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Das Science Fiction Jahr 2019

Harte Fakten

Titel Das Science Fiction Jahr 2019
Herausgeber*innen Melanie Wylutzki, Hardy Kettlitz
Erscheinungsjahr 2020
Seitenzahl 560
Verlag Hirnkost

Mein Lesen des Science Fiction Jahres 2019: Nachsitzen

Auch auf den leisen Verdacht hin, dass das eher etwas für echte SF-Kenner*innen ist, habe ich das Buch bestellt, sobald ich es als eBook gesehen habe. Eine Rezension hatte ich schon in der Quarber Merkur gesehen, genau nachdem ich es gekauft hatte, entdeckte ich in der aktuellen phantastisch! (Nr. 79) ebenfalls eine.

 

Auch SF-Neulinge wie ich können Spaß an der Lektüre haben. Als aber etwas weiter ausgeholt wurde, habe ich gedacht: Na, es ist wohl sinnvoller, ich lese erstmal die Geschichte der deutschen SF von Hans Frey (Fortschritt und Fiasko). Kaum hatte ich da das Kapitel über den Einfluss amerikanischer und europäischer SF auf die deutsche SF begonnen, dachte ich: OK, ich habe es ja eh bereits gekauft, ich lese erstmal H. G. Wells Zeitmaschine. Genau das tat ich dann und es ist zu erwarten, dass die Lektüre des Science Fiction Jahres genauso laufen wird: Nicht einfach stringent durch, sondern von der Lektüre inspiriert hole ich ein paar Klassiker und Basiswissen nach. Als ich dann zur Lektüre zurückkehrte, stellte es sich als nützlich heraus, dass ich inzwischen auch Blade Runner und Robotgeschichten von Asimov gelesen hatte.

Inhalt: Was ist los in der Science Fiction zurzeit?

Ich erfahre hier einiges über die jüngere Geschichte der SF - beispielsweise, seit wann Superheldinnen auch weiblich sind. Oder über aktuelle Romane zum Thema Mond, Politik und China, die teilweise nicht einmal im engeren Sinne SF sind, sondern eher die Möglichkeiten der Gegenwart oder sehr nahen Zukunft ausloten wie Red Moon oder Power Failure.

 

Außerdem gibt es eine ziemlich coole Aufstellungen zu den tatsächlichen Projekten zum Thema Mond und Weltraum. Beispielsweise ist nun nach fünfzig Jahren die erste Gesteinsprobe vom Mond geöffnet worden, um sie zu untersuchen. Damals wollte man noch warten, da man sicher war, dass das Material später besser untersucht werden könnte und Mondlandungen macht man ja nicht alle naslang.

 

Ich gehe nicht auf jeden Artikel und jede Rezension ein und stelle nur heraus, was mich besonders gefesselt hat. Das Werk bietet mit seinen knapp sechshundert Seiten verflixt viel Content.

 

Joachim Paul: Perry Rhodan und Posthumanismus

Diesen Artikel möchte ich besonders herausstellen, weil ich ihn sehr informativ und unterhaltsam finde. Nicht nur, dass sehr gut erklärt wird, wie man sich in der Literatur und Popkultur Transhumanismus vorstellt, den Upload des "Geistes" in einen anderen Körper (sei es biologisch oder ein Roboter), der Vergleich Hardware/Software - der Autor findet hier klare, gut verständliche Worte. Mir war das zwar alles diffus bewusst, aber so klar habe ich das in Sekundärliteratur noch nicht beschrieben gefunden.

Außerdem gibt es einen geschichtlichen Abriss sowohl der Heftreihe Perry Rhodan, als auch zum Thema Posthumanismus, begonnen mit Asimov. Da bin ich doch echt froh, dass ich Asimov mittlerweile gelesen habe, und zwar BEVOR ich diesen Artikel hier las. Das Nachsitzen, bevor ich in der Science Fiction 2019 weitergelesen habe, hat sich also gelohnt.

Bemerkenswert außerdem: Wie früh die Perry Rhodan Reihe das Thema der positronischen Gehirne, Superintelligenzen und cyberpunkigen Körperteile bereits aufgenommen hat.

 

Dominik Irtenkauf: Post- und Transhumanismus in der SF-Literatur

Das ist ja ganz nett, aber ich hatte mir irgendwie mehr Beispiele erhofft. Klar, es werden ein paar Werke erwähnt, aber eher so in Nebensätzen. Ich hätte es auch genossen, wenn bei einigen in die Tiefe gegangen wäre, einige einander vielleicht sogar verglichen worden wären, ähnlich wie in dem Artikel zu PR von Joachim Paul die PR-Charaktere beispielsweise mit Star Treks Data verglichen worden waren. So blieb das für mich persönlich ein wenig zu theoretisch.

 

Rezensionen!

Ich lese gern Rezensionen. Manchmal lese ich sogar fast lieber Rezensionen als die Bücher. Besonders die von Christian Endres sind sehr unterhaltsam, informativ und einfach super geschrieben. Der Mann scheint ja auch irgendwie enorm viel gelesen zu haben und stellt Neuerscheinungen dann gleich in die passende Reihe, schlägt Brücken zu anderen Werken oder Autor*innen - einfach genial!

Ich habe ein paar Werke entdeckt, die ich auf meinen SUB lege, wenn auch ein paar davon eher in Nebensätzen erwähnt wurden oder ich lese erst einmal Band 1, rezensiert wurde aber Band 3.

Die Rezensionen sind ein Highlight: Mein Merkzettel ist wieder mal voller. Auch die Verrisse habe ich sehr genossen.

 

Es gibt noch einen sehr umfangreichen Rezensionsblock von Udo Klotz, der sich auf deutschsprachige SF konzentriert und mir sehr vollständig vorkommt. Mannomann - so viele Bücher sind hier erschienen? Auch Kleinverlage (und sogar SPler) werden beleuchtet - auch wenn es hier deutlich mehr Kritik hagelt als in jenem Rezensionsteil, in dem jedes Buch ein wenig mehr Raum bekommt und auch internationale Werke besprochen werden. So wird auch einiges doppelt rezensiert wie Max Annas Finsterwalde. Umso interessanter für mich, so habe ich zwei unterschiedliche Einblicke.

 

Es folgt ein sehr sympathischer Artikel von Simon Weinter "Wir einen Blick ins Otherland", 20 Jahre SF-Buchhandlung. Im Jahr 2018 feierte der kleine Buchladen "Otherland" (hieß früher UFO) in Berlin Kreuzberg Zwanzigjähriges Jubiläum. Eine Rückschau auf coole Bücher 2018 und 2019, eine Lesung mit Cixin Liu (mit anschließendem Essen und Bier trinken) - ich habe sehr gelächelt beim Lesen.

 

Es werden Serien besprochen, die ich hier zum Teil selber gerade schaue (The Expanse, 3%) oder schon fertig geschaut habe (The Rain, Dark), oder mit denen ich pausiere (The Man in the High Castle). Wie schon die Besprechung im Corona-Magazin macht auch diese hier Lust auf Westworld.

 

Es gibt einen Artikel zu Star Trek und massenweise Filmbesprechungen.

 

Perfekte Körper, unperfekte Welten: Von Cybertechnik und der Auslöschung marginalisierter Gruppe (von Lena Richter und Judith C. Vogt)

Bei der Einleitung denke ich noch: Ach, es geht um Cyberersatz für fehlende Körperteile, nicht mein Ding. Aber dann merke ich, dass es um etwas völlig anderes geht. Die Unsichtbarkeit, ja das Nichtvorhandensein behinderter Menschen in der Science Fiction. Es stimmt ja auch. Der männliche Protagonist beim Film Ghost verliert beispielsweise seine Augen und, zack, anstatt dass er von nun an blind ist, bekommt er Cyber-Augen verpasst.

In SF-Serien werden quasi keine Menschen im Rollstuhl gezeigt. Auch bei der Serie 3%, in der jemand mit Rollstuhl in Staffel 1 noch eine sehr tragende Rolle hat, wird gleich angedeutet, dass, sofern er es schafft, auf die reiche Insel zu kommen, man seine Behinderung heilen dort können wird. SF scheint für körperliche Behinderungen nur utopische Lösungen zu kennen. Was geschieht aber dadurch? Behinderungen werden unsichtbar.

Wenn ich behindert bin, werde ich plötzlich gar nicht mehr repräsentiert. Dabei gäbe es hier Möglichkeiten, wie die Autorinnen auch praktisch aufzeigen. Wie wäre es mit Maschinen, die den Körper von außen unterstützen? Sieht man selten. So in der Folge "Brother" (Staffel 2, Folge 1) von Star Trek: Discovery - endlich mal ein Besatzungsmitglied im Rollstuhl. Auch denkbar wäre, dass ein blinder Protagonist dank selbstfahrendem Auto autonom unterwegs sein kann.

Gäng und gäbe ist aber immer noch, Behinderungen mittels Cyberware "unsichtbar zu machen", so die Autorinnen. Sogar Brillen sieht man selten. Was aber sagt das den Behinderten? Für dich gibt es hier keinen Platz. Du bist hier nicht dabei.

Dabei könnten einige Behinderungen ja sogar Vorteile bieten. Wenn das Licht aus geht, können Blinde sich wie immer weiterhin orientieren. Eine krasse Sirene kann von Gehörlosen ausgeschaltet werden (Hörgerät).

Wenn ich mir so anschaue, was die Autorinnen vorschlagen und welche Ideen sie haben, bekomme ich sofort Lust, Protagonist*innen mit Behinderungen zu inkludieren (Sensitivity-Leser*innen würde ich dank Twitter wohl finden).

Wie wichtig es ist, Behinderte Menschen in SF-Literatur einzubinden, zeigt dieser Artikel wahnsinnig gut und mit teilweise sehr persönlichen Einblicken der beiden Autorinnen. 

 

Im Anhang gibt es noch massenweise Informationen zu beispielsweise Todesfällen, Preisen und den zahlreichen Mitarbeiter*innen an dieser Ausgabe. Ich habe gleich die Science Fiction 2020 hinterher gekauft, die bereits erschienen ist. Diesmal ist das Leitthema Diversität.

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