich als Leserin schon nicht sehr gemütlich. In einigen Fällen wird die Perspektive verletzt. Beispielsweise gibt es einmal ein erzählendes Ich, das über eine andere Person urteilt, sie würde lügen und dann auch gleich den Grund mitliefert (sollte ich überlesen habe, dass das erzählende Ich hier eine Gedankenleserin war, geht das auf meine Kappe).

In derselben Geschichte wechselt es auch kurz vor dem Ende von der Vergangenheitsform ins Präsens. Ich vermute, weil am Ende alle sterben und eine Tote nicht rückblickend berichten kann. Da hätte ich mir dann aber schon gewünscht, dass die gesamte Geschichten im Präsens erzählt wird. 

 

Oftmals war der Weltenbau sehr dünn. Etwas spielt in sehr weit entfernter Zukunft, alles hat sich verändert, aber es gibt noch Schulklassen? Das Konzept der Schulklassen ist also so klar und gut, dass es sich (im Gegensatz zu fast allem anderen) durchgesetzt hat? 

 

In einigen Fällen liest sich der Beginn der Storys vielversprechend. Sinne werden angesprochen, Szenen gut gestaltet, dann fällt es aber plötzlich ab und endet im Nichts oder wird plötzlich plakativ. 

 

Inquits: Man muss nicht jede Variation von "sagte er" in eine Geschichte von ein paar Seiten packen. In einem Fall wurde es sehr, sehr kreativ, was mich beim Lesen  abgelenkt hat, irgendwann habe ich nur noch auf die Variationen der Verben des Sagens gestarrt, anstatt auf die Geschichte zu achten. Dann kamen auch noch Verben, die keineswegs zu den Verben des Sagens gehörten, aber dennoch so benutzt wurden (wie "hoffen"). 

 

Mal hier mal da war die Namensnennung bereits durch anderes belegt. Eine Programmiersprache namens Pascal (aber offenbar nicht die, die ich kenne) oder eine Raumstation, die Solaris heißt. 

 

Es gibt ein paar Geschichten, die sich wie ein Tagebucheintrag lesen oder sogar explizit aus Logbucheinträgen bestehen. Das kann funktionieren, siehe "Der Marsianer". Aber es sollte trotzdem eine Handlung geben, Action und eine interessante Erzählstimme. 

 

Mal hier mal da war es einfach nur Slice of Life in der Zukunft oder im Weltraum, teilweise sogar recht solide oder gar nett beschrieben. Ich erhoffe mir von SF-Kurzprosa nur in der Regel mehr - und auch Slice of Life kann meines Erachtens mehr leisten.

 

Auf den schönsten Satz in der Anthologie weise ich auch gern hin: 

 "Der faulige Geschmack der Beatmungsflüssigkeit aus dem Hibernationstank wollte auch nicht verschwinden."

Zwar habe ich keine Ahnung, wie diese Flüssigkeit schmeckt, ich habe dem Autor aber jedes Wort geglaubt. 

 

Einzelne Details schienen mir nicht sehr gut recherchiert zu sein. Körper, die aus dem Kälteschlaf erwacht sind und schon durch die Gegend torkeln, sind doch nicht mehr vereist? 

  

In einer Kurzgeschichten sollten vielleicht nicht zu viele Personen vorkommen. Jemand sagte mir letztens, mehr als fünf wären nicht so gut. Falls man mehr braucht, sollten die einen klaren Statistenstatus haben (beispielsweise keinen Namen einführen, nur die Funktion). 

 

Ich glaube übrigens, dass ein gutes Lektorat einen Großteil der von mir bemerkten Schwächen aufgedeckt und beim Beseitigen geholfen hätte, was die Qualität der Geschichten deutlich angehoben hätte. Einiges davon wäre auch recht einfach zu beheben gewesen (Story ins Präsens setzen, Inquits ändern).

 

In mehr als einem Fall hatte ich das Gefühl, dass die Story für eine mir bekannte Ausschreibung verfasst worden war (Magic Future Money, Erstkontakt), aber entweder nicht rechtzeitig fertig wurde oder abgelehnt wurde. Das ist per se ja nicht verwerflich, Erstkontakt hatte ja so viele Einreichungen, dass auch ein paar richtig gute Geschichten leider abgelehnt werden mussten. Trotzdem, in dieser Anthologie habe ich vielleicht nicht die besten Beispiele dafür gefunden.

Wie bin ich zu dem Buch gekommen?

Es ist relevant für den DSFP 2022, und in diesem Jahr konzentriere ich mich auf die Kurzgeschichten.

Rezeption

Es gibt drei Fünf-Sterne-Rezensionen bei Amazon.

Hier im SF-Forum wird möglicherweise bald darüber gesprochen.

Alte enthaltenden Geschichten

Es gibt ja leider kein Inhaltsverzeichnis, alle Autor:innen werden aber genannt. Ich habe mühsam aus dem Buch abgetippt, hoffentlich fehlerfrei:

 

Alexander Klymchuk Himmelskörper

Alina Piotrowicz Der letzte Drink

Anatoly Weinstein Futur II

Kraft, Andreas Proband 13

Zinn, Annika Der Planet im Wurmloch

Annerhalden, Annina Nichts Menschliches

Vander, Brigitta Die vergessene Zeitmaschine

Mutzel, Christian Die Hölle des Basilisken

Schulz, Cornelia Es war einmal im Jahre 3000 ...

Schmidt, Eva Phantomschmerz

Greguletz, Frederik Der Astropath

Fischer, Jasmin Überall Gespenster

Behn, Jens Seelenbegegner

Lewandowski, Jessica Im Namen unseres Staates

Below, Johannes Neu-Eden

Nachtigall, Julia Die Prüfung

Piwek, Katarina The lost mechanic

Fieseler, Kristin Ruhe und Stille

Albrecht, Elias-Leander Vitus Djinn

Koß, Leon Auf höchster See

Berlin, Ben The show is over

Lehner, Maria Glossa

de'Winters, Matt Einstein

Spenger, Maximilian Weightless

Wust, Maximilian Der dritte Gott

Muhi, Miklos Eine sehr lange Nacht

Rinneberg, Moritz L. Die Argonauten

Schmidt, Nicole Schlafende Braut

Shepherd, Nob Idakra

Biro, Peter Fatale Entgleisung im Terra-Biolabor

Füllenbach, Robert Signalstörung

Galler, Sabine Die Botschaft

Hajibeigy, Setajesch Project Rainbow

Luccone, Sigrun Rebellion auf Häppel 1

Pomej, S. Zielplanet verfehlt

Maelle, Tessa Kollege 4.0

Neschkudla, Victoria Mia

Heckmann, Philipp Der Felsenweg

Gewinnertexte 2021

Information laut Homepage

1. Platz geht an: Jens Behn mit der Geschichte Seelenbegegner

2. Platz geht an: Peter Biro mit der Geschichte Fatale Entgleisung im Terra-Biolabor

3. Platz geht an: Silvia Pomej mit der Geschichte Zielplanet verfehlt

Braucht man kritische Rezensionen?

Noch ein persönliches Schlusswort. Normalerweise rezensiere ich in einer Anthologie die Geschichten, die ich gut fand und schweige zum Rest. Wenn mir etwas speziell aufgefallen ist, habe ich auch schon mal unten allgemein einige Anmerkungen gemacht zu Dingen, die mir negativ aufgefallen sind. 

 

Was man nicht vergessen darf: Ich lese zwar wirklich viel und schreibe auch selber, aber meine Meinung ist ja niemals allgemeingültig. Das ist mein Blog, meine persönliche Meinung. Nicht selten denkt jemand genau das Gegenteil. 

 

Daher habe ich versucht, möglichst genau zu begründen, was mir nicht gefallen hat. 

 

Besonders gut gefallen haben mir in den letzten zwei Jahren beispielsweise die Exodus, Nova, die Anthologien von Marianne Labisch und auch die letzte Alraune. Da gibt es natürlich auch mal hier, mal da eine Geschichte, die meinen Geschmack nicht voll trifft, wie oben gesagt, das halte ich für normal.

Unter der deutschsprachigen SF-Prosa gibt immer mal wieder extrem gute Kurzgeschichten, die locker international mithalten können (soweit ich das beurteilen kann und ich lese ab und zu die anglo-amerikanischen Magazine). 

 

Es wird viel veröffentlicht. Zu viel? Da gibt es viel Einerseits und Andererseits. 

 

Einerseits:

Herausgeben ist harte Arbeit. Ich lerne es ja gerade kennen (ich gebe mit Janika Rehak im Amrûn-Verlag eine Steampunk-Anthologie heraus, die bald erscheint). Selbst mit Unterstützung eines erfahrenen Genre-Verlags und selbst mit wirklich guten Kontakten ist es schwierig und es kann eine Menge schiefgehen, die unglaublichsten Dinge können geschehen. 

Autor:innen abzusagen macht keinen Spaß. Sie zu verlieren, weil man im Lektorat zu gründlich war, macht ebenfalls keinen Spaß. 

Der Herausgeber scheint laut Recherche Erfahrung darin zu haben, Bücher herauszugeben, in der SF-Szene habe ich ihn aber noch nicht entdeckt. Das ist vielleicht Neuland. 

 

Andererseits:

Ich will gute SF-Kurzprosa lesen. Möglichst viel, das mir gefällt. Und möglichst wenig Zeit mit schlechter Prosa verbringen!

Und die Storys dann in ihrem besten Gewand lesen (Stichwort Lektorat und Korrektorat). Gegen komische Inquits kann man im Lektorat etwas machen, gegen hölzerne Dialoge und Infodump in Dialogen ebenfalls. Man kann Personenkürzungen vorschlagen, wenn es zu viele sind. Hinweisen, wenn etwas unklar ist. 

Ja, das ist NOCH MEHR Arbeit. Ich weiß das. Dann aber lieber nur zwanzig Geschichten drucken lassen, diese bestmöglich betreuen und dem Rest absagen. 

Eine Zusage zeigt dem/der Autor:in "Ah, ich bin gut genug, die wollen meine Prosa."

Eine Absage kann zweierlei bewirken:

Jemand gibt auf.

Oder jemand arbeitet weiter an der Prosa und wird besser.

In beiden Fällen lese ich als Kurzgeschichtenenthusiastin später bessere Kurzprosa und weniger schlechte. 

 

Trotz allem - vielen Dank für die Arbeit, das Engagement und die Leistung. Ich hoffe, wir sehen und lesen uns beim nächsten Mal wieder und dann kann ich hoffentlich ein bisschen mehr schwärmen.

Harte Fakten

Titel Science Fiction Anthologie 2021 
herausgegeben von W. J. Marko 
Verlag BOD 
Rezensionsexemplar Freiexemplar für den DSFP 
Erscheinungsjahr 2022 
Seitenzahl 248 
Anzahl Geschichten 40 
Original Twitter Tweet https://twitter.com/Rezensionsnerd1/status/1526477890535161856 
Inhalte von Powr.io werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf die Cookie-Richtlinie (Funktionell und Marketing), um den Cookie-Richtlinien von Powr.io zuzustimmen und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in der Powr.io-Datenschutzerklärung.

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Dirk Osygus (Dienstag, 17 Mai 2022 10:05)

    Hallo Yvonne.
    Danke für die sehr umfangreiche und kritische Rezension der Anthologie. So etwas liest an doch eher selten.
    Viele Grüße,
    Dirk

  • #2

    Dieter Korger (Dienstag, 17 Mai 2022 11:29)

    Hallo Yvonne, da hast Du dir wirklich den Frust der Buchkritikerin von der Seele geschrieben. Sehr ausführlich und im Urteil begründet. Ein Marcel Reich-Ranicki hätte sicherlich erbarmungsloser geurteilt (wenn er denn je ScFi gelesen hätte). Von daher finde ich: Du hättest gar nicht so viel legitimieren müssen, wieso Du diesmal härter austeilst als sonst. Dein Ansinnen wird von Anfang an schnell klar.

  • #3

    Mirco (Dienstag, 17 Mai 2022 17:21)

    Immer feste druff, wenns Mist ist! Mehr davon!

  • #4

    Volker Dornemann (Donnerstag, 26 Mai 2022 19:21)

    Hallo Yvonne. Wie kommt man generell in den Genuss, von dir rezensiert zu werden? Bin selbst Autor und natürlich immer neugierig, was andere von meiner Schreibe halten. Vor allem, wenn Kritik professionell und konstruktiv ist, wie bei dir. LG, Volker